Reaktanz
Für viele Menschen wurden die Coronamaßnahmen zum Auslöser von Reaktanz. Laut Studien betraf das zeitweise rund ein Drittel der Bevölkerung. © imago images / Future Image / Christoph Hardt
Wenn Verbote das Gegenteil bewirken

Reaktanz entsteht, wenn Menschen den Eindruck haben, in ihrer Freiheit eingeschränkt und bevormundet zu werden. Das zeigte sich bei Coronamaßnahmen und beim Heizungsgesetz. Was steckt hinter dem psychologischen Effekt?
Ob beim Klimaschutz, während der Coronapandemie oder bei der Frage, wie gesund wir leben sollen: Immer wieder stoßen Regeln, Verbote oder gut gemeinte Ratschläge auf Widerstand. Statt ihr Verhalten zu ändern, reagieren einige Menschen ablehnend oder machen sogar genau das Gegenteil. Ganz nach dem Motto: Jetzt erst recht! Hinter solchen Reaktionen steckt ein psychologischer Effekt, die sogenannte Reaktanz.
Inhalt
Was ist Reaktanz?
Reaktanz ist ein psychologisches Phänomen. Gemeint ist eine Art innerer Widerstand, der entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, in ihrer Freiheit eingeschränkt oder bedroht zu werden. Menschen fühlen sich dann bevormundet und wollen die verlorene Freiheit wiederherstellen.
Laut dem Sozialpsychologen Benjamin Brummernhenrich zeigt sich Reaktanz emotional in Ärger, aber auch gedanklich. Menschen haben sofort Gegenargumente im Kopf und reagieren häufig mit einem Trotzreflex.
Reaktanz wurde bereits Mitte der 1960er-Jahre vom Sozialpsychologen Jack Brehm beschrieben. Je stärker Menschen eine Einschränkung ihrer Freiheit empfinden und je wichtiger ihnen der betroffene Bereich ist, desto heftiger fällt demnach ihre Reaktion aus. Das kann zu Wut, Aggression und offenem Widerstand führen - bis hin zum bewussten Übertreten von Verboten und Angriffen auf vermeintlich Verantwortliche.
Wo zeigt sich Reaktanz im Alltag und in der Politik?
Reaktanz zeigt sich in vielen Situationen des Alltags. Schon ein einfacher Hinweis wie ein Warnschild an einer Baustelle kann zu Reaktanz führen. Gerade in der Gesundheitskommunikation wird sichtbar, wie sich Reaktanz auswirken kann. Studien zeigen, dass Appelle, weniger zu rauchen, Alkohol zu trinken oder Fleisch zu essen, nicht nur Widerstand hervorrufen, sondern sogar das Gegenteil begünstigen und somit zu einem höheren Fleisch- oder Alkoholkonsum führen können.
Auch politische Entscheidungen können Reaktanz hervorrufen. Besonders sichtbar wurde das etwa in der Coronapandemie. Im Sommer und Herbst 2021 empfanden laut einer Studie rund 30 Prozent der Befragten Reaktanz gegenüber den Coronamaßnahmen. Die Impfkampagne gewann damals zwar an Tempo und Schnelltests wurden breiter verfügbar, gleichzeitig sorgten jedoch Unsicherheiten rund um AstraZeneca und die geänderte Impfempfehlung für Verwirrung.
Widerstand gegen Klimaschutzmaßnahmen
Auch bei Klimaschutzmaßnahmen reagieren viele Menschen mit Reaktanz. Bei Themen wie dem Tempolimit oder der Einschränkung des Fleischkonsums schalten manche oft automatisch in einen Widerstandsmodus. Debatten werden dann weniger inhaltlich geführt, sondern stark emotional aufgeladen.
Reaktanz kann dazu führen, dass Menschen Klimaschutzmaßnahmen nicht nur ablehnen, sondern bewusst gegenteilig reagieren. Das zeigte sich zum Beispiel in der Debatte um das sogenannte Heizungsgesetz 2023, das klimafreundlichere Heizungen fördern und Öl- und Gasheizungen stärker begrenzen sollte. Trotzdem wurden in diesem Jahr so viele Gas- und Ölheizungen verkauft wie nie zuvor. Gleichzeitig stieg aber auch der Absatz von Wärmepumpen deutlich. Die Debatte wirkte also in beide Richtungen.
Wann reagieren Menschen besonders stark mit Reaktanz?
Reaktanz beruht auf einem grundlegenden menschlichen Motiv: Das Bedürfnis, Freiheit zu erleben und selbst entscheiden zu können, ist tief im Menschen verankert. Entsprechend empfindlich reagieren viele, wenn sie das Gefühl haben, dass sie in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.
Wenn ein Verbot oder eine Einschränkung moralisch begründet wird, fällt die Reaktanz oft besonders stark aus, erklärt Neurowissenschaftlerin Kimberly Doell. Gleiches gelte für Botschaften von jemandem, der sich scheinbar anderen überlegen fühlt.
Auch Alarmismus könne Reaktanz verstärken. Wer zum Beispiel bei Warnungen vor dem Klimawandel vor allem mit düsteren Zukunftsbildern arbeitet, riskiert, dass Menschen innerlich auf Abstand gehen oder die Bedrohung ganz zurückweisen.
Ob Menschen mit Reaktanz reagieren, hängt laut Doell außerdem stark davon ab, wie groß ihr Vertrauen in die Quelle ist, zum Beispiel in Wissenschaftler. Die politische Orientierung spiele hingegen keine so große Rolle.
Auch Sozialpsychologe Benjamin Brummernhenrich vermutet, dass bestimmte politische Lager nicht grundsätzlich besonders reaktanzanfällig sind. Entscheidend sei vielmehr, worum es konkret gehe. Je nach Thema könne die Abwehr bei unterschiedlichen Gruppen dann besonders stark ausfallen.
Auch der individuelle Charakter spiele eine Rolle, nimmt der Psychologe Benjamin Rosenberg an. Wer weniger offen und eher neurotisch sei, neige vermutlich stärker zu Reaktanz.
Wie wird Reaktanz politisch und rhetorisch genutzt?
Reaktanz kann politisch instrumentalisiert werden, indem Maßnahmen so dargestellt werden, als nähmen sie Menschen die Freiheit oder etwas anderes weg. Ein Beispiel dafür: die Reaktion des CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn auf das Gebäude-Modernisierungsgesetz.
Anfang März 2026 sagte er, die CDU wolle das „Habecksche Heizungsgesetz“ abschaffen. Der Heizungskeller werde damit „wieder zur Privatsache“, die Bürger hätten „wieder die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie heizen“. Außerdem sprach er von „Gängelung" durch Habeck und versprach, dass nun wieder alle Heizungsarten möglich seien.
Seine Wortwahl bedient typische Elemente der Reaktanztheorie. Zuerst benennt er einen Verantwortlichen für die Einschränkung, in diesem Fall Robert Habeck beziehungsweise das Gesetz. Danach verspricht er, die verlorene Freiheit wiederherzustellen. So weckt er das Gefühl, bevormundet worden zu sein.
Wie Rechtspopulisten Reaktanz ausnutzen
Laut dem Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) nutzen Rechtsextreme und rechtspopulistische Akteure Reaktanz gezielt aus, indem sie Themen als Verlust individueller Freiheit framen und andere politische Kräfte als „Verbotsparteien“ darstellen. Zugleich überhöhten sie die Bedeutung von Themen, um den Reaktanzeffekt zu verstärken und Ärger sowie Wut politisch nutzbar zu machen.
Cemas betont außerdem, dass Reaktanz gesellschaftliche Veränderungen erschweren könne, weil Maßnahmen abgelehnt und diejenigen angegriffen würden, die für Veränderung stünden. Die Rolle von Emotionen werde dabei häufig unterschätzt, obwohl gerade solche Gefühle ein Einfallstor für Radikalisierung sein könnten, online wie offline.
Wie lässt sich Reaktanz vermeiden?
Es gibt mehrere Lösungsansätze, wie Kommunikation Reaktanz abschwächen kann. Matthias Hastall, Professor für strategische Kommunikation an der Technischen Universität Dortmund, plädiert für eine ehrliche Kommunikation auf Augenhöhe. Er nennt das auch „abwehrsensible“ Kommunikation. Gemeint ist, Informationen so zu vermitteln, dass sie nicht wie bloße Bevormundung wirken. Dazu gehört auch, Gründe zu benennen, warum etwas sinnvoll ist.
Hilfreich ist auch, Menschen Wahlmöglichkeiten zu lassen. Am Beispiel von Klimaschutzmaßnahmen bedeutet das: Mehr Zustimmung gibt es dort, wo nicht nur eingeschränkt, sondern auch Alternativen oder technologische Optionen sichtbar gemacht werden.
Eng damit verbunden sind auch Anreize. Laut der Transformationsforscherin Maja Göpel würden politische Maßnahmen am ehesten auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen, wenn sie als fair empfunden werden, dem Gemeinwohl dienen, ihr Ziel wirklich erreichen, einfach umzusetzen sind und auch dem Einzelnen etwas bringen.
Vertrauen aufbauen
Wichtig ist auch das Vertrauen in die Quelle, betont die Neurowissenschaftlerin Kimberly Doell. Wer glaubwürdig kommunizieren will, muss Vertrauen aufbauen und erhalten. Welche Ansprache funktioniert, hängt dabei stark von Kontext und Zielgruppe ab.
Erfolgversprechend sind laut Doell Botschaften, die an gemeinsame Grundwerte anknüpfen - etwa der Blick auf kommende Generationen. Dahinter steht die Idee, den Fokus auf Aspekte zu legen, bei denen viele Menschen in grundlegenden Fragen übereinstimmen. Denn: Auch wenn Debatten oft stark polarisiert wirken, gibt es häufig mehr Konsens, als es zunächst scheint.
Wer Reaktanz bei sich selbst bemerkt, kann prüfen, ob ihn wirklich der Inhalt stört oder eher die Art, wie etwas gesagt wurde. „Solche Abwehrreaktionen sind auch nicht immer schlecht und manchmal sogar nötig“, sagt Matthias Hastall, „weil die Realität überfordernd sein kann“. Hilfreich sei es außerdem, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und den eigenen Empfindungen und Emotionen mit einer gewissen Skepsis zu begegnen.
Onlinetext: Elena Matera



























