Volha Hapeyeva: "Wörterbuch einer Nomadin"

Sprache(n) einer Dichterin im Exil

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Buchcover: Auf bunten Untergrund steht der Titel und die Autorin
© Droschl Verlag

Volha Hapeyeva

Wörterbuch einer Nomadin Droschl Verlag, Graz 2026

200 Seiten

24,00 Euro

Von Lara Sielmann |
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Seit der Unterdrückung der Proteste im Jahr 2020 haben viele oppositionelle Intellektuelle Belarus verlassen. Was macht das Leben im Exil mit der Identität und Sprache? Mit dieser Frage setzt sich Volha Hapeyeva in ihrem neuen Buch auseinander.
Wie kann man immer wieder neu anfangen, sich niederlassen – wenn auch nur für einen zeitlich begrenzten Raum – und Vertrauen zu neuen Umgebungen aufbauen? Seit 2020 lebt die belarussische Autorin Volha Hapeyeva abwechselnd in Österreich und Deutschland, je nachdem, wo sie gerade ein Aufenthaltsstipendium hat. Bereits vor Ausbruch der Proteste 2020 in Belarus war sie als Stipendiatin in Graz und entschied sich, mit Blick auf die aussichtslose Situation in ihrem Heimatland, nicht zurückzukehren.
Seitdem lebt sie ein nomadisches Leben – ein Kernbegriff mehrerer Texte, für die sie unter anderem mit dem Wortmeldungen-Preis 2022 ausgezeichnet wurde: „Und doch hat die Nomadin als neuer Typus von Subjekt ein großes Potential. Sie ist jemand, die von Sprache zu Sprache springt, in mehreren Zeitzonen lebt.“
Die Nomadin Hapeyeva ist eine nachdenkliche, erforschende Figur, deren Fragen rund um Exil und Identität stark an Sprache geknüpft sind: Was ist eine Muttersprache? Was offenbart Sprache über ein politisches System, über Geschichte? Wie schreibt es sich in anderen Sprachen? Inwiefern sind Sprachen identitätsstiftend? Und: Aus welchen Wörtern besteht sie selbst?

Multilinguistin und feministische Tradition

Als promovierte Linguistin, Übersetzerin, Lyrikerin und Autorin kann Volha Hapeyevas Zugang zu ihrer Umwelt nur ein sprachlicher sein. So ist das „Wörterbuch einer Nomadin“ ein fließendes, poetisches Memoire, das die Kindheit und Jugend der Autorin streift, mit Exkursen zu Belarus selbst: der komplexen Geschichte des Landes, dem vergeblichen Versuch, Teil eines westeuropäischen Verständnisses zu sein.
Dabei zieht Volha Hapeyeva Parallelen zwischen dem Regime und patriarchaler Unterdrückung, knüpft an bereits verstorbene Autorinnen wie Virginia Woolf oder Etel Adnan an und schreibt sich in eine feministische Linie ein. Dabei breitet sie ihre Gedanken, Gefühle und Prägungen nachvollziehbar aus, ordnet politische Kontexte und feministische Theorie ein.
Durchzogen ist der Text von schönen sprachlichen Wendungen und Bildern; so kitzelt die Autorin zum Beispiel die deutsche Sprache: „[Sie] fühlt sich an wie ein Keks aus Mürbeteig. Sie ist von außen hart, aber sobald man sie in den Mund nimmt, krümelt sie und zergeht auf der Zunge.“ 

Reibung und Ambiguität

Umso verwunderlicher ist ihr sehr knapper Exkurs zu Transmenschen – in den Augen der Autorin ein Zeichen weiblicher Unterdrückung: „Und dann kommt mir der Gedanke, dass heute die Mädchen im Teenageralter, anstatt für ihre Rechte als Frau zu kämpfen, lieber ihr Geschlecht ändern und männlich werden.“
Bezieht sich Volha Hapeyeva sonst auf Denkerinnen wie Judith Butler und Donna Haraway (Ikonen der queer-feministischen Theorie) und untermauert ihre theoretischen Exkurse mit Zitaten und Bezugnahmen, belässt sie es hier bei einer kurzen Ausführung. Warum, bleibt unklar.
Man darf und muss Volha Hapeyeva widersprechen, wenn man nicht ihrer Meinung ist – wie die Autorin dieses Textes, die trans als Identität versteht und nicht als Antwort auf das Patriarchat. Man muss aber auch nicht mit Autorinnen und Autoren derselben Meinung sein – ganz im Sinne des kritischen Denkens. Mit „Wörterbuch einer Nomadin“ schreibt Volha Hapeyeva konsequent an ihrem Werk weiter, mit und an den Begriffen, die sie umtreiben.
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