Alhierd Bacharevič: "Europas Hunde"

Eine Kunstsprache, die Freiheit verspricht

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Buchcover von "Europas Hunde", grüne Schrift auf schwarzem Untergrund.
© Voland & Quist

Alhierd Bacharevič

Thomas Weiler

Europas HundeVoland & Quist, Leipzig 2024

744 Seiten

36,00 Euro

Von Olga Hochweis · 06.06.2024
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Alhierd Bacharevičs Roman „Europas Hunde“ ist in Belarus verboten, nachdem das Buch von offiziellen Zensurbehörden als extremistisch eingestuft wurde. Nun erschien die deutsche Übersetzung des Romans über das Leben in einer russischen Dystopie.
„Balbuta“ nennt sich die neugeborene Sprache, die Luft und Licht verschafft im Roman „Europas Hunde“. Ihr Schöpfer heißt Oleg Olegowisch - ein Misanthrop und Eigenbrötler - der sich dank einer „conlang“ (constructed language) in eine Welt von Freiheit, Schönheit und Poesie flüchtet.

Minsker Lebensrealitäten entfliehen

In dieser Kunstsprache gibt es kein kollektives und manipulatives „Wir“ -  stattdessen eine Vielzahl „freier und einzigartiger Ichs“. Die Sprache verheißt eine Existenz jenseits nationaler Zugehörigkeiten und gesellschaftlicher Vereinnahmung. Und gemeinsamen Genuss: Oleg teilt seine Obsession für „Balbuta“ mit zwei jungen Menschen, die wie er Minsker Lebensrealitäten entfliehen wollen.
Abweichende und abseitsstehende Figuren in einer normierten (und repressiven) Gesellschaft sind ein wiederkehrendes Element in den sechs Teilen dieses Mammutwerks. Sie scheinen auf den ersten Blick gänzlich unverbunden - so heterogen sind Sound und Settings, Protagonisten und Gattungen. Nach den ersten 150 Seiten der realistischen Balbuta-Geschichte aus der Großstadt folgt Dorf-Prosa inklusive eines Spionage-Thrillers: „Gänse, Menschen, Schwäne“ - angesiedelt im Jahr 2049 in der westlichen Provinz eines großrussischen Imperiums.

Eine Sprache, sechs Geschichten

Im Zentrum steht der 14-jährige Maučun, ein „Schweiger und Sagenichts.“ Er träumt davon, wie Nils Holgersson auf dem Rücken einer Gans davon zu fliegen, bis ihm unerwartet eine Spionin vor die Nase fällt.
Der dritte Teil, „Neandertaler Wald“ - ebenfalls in der Zukunft angesiedelt – karikiert eine bizarre mythologische Welt. Eine uralte Heilerin wird auf eine atomar verseuchte Insel verschleppt, wo identitäre Belarussen eine elitäre Gesellschaft aufbauen wollen.
Teil 4 und 5 kehren in ein realistisch gezeichnetes Minsk zurück, bevor der Roman im letzten Teil „Die Spur“ auf ein entfesseltes dystopisches Science-Fiction-Finale im Jahr 2050 zusteuert. Das abenteuerliche Roadmovie führt seinen non-binären Helden Teresius Skima von Berlin über Prag und andere Städte in ein Minsk hinter dem Eisernen Vorhang. Skima ist auf der Suche nach der Identität eines verstorbenen Schriftstellers, der in der Kunstsprache „Balbuta“ geschrieben hatte – der Kreis schließt sich. Immer wieder touchieren Figuren, Motive und Narrative aus allen sechs Geschichten einander in subtiler Weise. Doppelgänger-Motive finden sich darin ebenso wie ein Cameo-Auftritt des Autors Bacharevič und seiner Frau, der Dichterin Julia Cimafeeva.

Sieg der Phantasie über die Realität

Phantasievoll verwebt der Belarusse in seinem fulminanten Roman „Europas Hunde“ Zeit und Raum, Schauplätze, Figuren, Handlungsstränge und Gattungen (unter anderem Lyrik). Die Raffinesse dieses Meisterwerks beruht nicht nur auf der virtuosen erzählerischen Kraft, die - auch ohne Dechiffrierung zahlreicher literarischer und popkultureller Anspielungen und Zitate - sogartige Wirkung erzielt. Auch die Inhalte überzeugen: es frappiert und erschreckt, wie visionär und genau Bacharevič schon 2017 die Rückkehr eines imperialen großrussischen Reichs beschrieben hat.
Und doch feiert sein brillanter Roman vor allem den Sieg der Phantasie über die Realität. Im Zentrum steht die Schönheit und Freiheit von Literatur. Eskapismus als Befreiung. „Wir sind leicht wie Papier“ heisst der erste Romanteil über das Balbuta-Trio. Mit quasi gottgleicher Autonomie hat es eine Sprache erschaffen, die sich über Länder-und nationale Grenzen hinwegsetzt –und diversen Machthabern davonfliegt.

Balbuta-Wörterbuch ist beigefügt

Thomas Weiler hat das wortgewaltige Epos kongenial übersetzt und verrät auf seiner Homepage viel über die vielfältigen intertextuellen Bezüge. Bemerkenswert auch, dass er bei seiner Übersetzung sowohl mit dem belarussischem Original, als auch mit der russischen Übersetzung gearbeitet hat.
Alhierd Bacharevič selbst hatte seinen Roman ins Russische übertragen und dabei einige Änderungen vorgenommen. Kleines Bonbon obendrauf, dass dem Buch ein kurzes Balbuta-Wörterbuch beigefügt ist.


 
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