Tomer Dotan-Dreyfus: "Gavdos"

Eine schräge Kommune sucht die Unsterblichkeit

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Buchcover des Romans "Gavdos": Ein übergroßes lila Ei, um das mehrere Ziegen stehen, auf einer steinigen Insel
© Voland & Quist

Tomer Dotan-Dreyfus

GavdosVoland & Quist, Berlin 2026

168 Seiten

24,00 Euro

Von Maximilian Mengeringhaus |
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Tschernobyl-Ersthelfer auf der giechischen Insel Gavdos, eine Kommune im Geiste Pythagoras' und die Suche nach ewigem Leben: Tomer Dotan-Dreyfus will intellektuell brillieren, verbaut aber viel Wikipedia-Wissen. Dennoch ist sein Roman unterhaltsam.
35 Kilometer südlich von Kreta liegt die spärlich besiedelte Insel Gavdos. Der antiken Sage nach beherbergte die Nymphe Kalypso hier den Kriegsheimkehrer Odysseus, auch der Apostel Paulus soll vor der Küste seinen Schiffbruch erlitten haben. Sofern sich beides nicht doch vor Malta abspielte oder tatsächlich nie geschehen ist, wie das mit Legenden eben so ist.
Aus dem Reich der Fabeln scheint auch die Geschichte über die Gruppe sowjetischer Naturwissenschaftler zu stammen, die Tomer Dotan-Dreyfus ins Zentrum seines schauplatzbetitelten Romans "Gavdos" setzt: Nach der Reaktorhavarie von Tschernobyl verschlägt es eine Handvoll kontaminierter Ersthelfer auf die isolierte Insel, wo die Frauen und Männer allerdings nicht qualvoll sterben, sondern im Gegenteil eine Kommune im Geiste des vorsokratischen Philosophen Pythagoras gründen, die das ewige Leben propagiert.
Natürlich wittert der junge Journalist Gilad, als er Wind von der sonderbaren Gemeinschaft bekommt, eine Story. 

Unsterblichkeit zu erlangen durch die Ideen eines griechischen Philosophen, der, nun ja – tot ist, und das schon seit geraumer Zeit, das musste ich mir selbst ansehen. In Berlin schießen Longevity-Kliniken wie Pilze nach dem ersten Herbstregen aus dem Boden. In manchen zahlen die Leute Tausende, um sich eine Spritze verabreichen zu lassen, in anderen sitzen sie in einem ruhigen Raum und nehmen eine Tablette ein. In der Kommune hier auf Gavdos gehen sie das Thema anders an. Wenn die Geschichten, die ich gehört habe, stimmen, dann ist die Unsterblichkeit für diese Menschen eine Lebensweise – nicht Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst.

Insel des ewigen Lebens

Berufsbedingt ein Skeptiker, muss Gilad nach der Ankunft auf Gavdos verblüfft feststellen, dass den Gerüchten über die Pythagoräer mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit innewohnt. Verwundert reibt sich auch der neugierige Leser die Augen, nachdem er argwöhnisch die Suchmaschinen anwirft: Denn die spiritistische Sowjetenklave existiert offenbar wirklich. Ein Dokumentarfilm von 2013 porträtiert ihre Mission. Ein Spiegel-Artikel aus dem Folgejahr beglaubigt immerhin die Rahmenbedingungen des Szenarios.
Auch Tomer Dotan-Dreyfus bekennt, er sei vor einigen Jahren nach Gavdos gereist, um sich ein Bild zu machen. Der aus den Eindrücken hervorgegangene Roman ist eine Spekulation über Liebe und Vergänglichkeit, im Geiste von Milan Kundera oder Gabriel García Márquez. Wobei Dotan-Dreyfus die Grenzen des magischen Realismus lustvoll ausreizt.
So treten Kalypso oder Paulus als Figuren auf. Auch der 2021 verstorbene deutsche Dichter Hartmut Geerken, der selbst eine spezielle Beziehung zur griechischen Insel pflegte, hat seinen Cameo als faustischer Doktor beziehungsweise Koschtschei: ein Dämon des ostslawischen Aberglaubens, der seine Seele aus dem Körper auslagert, und somit schwer nur getötet werden kann, wie einer der Pythagoräer dem verblüfften Gilad erläutert.

‚Wo … wo versteckt der Koschtschei seine Sterblichkeit?‘ ‚In einer Nadel. Die wird dann in einem Ei versteckt. Das Ei soll in einem Tier versteckt werden, und das Tier soll auf einer Insel weit weg exiliert werden. Oder so ähnlich.‘ Die Menge an merkwürdigen Informationen, die ich unvoreingenommen willkommen heißen kann, ist begrenzt. Will er mir gerade erzählen, dass Hartmut der Koschtschei ist? Dass er eine Nadel in ein Ei reintut, dann das Ei in eine arme Ziege steckt, die hier auf der Insel danach mit einem beschissenen Ei im Arsch herumläuft?

Berauscht vom eigenen Anspielungsreichtum

Und was will Tomer Dotan-Dreyfus uns Lesern erzählen? Wild würfelt er mythologische Komplexe verschiedener Zeiten und Kulturkreise durcheinander, vom Gilgamesch-Epos bis zum Sonnenkult der nigerianischen Igbo. Sein Ich-Erzähler Gilad ist nach einer Trennung selbst schwer erkrankt. Die angedachte Reportage wächst sich zum Roman aus, der einem Abstieg ins Totenreich gleichkommt, wie ihn auch Odysseus bei Homer bestreitet.
Als würde das nicht reichen, wird die Unsterblichkeitssehnsucht in zig Flashbacks aus sozialistischer Widerstandskämpferperspektive mit antikapitalistischer Kritik verquickt.

Das ist der Kapitalismus: Die wichtigsten Werte sind numerisch. Bei allem anderen – Liberalismus, Feminismus, Menschenrechte, Nationalismus – bleibt man flexibel und stellt sich auf die Seite, wo mehr Profit zu machen ist.

Woran schon der Debütroman "Birobidschan" krankte, daran leidet nun auch "Gavdos". Man könnte es das Christopher-Nolan-Syndrom nennen. Denn wie der Blockbuster-Regisseur von "Inception" oder "Interstellar" gibt sich auch Tomer Dotan-Dreyfus nicht mit der philosophisch anspruchsvollen Fragestellung zufrieden, nein, er will sie gleich auch beantworten und dabei noch intellektuell brillieren.
Die sprechenden Figurennamen, der daueraugenzwinkernde Anspielungsreichtum, alles soll hier seine mehrfachen Bedeutungsebenen erhalten. Obendrein wird doch arg viel Wikipedia-Wissen verbaut und selbst das angenehm delirierende Inselsetting ist so neu nicht: 2020 erhielt der nordmazedonische Autor Petar Andonovski für einen ähnlich gelagerten, allerdings noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman einen der Literaturpreise der Europäischen Union. Sei es drum. "Gavdos" ist ein durchaus unterhaltsamer Roman. Er nimmt sich bloß viel zu ernst.
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