Elias Hirschl: "Schleifen"

Von Teufelskreisen und Zirkelschlüssen

06:13 Minuten
Buchcover des Romans "Schleifen" von Elias Hirschl, gestaltet mit großen orangefarbenen, aus geschwungenen Linien geformten Buchstaben auf schwarzem Hintergrund sowie einem gelben Aufkleber mit dem Hinweis „Deutscher Buchpreis 2026 Shortlist“
© Paul Zsolnay Verlag

Elias Hirschl

SchleifenPaul Zsolnay Verlag, Wien 2026

416 Seiten

26,00 Euro

Von Maximilian Mengeringhaus |
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In seinem neuen Roman erzählt Elias Hirschl von einer sprachskeptischen Sekte und begriffsvernichtenden Medikamenten: "Schleifen" bietet unterhaltsam konsequente Metaliteratur in den Fußstapfen von Jorge Luis Borges.
Franziska Denk ist ein Sprachschwamm. Im Alter von elf Jahren hat sie sich bereits fünf Sprachen selbstständig beigebracht und weiterentwickelt. Ein Wunderkind, das für seine Begabung einen hohen Preis zahlt.
Denn wann immer Franziska die Nennung einer Krankheit aufschnappt, entwickelt sie sogleich deren Symptome - vom Schnupfen über Scharlach bis hin zu Pest und Cholera. Nach ein paar Tagen dann ist alles mühsam auskuriert, bis sich erneut jemand in Franziskas Gegenwart aus Versehen verplappert.
An ihrem eigenwilligen Leiden ändert auch der erzwungene Ortswechsel an die US-Ostküste nichts, wohin Franziska gemeinsam mit ihren Akademikereltern vor dem Austrofaschismus flieht. Hier setzt die Handlung von Elias Hirschls neuem Roman „Schleifen“ ein, im Sommer 1936.

Ein Wunderkind im Exil auf Rhode Island

Im Exil auf Rhode Island wächst Franziska zu ihrem eigenen Wohl ohne Sozialkontakte auf, bis ihr zufällig der Brief eines jungen Mathematikers aus Oxford, eines gewissen Otto Mandl, in die Hände fällt. Rasch entspinnt sich eine Korrespondenz zwischen den Seelenverwandten.

Beide waren auf ihre eigene Art einsam. Beide waren in ihrem jeweiligen Umfeld gleichzeitig massiv über- und unterfordert und spürten den immensen Drang, diese zunehmend verwirrende Welt verstehen und bewegen zu wollen.

"Schleifen" von Elias Hirschl

Gewaltbereite Sprachskepsis: Terror gegen Wörter

Nach Jahren der Brieffreundschaft, in denen Franziska sich mit Ottos Hilfe allmählich gegen ihre psychosomatische Erkrankung immunisiert, treffen die beiden 1952 in Westberlin zusammen. Dort gründen sie eine avantgardistische Denkfabrik an der Schnittstelle von Sprachphilosophie und konkreter Poesie.
Doch das Trauma ihrer Krankheitsgeschichte lässt Franziska nicht los, sie entwickelt eine Sprachpsychose. Kein Zeichensystem scheint ihr zur Erfassung von Welt und All wirklich angemessen. Franziska verzweifelt an eigenen Plansprachen, bis sie schließlich an der Spitze der „Nonverbalistischen Bewegung“ dem Konzept der Sprache selbst den bewaffneten Kampf erklärt, in Form von willkürlichen Terroranschlägen:

Da die Sekte es auf jede Form von Sprache abgesehen hatte, konnte jede Firma, ja jede x-beliebige Privatperson Ziel ihrer Attacken werden, denn letzten Endes arbeiteten alle Menschen auf die eine oder andere Weise mit Sprache.
Es konnte jeden treffen: Pendler, die frühmorgens in der U-Bahn Zeitung lasen, alte Frauen, die sich zum Kaffeeklatsch trafen, den Moderator eines mittelmäßigen Poetry Slams. Niemand war sicher. Mitunter wurden auch Gehörlosenschulen angegriffen, da die Nonverbalisten keinen Unterschied zwischen mündlicher und Gebärdensprache machten.

"Schleifen" von Elias Hirschl

Es bröckeln die Säulen der Erde: Wenn die Sprache kollabiert

Otto hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits von der Gruppierung entfremdet. Im Archiv der Humboldt-Universität stolpert er über eine unpublizierte Abhandlung seines Vaters und verliert fortan den Verstand über der Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Identitätsaussagen.
Ganz schön metamäßig geht es also zu in Elias Hirschls „Schleifen“ mit seinen vielen verschlungenen Handlungssträngen und anagrammatischen Doppelgängerfiguren. Auf zig Erzählebenen treibt Hirschl unterhaltsamen Schabernack mit der Semantik, immer an der Grenze zum absoluten Mindfuck. Entweder wiederholt sich alles oder Zeichen und Bezeichnetes kommen so gar nicht zur Deckung.
Die Romanrealität hält die paradoxalen Zerreißproben, die Franziskas und Ottos Sprachexperimente immer weiter auf die Spitze treiben, irgendwann nicht mehr aus, sie gerät aus den Fugen. Der gregorianische Kalender kollabiert, mehrere Kardinäle namens Jim Blum versuchen, ein Konklave für sich zu entscheiden, und Franz Kafka wird des Selbstplagiats überführt.
Von skurrilem Klamauk sind die Episoden über die „Semantostatika“, das sind Medikamente, die Schmerzen unterbinden, indem sie deren Begriff aus dem Bewusstsein der Menschen tilgen.

Jorge Luis Borges als Vorbild: Elias Hirschls Zirkelschluss

Die Menschen hatten nicht deshalb keine Schmerzen mehr, weil sie tatsächlich keine Schmerzen mehr hatten, sondern weil sie keine Vorstellung von Schmerz mehr hatten. Das bestätigten Studien, in denen Befragte, die das Medikament genommen hatten, den Begriff auszublenden schienen, als ob sie noch nie davon gehört hätten.
Man spielte ihnen einen Videoclip von einem Mann vor, der sich das Knie an einem Tisch stieß und daraufhin in wütende Flüche ausbrach. Man fragte die Probanden, warum der Mann diese Reaktion zeigte.
Die Antworten waren unterschiedlich und erstreckten sich von "Weil er schlecht geschlafen hat" über "Weil er von der Arbeit kommt und dort sein Chef gemein zu ihm war" bis zu "Er hat plötzlich festgestellt, dass er ein Knie besitzt, und war deshalb verständlicherweise sehr schockiert". Keiner der Probanden konnte Schmerz als Handlungsgrund angeben.

"Schleifen" von Elias Hirschl

All dieser Aberwitz rekurriert immer wieder auf das titelgebende Motiv der „Schleifen“, ein vielfach aufgefaltetes Möbiusband ohne Anfang oder Ende. Man kann sich aber auch an M. C. Eschers „Drawing Hands“ oder eine Mise en abyme erinnert fühlen, wenn Franziska Denk einen autofiktionalen Roman namens „Schleifen“ schreibt, dessen Personal die Handlung in Hirschls gleichnamigem Werk entscheidend vorantreibt.
Dem Ganzen ist ein Zitat von Jorge Luis Borges vorangestellt, aus der Erzählung „Die Bibliothek von Babel“, die angeblich das gesamte Wissen über das Universum enthält. Im besten modernistischen Sinne des "Make it new" hat sich Elias Hirschl diese und weitere ikonische Erzählungen von Borges vorgenommen und auf ihrer Grundlage einen narratologischen Teufelskreis gezirkelt. Wie schon Borges erfindet er Quellen und nimmt nebenbei den Fußnotenfuror der Philologie auf die Hörner.
Hirschls Humor lässt das lockerleicht aussehen, wenngleich das Faible fürs Absurde mitunter überhandnimmt und der Wille zur Welthaltigkeit mit den vielen Anspielungen auf unser Zeitgeschehen das Gedankenspiel ein wenig in die Länge zieht. Sei’s drum, solch einen ideenvollen und risikofreudigen Roman muss man Elias Hirschl erstmal nachmachen. Das Konzept geht auf, quod erat demonstrandum.
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