Am Beginn von „Unerwünschte Töchter“ steht ein Schrank: Kirschholz, dunkle Ölung, Kranzgesims. 1912 ließ Margarethe ihn in Dresden anfertigen. Über die Jahre wird er drei Generationen von Frauen begleiten: Margarethe, Marianne und Monika. Er überdauert zwei Weltkriege, zieht um von Dresden nach Meiningen und Königsbrück. Bis er schließlich im Besitz von Miriam Carbe landet: Margarethes Urenkelin – und Autorin.
Als meine Mutter starb, fürchtete ich diesen Schrank und wollte ihn nicht haben. Ich war froh, als mein Liebhaber mir anbot, ihn für mich aufzubewahren. Er stellte ihn in sein Schlafzimmer. Der Schrank stand vor ihm, als er in meiner Abwesenheit mit seiner früheren Freundin telefonierte und mit ihr über seine Absicht sprach, mich zu verlassen. Als er wegen seiner Depressionen einige Wochen in einer psychosomatischen Klinik verbrachte und mir am Telefon sagte, ich verlangte zu viel Verbindlichkeit von ihm, mietete ich am übernächsten Tag einen kleinen Transporter und holte den Schrank ab.
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Das Vermächtnis der Frauen
Die Männer gehen, der Schrank bleibt. In der Kulturwissenschaft hat die Forschung zur sogenannten „Dingkultur“ in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erfahren. Die Theorie lautet: Materielle Objekte umgeben uns nicht einfach, sondern sie treten in komplexe Beziehungen mit den Menschen, ja, sie entwickeln bisweilen eine eigene Handlungsmacht. Auch der Schrank, den Miriam Carbe geerbt hat und dem sie nun das erste Kapitel ihres Debütromans widmet, ist alles andere als ein unbelebtes Möbelstück. Über hundert Jahre beherbergte er die Literatur, die die Frauen begleitet. Bis Miriam Carbe das zweite hineinstellt, das ihre Vorfahrinnen ihr vermacht haben: deren Tagebücher. Der Schrank versammelt die Frauenstimmen. Er ist der Sitz des Familiengedächtnisses – und der Ausgangspunkt für Carbes eigenes Schreiben.
Zeit des Umbruchs
Der Anfang dieser Geschichte ist auch der Anfang eines neuen Jahrhunderts. Um 1900 war das Automobil gerade erfunden, in der Villa Parsifal in Dresden blickt man stolz auf die neu angeschafften elektrischen Lampen. In dieser Zeit des Umbruchs wächst Margarethe, die Urgroßmutter, vom Mädchen zur jungen Frau heran. Die Eltern hatten sich einen Sohn gewünscht, nun aber empfinden sie das Gemüt ihres Kindes als zu jungenhaft. Die erste der „unerwünschten Töchter“ ist ebenso bestimmend wie stürmisch, die Regeln im großbürgerlichen Elternhaus sitzen eng. Also nistet sie sich in ihren Lektüren ein, erzählt sich ihre eigene Welt.
Die Liebe zum Wort verbindet alle vier Frauen, erklärt Miriam Carbe. „Lesen und Literatur ist sehr existenziell. Meine Urgroßmutter war eine Goetheanhängerin, die zu Goethe gegriffen hat, wie andere zur Bibel. Lesen war auch Flucht für die Frauen in meiner Familie. Es war auch ein bisschen Distinktionsmerkmal. Man las viel und mehr und war belesener als die anderen. Und es war auch eine Form der Selbstvergewisserung und auch die Möglichkeit, sich andere Lebensentwürfe vorzustellen.“
Das Schreiben stellt also einen Teil des familiären Vermächtnisses dar – eine Form der Sprachfindung, die vielleicht auch deshalb notwendig ist, weil so viel geschwiegen wird. Bereits als Kind wird Margarethe nicht mit Gebrüll bestraft, sondern mit Stille. Jahrzehnte später wird man die Geburt der eigenen Urenkelin, Miriam Carbe, vor ihr verbergen, weil diese Schwarz ist.
Erzählerische Suchbewegung
„Unerwünschte Töchter“ ist ein Debütroman – seine Autorin ist Jahrgang 1967 und Redakteurin bei Arte. Dieser reiche Erfahrungsschatz aus dem Bereich des filmischen Erzählens wird vor allem in der klugen Komposition des Romans spürbar. Carbe folgt der Geschichte von Margarethe, Marianne und Monika chronologisch – mit der Geburt einer neuen Tochter geht auch die Perspektive an diese über. Immer wieder druckt die Autorin auch Auszüge aus den gefundenen Tagebüchern ab.
Durchbrochen wird dieses dokumentarische Verfahren von Kapiteln, in denen Carbe selbst als Ich-Erzählerin auftritt. In diesen Passagen sucht sie nach Verbindungs- wie Bruchlinien in der Familiengeschichte. Und sie setzt sich selbst als Schwarze Frau in Beziehung zu dieser. Bisweilen hat man dabei das Gefühl, lesend einem psychoanalytischen Gesprächsprotokoll zu folgen: Es gibt weniger eine Handlung im klassischen Sinne, stattdessen konstelliert die Autorin assoziativ biografische Fragmente. Die Suchbewegung nach dem eigenen Platz in der Nachfolge der drei Frauen avanciert zum Erzählprinzip.
Meine Urgroßmutter Margarethe war eine strenge Mutter. Auf die aus ihrer Sicht falschen Lebensentscheidungen meiner Großmutter Marianne hat sie später scharf reagiert. Die ersten drei Jahre meines Lebens wurde ich meiner Urgroßmutter verschwiegen. Als ich in die Schule kam, musste ich dieser fremden und unheimlichen Frau Briefe schreiben, die dann mit ihren roten Korrekturen und getrockneten Blüten zurückkamen.
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
„Unerwünschte Töchter“ beeindruckt vor allem durch diesen Wechsel in Schreibverfahren und Ton. Eine komplexe Umsetzung dessen, was man im Film als „Shot-Reverse-Shot“ kennt. Denn während Miriam Carbe an solchen Stellen von außen auf die ihr fremde Urgroßmutter blickt, übernimmt sie über weite Strecken radikal deren Perspektive – ebenso wie die der anderen Vorfahrinnen. Innen- und Außenperspektive reiben sich auf diese Weise immer wieder aneinander.
Die Komposition macht die große Spannbreite im Verhältnis der Frauen spürbar: Da ist die enorme Zärtlichkeit, die Liebe. Aber auch die großen Verletzungen, das massive Unverständnis für die Lebensentscheidungen der jeweils anderen. Zwischen Nähe und Distanz gibt es vor allem eine Konstante: das unbedingte Aufeinander-Bezogen-Sein dieser vier Biografien. Das jeweilige Selbstverständnis ist untrennbar verwoben mit den anderen.
Doppelte Geschichtsschreibung
Einmal schreibt Carbe, dass ihr die Umzüge der Urgroßmutter wie ein Abstieg „von der feudalen Villa Parsifal in Dresden bis zum Ende eines langen Ganges in einem gesichtslosen Altersheim“ erschienen. Der Vergleich zu der größten literarischen Abstiegserzählung, Thomas Manns „Buddenbrooks“, liegt nahe – und ist sicher nicht verkehrt.
Mehr noch schreibt Carbe sich aber in die Tradition großer weiblicher Erzählerinnen ein: beispielsweise Elsa Morante. Mit ihr verbindet die Autorin zum einen, dass sie eine Geschichte im doppelten Sinne schreibt: „Unerwünschte Töchter“ widmet sich einerseits der familiären, der kleinen Geschichte. Und macht darüber andererseits die große, historische Geschichte erzählbar. So schwingt beispielsweise von Beginn an der alltägliche Rassismus und Antisemitismus mit, der nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend in den Vordergrund rückt.
Zum anderen erzählt Carbe – ähnlich wie Morante – die Historie eben nicht aus der Perspektive derjenigen, die in ihrem Zentrum stehen, sondern widmet sich denen, die am Rande mitlaufen. Dieses Mitlaufen wiederum ist auch im übertragenden Sinne zu verstehen. Als junge Frau wird Marianne überzeugte NS-Anhängerin, findet schließlich einen Job in der Kaserne und verliebt sich in ihren Chef, Alfred Carbe. Ein Jurist, der unter anderem die Todesurteile für Deserteure bearbeitet.
Auf seinem Todesurteil standen drei Unterschriften, eine davon war die von Alfred Carbe. Marianne hatte neben ihm gestanden, als er zu seinem dunklen, machtvollen A angesetzt hatte, zu seinem heiter gebogenen C. So darf er nicht reden, hatte sie gesagt. Aber gleich Todesstrafe? Ich bin Jurist, ich muss nicht denken, sondern nach geltendem Recht handeln. Und wenn ich es nicht unterschreibe, entscheidet der Kommandant, es ändert ohnehin nichts. Das stimmte natürlich, dachte Marianne, sie waren nur kleine Rädchen in einem gewaltigen Getriebe.
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Das „Rädchen im Getriebe“ ist spätestens seit Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ zur Formel geworden. Der Versuch Mariannes, Alfred Carbe vom Unterschreiben des Todesurteils abzuhalten, könnte ein Zeichen ihrer beginnenden Zweifel am NS-Regime sein. Doch reflektiert Carbe hier – wie in vielen anderen Momenten – auch die Leerstellen ihres eigenen Wissens.
Hat sie ihn gewarnt, weil sie schon ahnte, dass es eine Zeit nach dem Nationalsozialismus geben würde? Oder weil ihr der Deserteur leidtat? Hat sie ihn überhaupt gewarnt?
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Die Passage lässt sich auch als Reflexion des eigenen Schreibverfahrens lesen. Die Tagebücher, das Gefundene, werden erst durch das Erfundene erzählbar. Gerade deshalb bleiben die Fragen stehen. Sie machen transparent, wie groß die Lücken sind.
Ich orientiere mich in der groben Struktur schon an den Tagebüchern, aber ganz, ganz vieles weiß ich nicht und habe ich erfunden. Und es gibt auch Personen, von denen ich genau weiß, daß es sie nicht gegeben hat, die ich aber dazu erfunden habe, weil ich fand, dass sie da gut reinpassen.
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Unzuverlässige Erzählerinnen
Dabei spielt auch immer wieder eine Rolle, dass es sich bei allen Frauen in ihren Tagebüchern um unzuverlässige Erzählerinnen handelt. Manches wissen sie nicht – oder wollen es nicht wissen. Die Frauen sind eben Geschichtenerzählerinnen.
Die Unzuverlässigkeit betrifft in besonderem Maße Monika, die Mutter von Miriam Carbe. Als das Kind von Alfred Carbe und Marianne Grundmann 1944 zur Welt kommt, ist der Vater bereits im Krieg gefallen. Zwei Sätze hat er zuvor niedergeschrieben. Sätze, die Marianne im Falle seines Todes alle Rechte einer Ehefrau zugestehen – und Monika vor dem Status des unehelichen Kindes bewahren. Trotzdem steht sie von Beginn an schräg zu den familiären Linien. Anders als Marianne, die nie zunahm, wird Monika rundlich, kämpft ebenso mit ihrer Mutter, wie mit dem eigenen Körper. Als junge Frau flüchtet sie sich ins Schreiben – bis sie schließlich einen ersten psychotischen Schub erleidet und nach Bethel eingeliefert wird.
In Bethel wird Monika eine Schlafkur verordnet, sie erholt sich und macht später mit ihrer Klasse Abitur. Die Diagnose lautet Nervenüberreizung, wozu Monika selbst in ihr Tagebuch schreibt: "Ich wusste es natürlich besser. Die gleiche ‚Krankheit‘ fand ich bei Dostojewski, Kleist, Musil.“
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Wolle sie einen neuen Schub vermeiden, so lautet das ärztliche Urteil, dürfe sie nie wieder literarisch schreiben. Mit „Unerwünschte Töchter“ legt Carbe also auch den Roman vor, den die eigene Mutter nie verfassen konnte – und arbeitet dabei auch heraus, wie weitreichend die Krankheit Monikas für ihr eigenes Aufwachsen war. Müsste man etwas an dem Buch kritisieren, dann wäre es, dass Monika im Vergleich zu den anderen Frauen weniger Raum zukommt. Das ist schade, denn in ihrer Eigenwilligkeit, dem Verhältnis von Selbstbewusstsein und Selbstverachtung ist ihre Geschichte wohl die komplexeste; ihr Verhältnis zu den anderen Frauen das komplizierteste.
Trotz weiterer Zusammenbrüche studiert sie, sucht auch an der Universität Magdeburg nach Zugehörigkeit. Überall fühlt sie sich fehl am Platz – bis sie schließlich den jungen Nigerianer Akang kennenlernt. Sie liest Karl Marx, er studiert Diplom-Genossenschaftsökonomie. Aus der Unwahrscheinlichkeit der Begegnung entsteht eine zarte Verbindung. Bis Monika schwanger wird. Der latente familiäre Rassismus, der zwei verlorene Weltkriege und das Dritte Reich überdauert hat, entlädt sich am ungeborenen Kind.
Es sind zwei verschiedene Rassen, sagte Onkel Kalle. Wenn man zwei Rassen kreuzt, kommt etwas Minderwertiges heraus. Ich bin ausgebildeter Landwirt. Pferd und Esel kann man kreuzen, weißt du, was rauskommt? Ein Maultier oder ein Maulesel. Ein Bastard, der unfruchtbar ist.
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Von Parsifal zu Feirefiz
„Unerwünschte Töchter“ beginnt in der Villa Parsifal. Parsifal, so heißt die 1882 uraufgeführte Oper Richard Wagners, den Margarethes Eltern glühend verehrten. Der für seinen Antisemitismus und völkischen Nationalismus berüchtigte Wagner hatte sich an dem Artusroman „Parzival“ Wolframs von Eschenbach orientiert, seine Vorlage allerdings um eine entscheidende Figur beraubt: Parzivals Halbbruder und Gefährte Feirefiz, der aus der ersten Ehe des gemeinsamen Vaters mit der „Mohrenkönigin“ Belacane hervorging – und der Legende nach schwarz-weiß gemustert sein soll. Die Freundschaft zwischen den ungleichen Brüdern passte nicht zu den politischen Überzeugungen Wagners – und sie hätte wohl auch nicht in die Villa Parsifal gepasst.
Doch während der Artusroman eine dezidiert männliche Heldenerzählung ist, schreibt Carbe eine weibliche Geschichte.
Dass alle Namen mit M beginnen, ist kein Zufall, sondern wurde gewollt dem Umstand entgegengesetzt, dass die Väter den Nachnamen bestimmen. Es sollte die dadurch verschleierte Abstammung hervorheben.
Aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Nicht umsonst stehen mit dem Schrank und den Tagebüchern Erbstücke am Beginn dieses Romans. In „Unerwünschte Töchter“ geht es um Weitergabe: von Lastern, wie dem Rauchen. Von Werten, wie der Ablehnung von Oberflächlichkeit. Und vom Erzählen. Dabei gibt es noch einen weiteren Gegenstand, der für diese Weitergabe steht: Die Perlenkette. Sie ziert auch das Cover von „Unerwünschte Töchter“. Zum einen zeigt sie Verlust und Veränderung an: Margarethes echte Perlen weichen Mariannes künstlichen, bis Monika diese schließlich als Zeichen der bürgerlichen Spießigkeit komplett verpönt. Zum anderen aber versinnbildlicht die Kette die Kontinuität: Wie Perlen so hängen auch die vier Frauen zusammen, sind unumkehrbar verbunden.
Während männliche Genealogien so alt sind wie die Literatur selbst – man denke zum Beispiel an die Odyssee, in der zur Vorstellung jedes Kriegers zunächst einmal dessen Ahnen aufgezählt werden –, blieben die weiblichen Abstammungslinien lange Zeit oft unsichtbar.
Erst in den letzten Jahren mehren sich Texte, die sich auf die Suche nach den Verbindungen zwischen Frauen begeben. Olga Grjasnowa, Sasha Marianna Salzmann oder Ulrike Draesner sind hier nur einige der Beispiele.
Indem Carbe also über die Frauen ihrer Familie schreibt, stellt sie gleichzeitig eine literarische Verwandtschaft zu diesen Autorinnen her und schafft doch etwas vollkommen Eigenständiges: Mit „Unerwünschte Töchter“ beweist Miriam Carbe, dass große Erzählkunst manchmal gerade dann entsteht, wenn man den leisen Stimmen lauscht.