Peggy Mädler: "Die Selbstregulierung des Herzens"
© Verlag Galiani Berlin
Ein Dorf als Spiegel der DDR
06:45 Minuten

Peggy Mädler
Selbstregulierung des HerzensGaliani, Berlin 2026295 Seiten
23,00 Euro
Mit „Die Selbstregulierung des Herzens” ist Peggy Mädler ein leiser, aber sehr nachwirkender Roman gelungen. Darin zeichnet sie die Stimmungslagen unterschiedlicher DDR-Bürger nach und zeigt das Scheitern dieses Staates aus der Innenperspektive.
Es ist ein sehr eigener Figurenkosmos, der Peggy Mädlers Roman ausmacht. Unterschiedliche Personen, die im Zeitraum zwischen 1960 und 2023 meist am Wochenende in einem kleinen Dorf nordöstlich von Berlin wohnen. Auf eine leise, aber sehr konzentrierte Weise teilt sich eine spezifische Atmosphäre mit – Geschichten aus der DDR, die nicht auftrumpfend daherkommen und nicht mit einem Schielen nach politischen Diskursen.
Erzählt wird hier die DDR von innen heraus. Die Autorin bleibt nah bei ihren Figuren, die „Georg“, „Mona“ oder „Helga“ heißen; so lauten auch meist die Kapitelüberschriften. Im Prolog wird „der alte Fritzsch“ beschrieben, wie er einen bewaldeten Hang am Dorfrand entdeckt und dort ein Wochenendhaus baut. Bald entsteht eine ganze Bungalowsiedlung. Wie sie zustande kommt, verrät sehr viel über Beziehungsstrukturen in der DDR.
NÖSPL und Kybernetik: Aufbruch und Planwirtschaft in der DDR
Der alte Fritzsch geistert wie eine Legende durch den Roman: Anpacken, alte Holztüren aus Abbruchhäusern organisieren, um daraus die Wände von Bungalows zu machen, Energie in einer Mangelwirtschaft. Zu einer zentralen Figur wird Georg, ein redlicher Mann, der mit seiner ersten, lebenslustigen Frau Helga wenig Gemeinsamkeiten hat, sich danach mit der Kinderkrankenschwester Annelie aber ganz gut ergänzt.
Er und sein Freund Roland kommen aus unsicheren Milieus und erleben die 60er-Jahre, nach dem Mauerbau, als Wirtschaftsstudenten. Das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“ (NÖSPL) stand in dieser Zeit für Aufbruch und Fortschritt. Man wollte die Planwirtschaft flexibler machen. Georg interessiert sich für Automatisierung, das Zauberwort heißt „Kybernetik“.
In den Diskussionen zwischen ihm und dem von sozialistischem Optimismus erfüllten Roland wird die zeitgeschichtliche Situation sehr plastisch. Dass Roland nach der Zerschlagung des Prager Frühlings und der Beendigung des NÖSPL-Experiments in den Westen flieht, wirkt ziemlich konsequent. Georg dagegen harrt aus.
Von Künstlerkommunen und der „Selbstregulierung des Herzens“
Die Künstlerkommune mit Mona, Konrad, Rita, Volker und anderen wird langsam zerrüttet. Hier, wie auch sonst, besticht die Autorin kenntnisreich mit kleinen Details und sprechenden Alltagssituationen.
Die „Selbstregulierung des Herzens“, die den Titel ausmacht, ist ein schönes Bild für die Art und Weise, in der DDR-Gesellschaft über die Runden zu kommen. Und nebenbei zitiert sie auch das ökonomische Modell der „Selbstregulierung“ der Produktionssysteme, das in der DDR eine Zeitlang für Hoffnung stand.
Die Selbstregulierung des Herzens: Das Scheitern der DDR im Alltag
Überhaupt nimmt Peggy Mädler viele Sprach- und Denkformen aus der DDR auf. Sie konfrontiert ihre Figuren dabei mit Anpassungszwängen, weder plakativ noch psychologisierend. Die DDR wird keineswegs romantisiert, ihr Scheitern wird aus dem Arbeits- und dem privaten Alltag heraus erklärt. Dass die nie aufgearbeitete Vergangenheit des Nationalsozialismus immer wieder durchschimmert, wirft auch ein Licht auf die heutige Situation in Ostdeutschland.




















