Sonya Walger: „Löwe"

Ein Vater wie Ikarus

Das Cover des Romans "Löwe" von Sonya Walger zeigt als Hauptmotiv ein junges Mädchen, das sich an den Arm eines Mannes klammert.
© Suhrkamp Verlag

Sonya Walger

Übersetzt von Tanja Handels

LöweSuhrkamp Verlag, Berlin 2026

173 Seiten

24,00 Euro

Von Meike Feßmann |
Sonya Walgers Debütroman „Löwe“ ist eine Liebeserklärung an ihren argentinischen Vater. Zugleich ist es ein feines Psychogramm kindlicher Überforderung zwischen familiärem Chaos und einer globalisierten Welt.
Mit einem kanariengelben Mini fährt sie über die Pyrenäen nach Madrid. Sie fährt langsam, es dauert endlos. Sie studiert Spanisch an der Universität und wohnt fürs erste in der Wohnung einer Cousine.
Doch bald begegnet ihr dort ein junger Argentinier, der ihr Zimmer in den Weihnachtstagen übernommen hat, eigentlich sollte er längst wieder verschwunden sein, wenn sie aus den Ferien zurückkehrt. Er ist ein paar Jahre älter als sie und sieht phantastisch aus.

„Es ist, als hätten die Götter ihn erschaffen und im Wohnzimmer meiner Mutter abgesetzt. Er ist schön, weltläufig, bemüht. Sie ist achtzehn, unerfahren, eine Taube. Locker, leichtfertig und erstaunlich schnell lenkt er ihren zitronenbonbongelben Mini. Er fährt sie zu den Seminaren, zur Arbeit, zum Abendessen. Es ist berauschend. Sie muss wohl geglaubt haben, das Leben würde immer so weitergehen.“

Wie aus Erinnerungen ein Roman wird

Nach drei Monaten gibt die junge Engländerin ihr Studium auf, die beiden verloben sich, sie ziehen nach Buenos Aires, und bald kommt das erste Kind. Die Erzählerin bleibt das einzige Kind dieses Paars, dessen Ehe bald nach ihrer Geburt gescheitert ist.
Eigentlich war alles in den Flitterwochen in Paris schon vorbei. Sie haben sich ständig gestritten, nicht zuletzt, weil er sich von ihr das Hotel zahlen ließ. Das erfährt die Tochter erst sehr viel später, im Lockdown der Corona-Pandemie, als das Leben stillsteht und die Mutter zu Besuch nach Los Angeles kommt. „Löwe“ ist ein flamboyanter autobiographischer Roman über einen außergewöhnlichen Vater, ein Panoptikum starker Bilder, unglaublicher Szenen, aufs Feinste destilliert zu einer Prosa, die sich wie Lyrik liest.
Offenbar brauchte es den Stillstand der Pandemie, um der 1974 geborenen Schauspielerin das Formprinzip für ihren Debütroman zuzuspielen. Er ist im Präsens erzählt, ohne chronologische Ordnung. Die Figuren haben keine Eigennamen, sie werden vor allem durch ihre Verwandtschaftsbeziehungen charakterisiert. Alles ist verflochten, das Leben besteht aus persönlichen, familiären Beziehungen. Die sind allerdings so kompliziert, dass sie die seelische Kapazität eines Kindes übersteigen.

„Es grenzt an Wahnsinn, das einzige Kind geschiedener Eltern zu sein, die auf zwei unterschiedlichen Kontinenten leben.“

Zwischen zwei Kontinenten

Als Zehnjährige fliegt das Mädchen beispielsweise von Lima, wo der Vater mit seiner zweiten Frau lebt, seit die Briten nach dem Falklandkrieg keine Geschäfte mit Argentiniern mehr machen, zurück nach London. Dort lebt sie mit der Mutter, die als Kindergärtnerin arbeitet. Er begleitet sie ins Flugzeug und drückt ihr ein dickes Buch in die Hand.

„‚Schau erst wieder hoch, wenn du da bist‘, sagt er.

Dann gibt er mir einen Kuss, lächelt der Stewardess zu, bis sie erstrahlt, und verlässt das Flugzeug. Ich sehe ihm nach, und jetzt tut es weh, in den Augen und ganz hinten auf der Zunge, aber das darf ich nicht spüren, denn jetzt fliege ich ja nach Hause zu meiner Mutter, die ich vermisst habe, ohne Worte, aber bis ins Mark.“

Er wechselt die Jobs, die Kontinente und die Frauen. Mal verkauft er Altmetall in Vietnam, mal verdient er ein Vermögen mit Termingeschäften, fährt Formel 1, leistet sich Polopferde. Eineinhalb Jahre sitzt er in Spanien im Gefängnis, weil er gerade Koks kaufte, als man in Marbella einen Drogendealer hochgehen ließ. Der Wunsch, einen Ort zu haben, an den man gehört, ist für die Tochter umso stärker.
Das Haus der Großmutter ist lange der Ort, an dem alle zusammenkommen. Den eigenen Kindern schenkten die Großeltern allerdings nicht die gleiche Geborgenheit. Als britische Kolonialbeamte lebten sie in Ostafrika und schickten ihre vier Kinder nach England aufs Internat. Auch die Eltern des Vaters, argentinische Intellektuelle, gingen zum Arbeiten nach Indien und ließen ihre Kinder bei einer englischen Gouvernante und einem französischen Kindermädchen zurück.

Eine Ikarus-Gestalt

„Wie schwer hingegen, die zu sein, die geblieben ist!“, so würdigt die Erzählerin im ersten Satz des Romans ihre Mutter, um sich dann doch dem Faszinosum des abwesenden Vaters zuzuwenden. Am Ende wird er sich bei einem Fallschirmsprung unter Drogeneinfluss beinahe zu Tode stürzen. Eine Ikarus-Gestalt, ein Vater-Gott – und eine illustre Randfigur im Leben seiner Tochter. Dessen Geschichten will sie für die eigenen, noch kleinen Kinder aufbewahren, erzählt Sonya Walger in einem Interview.
Wie „Ilaria“, das kürzlich erschienene Vater-Buch der in Mailand geborenen Gabriella Zalapí, besticht auch Sonya Walgers „Löwe“ durch Reduktion. Die destillierte Welthaltigkeit dieses späten Debüts schlägt so manches epische Breitwandformat. So geht es auch – was für ein Wurf!
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