Es ist die identitätspolitische Gretchenfrage der Gegenwartsliteratur: Wer darf wie über was schreiben? Besonders vermint sind historische Stoffe. Wie viel DDR muss man mitgemacht haben, um ihren Repressionsapparat zu verurteilen? Oder in welchen Stilregistern lässt sich angemessen über den Nationalsozialismus schreiben?
Für den Autor Clemens Böckmann gibt es auf diese komplexen Fragen keine einfachen Antworten. Entsprechend wählt er in seinem Roman „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“ den Weg des größtmöglichen Widerstands – und wagt eine sich als authentisch ausgebende Recherche über einen fiktiven chilenisch-österreichischen Skispringer-Dichter mit Nazibackground.
Die Quellen und das zur Beglaubigung wiedergegebene Bild- und Textmaterial hat Clemens Böckmann selbst fingiert. Es ist ein ambitioniertes Projekt mit Vorlauf: 2021 erscheinen in einem Leipziger Kleinverlag Gedichte eines gewissen Alvaro Maderholz, der 1973 in Santiago de Chile am Vorabend des Putsches gegen Salvador Allende geboren und 2014 bei einem Autounfall verunglückt sein soll. Hunderte von Texten habe er angeblich hinterlassen. 59 Vierzeiler gibt Clemens Böckmann in einer ersten Auswahl heraus und erläutert im Geleitwort, wie er zum literarischen Nachlassverwalter wurde.
Eine zweihundertseitige Schnitzeljagd
Was Böckmann damals grob skizzierte, führt er nun als zweihundertseitige Schnitzeljagd aus. Die Handlung setzt im Jahr 2017 mit dem Besuch einer Wintersportanlage in der Steiermark ein. Der Hausmeister berichtet von einem ehemaligen Schüler des ortsansässigen Skisprunginternats mit literarischen Ambitionen.
„Seinen Namen weiß ich nicht mehr. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er noch niemals was veröffentlicht hat. So was spricht sich rum. Das Einzige, was ich noch sicher erinnere, ist, dass er einen spanischen Vor- oder Nachnamen gehabt hat.‘“
Aus „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
Ein Ich-Erzähler löst den anderen ab
Das Interesse unseres Ich-Erzählers, den man aufgrund der Publikationsumstände naturgemäß mit dem Autor Clemens Böckmann gleichsetzt, ist geweckt. Er stellt Nachforschungen an, sichtet alte Internatsjahrbücher, stößt auf den Namen Alvaro Maderholz, ermittelt die Adresse der hinterbliebenen Mutter, knüpft Kontakt und erhält schließlich Einsicht ins dichterische Erbe.
Allerdings wird dieser Ich-Erzähler Böckmann bald abgelöst von einem zweiten Inkognito-Ich-Erzähler, der ebenfalls an einem Buch über den Sprungschanzenpoeten arbeitet, besagten Böckmann jedoch für einen mit dem Material überforderten Zampano hält. Offensichtlich haben die Kontrahenten Kenntnis vom Arbeitsstand des jeweils anderen.
„Mit Bleistift fügte ich einige Details hinzu, strich Adressen aus, verbesserte, überschrieb, stellte um und ergänzte. Bei vielen Informationen war nach wie vor unklar, woher sie kamen. Böckmann hatte unsauber gearbeitet.“
Aus „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
Schlimmer noch, der bald maßgebliche zweite Ich-Erzähler erkennt in diesem Böckmann einen sensationslüsternen Holocaustfetischisten, der sich mit der Recherche bloß brüsten will. Jede Biografie hat ihren Vorlauf, jedes Leben einen Stammbaum.
Spiel mit historischen und fiktiven Figuren
„Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“ handelt weniger vom Titelhelden als seiner umschatteten Herkunft. Der Großvater Franz Maderholz sei Hauptwachtmeister im KZ Kulmhof gewesen und nach dem Krieg auf der Rattenlinie nach Südamerika geflohen, wo er Alvaros Mutter zeugte. Während der lyrisch veranlagte Onkel väterlicherseits, Carlos Ramírez Hoffmann, als sadistischer Massenmörder in Augusto Pinochets Terrorregime sein Unwesen trieb. Diese beiden Figuren, die namentlich bereits im Nachwort der Gedichtauswahl auftauchen, verleihen der Pseudo-Biografie von Alvaro Maderholz entscheidend Kontur. Denn Großvater Franz ist zumindest dem Namen nach eine historisch verbürgte Täterfigur. „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“ dichtet diesem Mann ein durchaus glaubwürdiges Schweigegelübde an.
„Franz hat nicht viel erzählt, weil er keine Ästhetisierung wollte. Es gibt nichts Schriftliches.“
Aus „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
In perverser Subversion formuliert der Großvater aus der Täterperspektive heraus sein eigenes Darstellungsverbot des Holocaust. Die biografischen Leerstellen, die sich dadurch eröffnen, füllt „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“ frei aus.
Der Roman geht sogar noch weiter, indem der fiktive Fliegeroffizier Hoffmann ebenfalls wie eine empirische Person behandelt wird, obwohl er in Wahrheit eine Schöpfung des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño ist. Der wiederum wird bezichtigt, die Biografie dieses für voll genommenen Hoffmann absichtlich verfälscht zu haben. Zugleich werden in einer Art Fortschreibung jene Verbrechen Carlos Ramírez Hoffmanns explizit benannt, über die Bolaño sich mit ästhetischem Kalkül bewusst ausschwieg.
„Knapp 400 eigene Fotos präsentiert Carlos im Rahmen [einer] Ausstellung. Fast alle Bilder zeigen detailreich die Ermordung oder Vergewaltigung von Frauen.“
Aus „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
Emanzipationsgeschichte eines Nachgeborenen
Clemens Böckmanns Emanzipationsgeschichte eines Nachgeborenen aus der Sippenhaft der Täter-DNA geht krass ins Risiko. Er kopiert Thomas Harlans zerhackstückelte Prosacollage „Rosa“ über das KZ Kulmhof, und deutet einmal sogar die Verstrickung des eigenen Großvaters in die Mordmaschinerie an. An späterer Stelle wird ausführlich Roberto Bolaños „Die Naziliteratur in Amerika“ zitiert, ohne die wortgetreue Übernahme kenntlich zu machen.
Mit jeder neuen Fährte versinkt der Authentizitätsanspruch weiter im Zwielicht, das Selbstverständnis jeder Erinnerungskultur gerät darüber ins Bröckeln. Darf ein Schriftsteller derart manipulativ verunsichern? Aber ja, ein guter sollte genau so arbeiten, jede Gewissheit in Zweifel ziehen, erkenntniserhellende Möglichkeitsräume stiften – das ist die Domäne der Fiktion.
In diesem Sinne konsequent ist „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“ ein aufschlussreicher Grauzonentrip. Ein Roman, der in seiner zweiten Hälfte immer wieder Gefahr läuft, sein Potenzial zu verspielen. Am Ende aber gelingt Clemens Böckmann, woran so viele seiner Kollegen derzeit scheitern: Er versöhnt den Kunstanspruch der Literatur mit ihrer Hoffnung auf gesellschaftspolitische Relevanz.