Corinna Krenzer: „Eine einfache Wahrheit“

Heimkehr in die Provinz

Buchcover von Corinna Krenzers „Eine einfache Wahrheit"
© Kjona Verlag

Corinna Krenzer

Eine einfache WahrheitKjona Verlag, München 2026

233 Seiten

24,00 Euro

Von Christoph Vormweg |
Dorffeste besitzen Sprengkraft. In Corinna Krenzers Debütroman „Eine einfache Wahrheit“ kehrt eine erfolgreiche Schriftstellerin in ihre alte Heimat zurück. Sie will endlich ihre DDR-Kindheit verstehen, die so tragisch endete.
Heimkehrerdramen gibt es viele in der Literatur. Eine feste Gruppe sind die Erfolgreichen. Zu ihnen gehört Janna See, die Protagonistin in Corinna Krenzers Romandebüt „Eine einfache Wahrheit“. Kurz vor dem Mauerfall 1989, als sie 14 Jahre alt war, hatten sich ihre Eltern mit ihr in den Westen Deutschlands abgesetzt. Dort ist Janna eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden.
Jetzt aber, mit Mitte 40, steckt sie tief in der Midlife-Crisis und reist ins Dorf ihrer DDR-Kindheit, das fiktive mecklenburgische Kohltal. Janna sucht endlich Klarheit über sich selbst. Eine Familien-Tragödie lastet auf Janna. Seit 30 Jahren fühlt sie sich schuldig. Denn ihr Vater nahm sich nach wenigen Monaten im Westen das Leben. Janna warf er vorher Verrat vor. Doch die Gründe dafür hat sie nie begriffen. Das Geheimnis vermutet sie in Kohltal. Die Neuigkeit, dass Janna nach Kohltal zurückgekehrt ist, „musste sich wie eine Flutwelle ausgebreitet haben. In Kohltal gab es keine Geheimnisse. Nur Dinge, über die man nicht sprach.“
Auch Jannas Vater war Schriftsteller. Allerdings nur für die Schublade, weil er als Lehrer mit seiner Kritik am „real existierenden“ DDR-Sozialismus überall aneckte. In den 1970er-Jahren war er aus Liebe zu Jannas Mutter freiwillig in den Osten übergesiedelt. Die politischen Hoffnungen auf einen freiheitlichen, reformwilligen Sozialismus zerschlugen sich jedoch. Bald galt Jannas Vater im Dorf als Unruhestifter, als Dissident. Das Schreiben wurde für ihn zum letzten Halt.

Heimkehrerszenario mit Dorffest

„Es war das Einzige, was sie von ihrem Vater behalten hatte. Alles andere, was von ihm gekommen war, hatte sie nach seinem Tod abgelegt wie zu alte Kleider, weil alles, was sie an ihn erinnerte, sie auch daran erinnerte, warum er nicht mehr da war. Nur das Schreiben hatte sie nicht loswerden können“, heißt es in „Eine einfache Wahrheit“. In ihrem Erstling kombiniert Corinna Krenzer das Heimkehrerszenario mit dem Dorffestmotiv. Denn Dorffeste besitzen Sprengkraft. Der Alkohol treibt Wahrheiten ans Licht. Das haben schon Stephan Thome und Andreas Maier mit Erfolg in ihren Debütromanen „Grenzgang“ und „Wäldchestag“ genutzt.
Bei Corinna Krenzer werfen die Bewohner von Kohltal in der Nacht zum 1. Mai während des sogenannten „Hexenbrennens“ alles Störende auf einen Scheiterhaufen. Wie dramatisch es da zugeht, lässt schon das Kapitel null erahnen, eine Art vorgreifender Prolog. Janna will aus Kohltal fliehen. Doch sie verliert die Kontrolle über ihr Auto.

Die Suche nach der ganzen Wahrheit

Der Hauptteil des Romans blickt auf die zwei Wochen vor dem Unfall zurück. Hier verschachtelt Corinna Krenzer Jannas Recherchen vor Ort mit ihren Erinnerungen an die DDR-Kindheit. Den Zwiespalt zwischen gestern und heute lädt Krenzer in atmosphärisch dichten Dialogen immer weiter auf. So entstehen bestechende Porträts: Sei es das ihrer schnippischen alten Wirtin im Gasthof, sei es das von Jugendfreund Oskar, der ihr systematisch aus dem Weg geht.
Nicht weniger gelungen ist die Beschreibung von Jannas Krisenmodus, den sie auch nach der Entsorgung ihres Handys nicht abschütteln kann: ihre wackelnde Ehe mit Hannes, der gleichzeitig ihr Literaturagent ist; ihre penetrante Schreibblockade; ihre Liebesaffäre mit der klugen Marie. Steuern lässt sich das alles nur mit Jannas wunderbar ironisch beschriebener Nikotinsucht. Denn die Selbsterkenntnis ist oft bitter.

Mitläufertum und Widerstand

Als Schülerin, so muss Janna feststellen, neigte sie in ihrer Hilflosigkeit zum allgegenwärtigen DDR-Opportunismus. „Janna wollte dazugehören. Sie wollte, dass das Kichern endlich endete, und die Scham, die vor allem, aber das würde sie nur, wenn Janna aufhörte, auf der Seite ihres Vaters zu stehen. Auf der anderen Seite gab es keine Scham. Keine Finger, die auf sie zeigten. Kein Kichern, dessen Ziel sie wäre.“
Moralische Schuldzuweisungen meidet der Roman „Eine einfache Wahrheit“. Dafür gibt es viele subtile Beobachtungen über Mitläufertum und Widerstand in der DDR-Provinz zu bestaunen: mal bittere, mal humorvolle. Und auch existenziell birgt Corinna Krenzers gelungenes Debüt einiges an Sprengkraft: über eine deutsch-deutsche Suche nach Wahrheit, die eine Sisyphusarbeit bleibt. Nicht nur für Janna See.
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