Als Lis vor ihm steht, Samuel an der Hand, einen großen Koffer neben sich und ihm sagt, dass sie geht, ist er gerade von draußen hereingekommen. Er wischt sich die schweißnasse Stirn mit seinem Arm und den Arm an seiner Arbeitshose ab. An seinen Schuhen kleben Halme. ‚Wohin gehst du?‘, fragt er. Lis starrt ihn an, versteht nicht. ‚Weg‘, sagt sie, und dann: ‚Ich kann das nicht mehr.‘ Joseph wird ganz schwach zumute, es beginnt in den Beinen, wandert dann nach oben bis in den Kopf. ‚Was kannst du nicht mehr?‘
Elena Fischer: „Wirf einen Schatten“
© Diogenes Verlag
Ein Mann stellt sich seiner Vergangenheit

Elena Fischer
Wirf einen SchattenDiogenes Verlag, Zürich 2026304 Seiten
25,00 Euro
Elena Fischer ist mit „Paradise Garden“ ein Bestsellerdebüt gelungen. Ihr zweiter Roman „Wirf einen Schatten“ erzählt von Joseph. Von seiner Frau verlassen, allein auf dem Hof, möchte er seinem Leben ein Ende bereiten. Bis Birdie auftaucht.
Es waren zwei Brüder, sie hießen Johann und Joseph. Der eine war tüchtig und vielversprechend, der andere schwächlich und verträumt. Bauernburschen. Irgendwann zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Wenn man am Ende eines Arbeitstags keine Schmerzen hat, dann hat man nicht gearbeitet, fand der Vater und sagte es seinen Söhnen. Der Tüchtige kehrte von einem Ausflug zum nahe gelegenen Waldsee nicht mehr zurück. Nur der Träumer. Noch im gleichen Jahr nahm sich die Mutter das Leben. Warum dieser Sohn?
Ein Mann im Zentrum einer Familientragödie
Der neue Roman von Elena Fischer entfaltet diese parabelhafte Geschichte vom starken und vom schwachen Sohn, um etwas über den Mann zu sagen, von dem ihr Roman handelt: von Joseph, dem schwächeren der beiden Brüder. Ihr genügen wenige Hinweise aus Josephs Kindheit, um plausibel zu machen, wie ein Mann sich fühlt, der im Zentrum einer Familientragödie steht. Im Zentrum, aber ohne Verständnis dafür, dass die Tragödie in ihm weiterlebt.
Schuldgefühl und brennende Scham sind die Bremsklötze von Josephs Lebens. So kann er, der mit einer Krankenschwester aus der Stadt verheiratet ist, nur dabei zusehen, wie er eines Tages von Mutter und Kind verlassen wird und auf seinem Bauernhof zurückbleibt.
Eine Flinte soll dem Elend ein Ende setzen
Das alles, sagt Lis. Das Leben auf dem Land, die Tiere, die geschlachtet werden. Die Einsamkeit. Und Josephs Verschlossenheit. Nur den Hof, den hatte er immer in Schuss gehalten. Nicht aber seine Beziehungen zu den Menschen, die wichtig sind. Auch zu seinem eigenen Sohn will ihm keine rechte Bindung gelingen. All das dämmert ihm jetzt, wo es verloren scheint. Eine alte Mauser-Flinte soll dem Elend bald ein Ende setzen.
Doch dann steht auf einmal Birdie vor der Tür. Eine junge Frau, die offensichtlich von irgendwo weggelaufen ist und bei Joseph auf dem Hof Unterschlupf sucht. Bald stellt sich heraus, dass die junge Frau – die Handlung spielt 1963 – noch nicht volljährig ist, also noch nicht 21. Sie ist schwanger von einem Kerl, den sie nicht liebt. Und die, die sie liebt, ist eine Frau. Mit der hat man sie in der Sakristei erwischt. Ihr Vater, der Pfarrer, ist außer sich. Die eigene Tochter gleich in mehrfacher Hinsicht eine Schande.
Es ist ganz klar: Birdie wäre gerne ein Vogel und abhauen ist die einzige Option, wenn sie nicht unter der Scham der anderen ersticken will. Da ist sie bei Joseph an der richtigen Adresse. Denn der hat nichts zu verlieren und päppelt das Mädchen auf – während ihr Bild in der Lokalpresse abgedruckt ist.
Es gab keinen Zweifel. Die Frau auf dem Foto war Birdie. Sein Blick sprang zwischen Foto und Text hin und her. Ihr richtiger Name war Hilda. Sie wurde seit über einer Woche vermisst. Man rief dazu auf, Hinweise der Polizei zu übermitteln.
Aus Gründen, die er selbst nicht kennt, hält Joseph dicht. Und tatsächlich tut ihm Birdie insofern gut, als sie eine neue Dynamik in sein Leben bringt. Es gibt nämlich noch Schwägerin Ada, die Schwester seiner Frau, die Joseph mit Hilde-Domin-Gedichten versorgt und um die es ein Geheimnis zu geben scheint, dem man erst beim Lesen nach und nach auf die Spur kommt.
Bereit für die erste große Liebe
Ähnlich wie in ihrem Debüt handelt auch Elena Fischers neuer Roman von der unstillbaren Sehnsucht eines Menschen nach einem anderen. War es in ihrer Coming-of-Age-Geschichte „Paradise Garden“ das Mädchen Billie, das nach seinem Vater suchte, ist es jetzt ein Mann, der nach sich selbst sucht. Denn erst dann ist er bereit für seine große Liebe.
Im Flur schlüpfte Ada wieder in ihren Mantel, schlang ihren Schal um den Hals, und schon stand sie draußen auf dem Hof. Er folgte ihr, und als sie nebeneinander über den vereisten Boden gingen, schloss er einen Moment lang die Augen und lauschte dem Knirschen und Knacken ihrer Schritte.
Bis er seine Ada finden kann, muss so manches Hindernis überwunden und mancher Blick in die Vergangenheit geworfen werden, und dieser virtuos gebaute Roman nimmt uns dabei in die abgelegensten Seelenwinkel seiner Figuren mit. Er hat Gespür für den Zeitgeist, in dem seine Geschichte angesiedelt ist. Und er verwebt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fehlerfrei.
Allerdings hat Fischers zweiter Roman viel weniger Charme als ihr tragikomisches Debüt. „Wirf einen Schatten“ ist viel absehbarer und weniger wild. Und manchmal lässt sich die Autorin zu einer Form von Pathos verleiten, das „Paradise Garden“ abging. Sätze wie „Ihr Blick ruht auf ihm, unergründlich wie ein tiefer See“, sollte man sich eigentlich verkneifen – zumal, wenn man eigentlich einen Roman über zwei Frauen schreiben wollte, die aus dem engen Korsett ihrer Frauenrollen heraustreten möchten – die eine als lesbische Fotografin, die andere als unverheiratete Schriftstellerin.
Stereotype Romantik-Manöver
Wirklich störend sind deswegen vor allem die stereotypen Romantik-Manöver zwischen Mann und Frau. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. So muss Ada zum Beispiel erst einmal eine Wunde bei Joseph versorgen, damit wir verstehen, wie sehr sie ihn liebt: „Sanft hob sie sein Kinn mit ihrer Hand an und beugte sich zum ihm hinunter, um seine Verletzung in Augenschein zu nehmen.“
Es ist immer schwierig mit den Zweitgeborenen – mit den Kindern wie mit den Romanen. Und natürlich eine Frage des Maßstabs. „Wirf einen Schatten“ wird seine Leserschaft finden. Aber das Buch hat lange nicht die Widerborstigkeit und auch nicht die erzählerische Freiheit des tollen Erstlings.
Wenn Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie mit Freunden und Familie darüber. Hilfe bietet auch die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar – unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.














