Sachbuchbestenliste Januar

Die richtige Zeit für Bücher über echte Leistungsträger

06:28 Minuten
Die Cover der Top drei der Sachbuchbestenliste für Januar 2022 auf orange-weißem Hintergrund: Corine Pelluchon: "Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung", Evke Rulffes: "Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung", Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey: "Verkannte Leistungsträger:innen"
Corine Pelluchon führt die Sachbuchbestenliste an. Dann kommen Evke Rulffes mit "Die Erfindung der Hausfrau" und der Sammelband "Verkannte Leistungsträger:innen". © Deutschlandradio / WBG / HarperCollins / Suhrkamp
30.12.2021
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Corine Pelluchon springt mit ihrem Buch "Das Zeitalter des Lebendigen" von Rang acht an die Spitze der Sachbuchbestenliste. Es folgen Bücher über un- oder unterbezahlte Arbeit: "Die Erfindung der Hausfrau" und "Verkannte Leistungsträger:innen".
Deutschlandfunk Kultur, ZDF und „Die Zeit“ präsentieren gemeinsam die stärksten Sachbücher des Monats. Gekürt werden die Titel von einer Jury aus 30 Kritikerinnen und Kritikern.
1 (8) Corine Pelluchon: "Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung"
WBG, Darmstadt 2021
320 Seiten, 50 Euro
Das Cover des Buches von  Corine Pelluchon, "Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung"
Corine Pelluchon: "Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung"© Deutschlandradio / WBG
Die Aufklärung steht unter Beschuss, und das von allen Seiten: Rechte wollen zurück zur hierarchischen Gesellschaft, Linke halten den Universalismus für hegemonial. Die Philosophin Corine Pelluchon dagegen ist überzeugt: Um eine ökologische und demokratische Gesellschaft herbeizuführen, müssen wir die aufklärerischen Ideale wiederentdecken – um sie weiterzuentwickeln. 61 Punkte

2 (1) Evke Rulffes: "Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung"
HarperCollins, Hamburg 2021
288 Seiten, 22 Euro
Das Cover des Buches von Evke Rulffes, "Die Erfindung der Hausfrau", auf orange-weißem Grund.
Evke Rulffes: "Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung"© Deutschlandradio / Harper Collins
Anstrengend, unentgeltlich und verdammt undankbar: Der Job der Hausfrau gilt als patriarchales Erbe, als überholt – und ist doch alles andere als ausgestorben. Detailliert zeichnet die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes nach, wie sich das Ideal der "kümmernden Mutter" erst im 18. Jahrhundert etablierte und wie es bis heute in unseren Köpfen fortwirkt. 52 Punkte

3 (-) Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey (Hg.): "Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft."
Suhrkamp, Berlin 2021
567 Seiten, 22 Euro
Das Cover des von Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey herausgegebenen Buches "Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft" auf orange-weißem Hintergrund.
Nicole Mayer-Ahuja/Oliver Nachtwey (Hg.): "Verkannte Leistungsträger:innen"© Deutschlandradio / Suhrkamp
"Leistung muss sich wieder lohnen!", versprach einst Helmut Kohl. Die Definition von Leistung hat sich seither gewandelt, schreiben die Soziologen Mayer-Ahuja und Nachtwey: Als Leistungsträger gelten Managerinnen oder Berater. Postboten oder Pflegerinnen dagegen arbeiten hart, können aber kaum davon leben. Porträts von Menschen, die mehr verdient hätten. 47 Punkte

4 (7) Bas von Benda-Beckmann: "Nach dem Tagebuch. Das Schicksal von Anne Frank und der anderen Untergetauchten aus dem Hinterhaus"
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
Secession, Zürich 2021
471 Seiten, 28 Euro
Das Cover des des Buches von Bas von Benda-Beckmann, "Nach dem Tagebuch", auf orange-weißem Grund
Bas von Benda-Beckmann: "Nach dem Tagebuch. Das Schicksal von Anne Frank und der anderen Untergetauchten aus dem Hinterhaus"© Deutschlandradio / Secession
Anne Franks Tagebuch endet am 1. August 1944 – dem Tag, als sie und die anderen Bewohner ihres Amsterdamer Verstecks verhaftet und ins KZ verschleppt werden. Bas von Benda-Beckmann erzählt, wie es weitergeht: Der niederländische Historiker hat Zeugnisse und Dokumente ausgewertet, um das Schicksal der acht Menschen möglichst detailreich nachzuzeichnen. Nur einer von ihnen sollte den Holocaust überleben. 46 Punkte

5 (-) Emily Anthes: "Drinnen. Wie uns Räume verändern"
Aus dem Amerikanischen von Johanna Wais
HarperCollins, Hamburg 2021
320 Seiten, 20 Euro
Das Cover des Buches von Emily Anthes, "Drinnen. Wie uns Räume verändern", auf orange-weißem Hintergrund.
Emily Anthes: "Drinnen. Wie uns Räume verändern"© Deutschlandradio / HarperCollins
Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir in Räumen – doch kaum jemand weiß, wie sie unsere Gefühle, unsere Leistung, unsere Gesundheit beeinflussen. Die Wissenschaftsjournalistin Emily Anthes zeigt, wie die Inneneinrichtung von Restaurants unser Essverhalten steuert und was die Architektur dazu beitragen kann, den Tod zu überwinden. 40 Punkte

6 (1 im Nov.) Stephan Malinowski: "Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration"
Propyläen, Berlin 2021
753 Seiten, 35 Euro
Cover des Buchs "Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration" von Stephan Malinowski.
Stephan Malinowski: "Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration"© Deutschlandradio / Propyläen Verlag
Die Hohenzollern Opfer der Nazis? So sieht es die Familie und fordert Entschädigung für die Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Historiker Stephan Malinowski ist Gutachter im Hohenzollern-Streit. Sein neues Buch zeigt: Wilhelm von Preußen unterstützte die NS-Bewegung – in der Hoffnung, selbst an die Macht zurückzukehren. 36 Punkte

7 (6 im Nov.) Günther Rühle: "Ein alter Mann wird älter. Ein merkwürdiges Tagebuch"
Alexander Verlag, Berlin 2021
232 Seiten, 22,90 Euro
Das Cover des Buches von Günther Rühle, "Ein alter Mann wird älter: Ein merkwürdiges Tagebuch", auf orange-weißem Grund,
Günther Rühle: "Ein alter Mann wird älter. Ein merkwürdiges Tagebuch"© Deutschlandradio / Alexander Verlag
Wer Theaterstücke inszeniert, reflektiere die Gesellschaft, für Selbstreflexion dagegen fehle oft die Zeit, beklagt Günther Rühle, einstiger Intendant des Schauspiels in Frankfurt. Mit Mitte 90, kurz vor seinem Tod, hat er noch einmal in sich hineingehorcht und die merkwürdigsten Dinge wahrgenommen, auch die Angst vor sich selbst. Eine innere Erkundungsreise. 33 Punkte

8 (10) Henry Mance: „Mit Tieren leben. Warum wir das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu definieren müssen“
Aus dem Englischen von Yamin von Rauch
Kein & Aber, Zürich 2021
480 Seiten, 27 Euro
Cover des Buches "Mit Tieren leben" von Henry Mance. Es zeigt die Umrisse eines Rindes vor grünem Hintergrund.
Henry Mance: „Mit Tieren leben. Warum wir das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu definieren müssen“© Deutschlandradio / Kein & Aber
Während wir die einen lieben, essen wir die anderen. Ausgehend von diesem Missverhältnis, macht sich Henry Mance auf, die Beziehung von Mensch und Tier zu erforschen. Er heuert im Schlachthof an, geht auf Jagd und in den globalen Süden, wo Regenwälder für die Tierhaltung geopfert werden. Sein Fazit: Wir müssen Tiere nicht lieben – es reicht, sie in Ruhe zu lassen. 31 Punkte

9 (-) Stephan Lamby: "Entscheidungstage. Hinter den Kulissen des Machtwechsels"
C.H. Beck, München 2021
382 Seiten, 22 Euro
Das Cover des Buches von Stephan Lamby, "Entscheidungstage. Hinter den Kulissen des Machtwechsels", auf orange-weißem Grund. Es zeigt neben dem Titel Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet.
Stephan Lamby: "Entscheidungstage. Hinter den Kulissen des Machtwechsels"© Deutschlandradio / C.H. Beck
Die Ampelkoalition ist ein Novum in der deutschen Politik. Wie konnte es dazu kommen? Der Journalist Stephan Lamby, bekannt für seine politischen Langzeitbeobachtungen, hat den Wahlkampf 2021 hinter den Kulissen begleitet. Er traf sich wiederholt mit Laschet, Baerbock, Söder oder Lindner, erlebte ihre Pannen und Wendepunkte hautnah mit. Die Chronik eines historischen Politikjahres. 30 Punkte

10 (-) Barbara Cassin: "Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause?"
Aus dem Französischen von Christine Pries
Suhrkamp, Berlin 2021
142 Seiten, 22 Euro
Das Cover des Buches von Barbara Cassin, "Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause?" auf orange-weißem Hintergrund.
Barbara Cassin: "Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause?" © Deutschlandradio / Suhrkamp
Wie kann es sein, dass sie, die Pariserin, Nostalgie empfindet, wenn sie an ihr Ferienhaus auf Korsika denkt? Von dieser Frage ausgehend, spürt die Philosophin Barbara Cassin dem Gefühl von Herkunft nach. Auf Homer und Hannah Arendt Bezug nehmend, kommt sie zur überraschenden Erkenntnis: Nicht der geografische Ort schafft Zugehörigkeit – sondern die Sprache. 28 Punkte

10 (3) Svenja Flaßpöhler: "Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren"
Klett-Cotta, Stuttgart 2021
240 Seiten, 20 Euro
Das Cover des Buches von Svenja Flaßpöhler, "Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren", auf orange-weißem Grund.
Svenja Flaßpöhler: "Sensibel, Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren"© Deutschlandradio / Klett-Cotta
Ob gendersensible Sprache oder kulturelle Aneignung: Nie schien es wichtiger, Gefühle nicht zu verletzen. Eine positive Entwicklung? Nur teilweise, findet Svenja Flaßpöhler. Von Rousseau bis Judith Butler zeichnet die Chefredakteurin des Philosophie Magazins die Geschichte des „sensiblen Ichs“ nach – und zeigt: Was einst zur Verfeinerung der Sitten geführt hatte, erzeugt heute Stillstand. 28 Punkte

So funktioniert die Abstimmung:

Jedes Jurymitglied vergibt an vier Sachbücher je einmal 15, 10, 6 und 3 Punkte.

Die Jury der Sachbuch-Bestenliste:

René Aguigah (Deutschlandfunk Kultur)
Peter Arens (ZDF)
Susanne Billig (Deutschlandfunk Kultur)
Ralph Bollmann (FAS)
Stefan Brauburger (ZDF)
Alexander Cammann (DIE ZEIT)
Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel)
Heike Faller (DIE ZEIT)
Daniel Fiedler (ZDF)
Jenny Friedrich-Freksa (Kulturaustausch)
Manuel J. Hartung (ZEIT-Stiftung)
Thorsten Jantschek (Deutschlandfunk Kultur)
Kim Kindermann (Deutschlandfunk Kultur)
Inge Kutter (DIE ZEIT)
Hannah Lühmann (DIE WELT)
Ijoma Mangold (DIE ZEIT)
Susanne Mayer (DIE ZEIT)
Tania Martini (taz)
Catherine Newmark (Deutschlandfunk Kultur)
Jutta Person (freie Literaturkritikerin)
Bettina von Pfeil (ZDF)
Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung)
Christian Rabhansl (Deutschlandfunk Kultur)
Anne Reidt (ZDF)
Anna Riek (ZDF)
Stephan Schlak (Zeitschrift für Ideengeschichte)
Hilal Sezgin (freie Autorin)
Catrin Stövesand (Deutschlandfunk)
Elisabeth von Thadden (DIE ZEIT)
Julia Voss (Leuphana Uni Lüneburg)
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