Ausbeutung in systemrelevanten Berufen

    Wer die Republik wirklich am Laufen hält

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    Eine Pflegekraft mit Mundschutz hält ein Banner in die Luft, auf dem Zeit- und Personalmangel beklagt wird.
    Es ist nicht allein die Bezahlung, die Pflegekräfte auf die Straße treibt. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege müssen insgesamt auf den Prüfstand, fordern sie. © imago / snapshot
    Moderation: Christian Rabhansl · 30.10.2021
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    Die Arbeit von Pflegekräften, Paketzustellern oder Beschäftigten in Supermärkten galt in der Pandemie als systemrelevant. Relevant sind diese Berufe für die Gesellschaft allemal, doch "System" hat dabei vor allem die Ausbeutung der Arbeitskraft.
    Vor der Pandemie galten vor allem die Banken als systemrelevant. Während der Pandemie wurde aber deutlich, wer die Republik wirklich am Laufen hält.
    Die Regale in den Supermärkten waren plötzlich leer und mussten aufgefüllt werden. Die Lkws transportierten nicht nur vermehrt Waren quer durch die Republik, sondern zusätzlich auch noch all die Pakete, die Menschen bestellten, weil die Geschäfte geschlossen waren. Paketzusteller hatten plötzlich ein Vielfaches ihres normalen Pensums zu tun. Weil Menschen Haus oder Wohnung nur noch selten verließen und Restaurants ebenfalls schließen mussten, lieferten Fahrradkuriere Essen und Lebensmittel direkt nach Hause. Und in den Krankenhäusern waren Pflegekräfte im Dauereinsatz.

    Prekäre Arbeitsbedingungen

    Über die Arbeitsbedingungen in sogenannten "systemrelevanten Berufen" sprechen die Arbeitssoziologen Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey sowie die gelernte Krankenpflegerin Maximiliane Schaffrath im Essener Grillo-Theater.
    "All' diese Berufe verbindet, dass es sich dabei um gesellschaftlich nützliche Arbeit handelt", sagt Nicole Mayer-Ahuja. Sie kritisiert, dass diese Arbeit mit geringen Löhnen, mit instabilen Verträgen, mit Befristungen und mit Minijobs verbunden sei, die nicht zur Sozialversicherung beitragen. Und in vielen dieser Berufe gebe es einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Migranten oder Frauen.
    In ihrem Buch "Verkannte Leistungsträger:innen" haben Mayer-Ahuja und Nachtwey Porträts von Menschen zusammengestellt, die in Berufen arbeiten, deren Leistung in der Gesellschaft viel zu wenig anerkannt wird. Dies drücke sich nicht nur in schlechter Bezahlung aus, sondern auch in den Bedingungen, unter denen diese Menschen arbeiten müssen.

    Ein Spiel, bei dem alle verlieren

    Als Beispiel nennt Nachtwey die Mitarbeiter des Internethändlers Amazon. Diese eilen zu Fuß durch die Gänge der Logistikzentren und sammeln in den Regalen die Waren der einzelnen Bestellungen zusammen.
    Mitarbeiter von Amazon stehen in Westen der Gewerkschaft Verdi vor einem Amazon Gebäude und streiken.
    Gewerkschaftsmitglieder streiken vor einem Amazon-Logistikzentrum für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung.© picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand
    Nachtwey berichtet von einem "Feedback-System", das dem einzelnen Mitarbeiter auf einem digitalen Gerät anzeigt, wie seine Geschwindigkeit im Vergleich mit der seiner Kollegen ist. "Das funktioniert bei Männern besser als bei Frauen", so Nachtwey. "Man nennt das Gamification. Man versucht die Leute in ein vermeintliches Spiel zu verstricken, bei dem am Ende alle verlieren, weil damit die Normen gesenkt werden."
    Dass dies so passieren kann, liege an der systematischen Schwächung der Gewerkschaften, so Nachtwey. Und Mayer-Ahuja fügt hinzu, dass es in Deutschland immer mehr "gewerkschaftsfreie Zonen" und mehr Betriebe ohne Betriebsrat gebe. Im Einzelhandel oder in der IT-Branche hätten es Gewerkschaften zunehmend schwer.

    Pflichtbewusstsein wird systematisch einkalkuliert

    Die Arbeitskämpfe in der Pflegebranche hingegen hätten vor allem in den großen Krankenhausbetrieben, in denen sich viele Mitarbeiter organisieren, Verbesserungen hervorgebracht.
    Maximiliane Schaffrath hat ihre Ausbildung in der Pflege gemacht. Nach ihrer Ausbildung hat sie die Branche gewechselt. "Menschen, die in der Pflege arbeiten, bringen ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein für die Menschen mit, die sie pflegen", sagt Schaffrath. "Dieses Verantwortungsbewusstsein wird in den Führungsetagen systematisch einkalkuliert." Man verlasse sich darauf, dass die Pflegekräfte auch mal länger arbeiten und ihre Patienten nicht allein lassen.
    Zwei Krankenpfleger im Zimmer eines Patienten. Einer steht an einem Monitor, der andere beugt sich über das Bett. Beide tragen Kittel und Masken.
    Krankenpfleger arbeiten oft am Rande ihrer Kräfte. Die physische und die emotionale Belastung ist hoch.© picture alliance / dpa-Zentralbild / Jens Büttner
    Der Pflegebereich sei in den letzten Jahren systematisch "ausgehungert" worden, sagt die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja. Es gebe einen hohen Personalmangel, der seit Jahren beklagt, aber an dem nichts geändert werde. "Pflegekräfte müssen die Möglichkeit, sich um Kranke zu kümmern gegen die Krankenhaus-Unternehmen verteidigen, die in einem System von Fallpauschalen eingespannt sind, das es nicht ermöglicht, genügend Personal zu haben", so Mayer-Ahuja.

    Stärkere Gewerkschaften

    Schaffrath wünscht sich eine Veränderung der Arbeitsbedingungen in der Pflege. Mit mehr Geld allein sei es nicht getan. Sie sieht die Lösung in der Abkehr vom System der Fallpauschalen.

    Mayer-Ahuja und Nachtwey stimmen ihr zu, betonen aber auch die Notwendigkeit, dass mehr Menschen wieder einen Sinn in der Rolle der Gewerkschaften erkennen.

    Maximiliane Schaffrath: "Systemrelevant. Hinter den Kulissen der Pflege"
    S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2021
    240 Seiten, 18 Euro

    Hg.: Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey: "Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft"
    Suhrkamp, Berlin 2021
    567 Seiten, 22 Euro

    Die Lesart findet sechsmal im Jahr im Grillo-Theater in Essen statt. Partner sind dabei die Essener Buchhandlung "Proust", die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) und das Schauspiel Essen.

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