Sachbuchbestenliste Dezember

Intensiver Blick auf die Geschlechterverhältnisse

06:29 Minuten
Collage mit den drei Höchstplatzierten der Sachbuchbestenliste im Dezember 2021: "Die Erfindung der Hausfrau" von Evke Rulffes, "Die letzten Männer des Westens" von Tobias Ginsburg und "Sensibel" von Svenja Flaßpöhler.
Die Top 3 der Sachbuchbestenliste. "Die Erfindung der Hausfrau" von Evke Rulffes, "Die letzten Männer des Westens" von Tobias Ginsburg und "Sensibel" sind im Dezember neu dabei und führen die Liste gleich an. © Deutschlandradio / Verlagsgruppe HarperCollins, Rowohlt Polaris, Klett-Cotta
25.11.2021
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Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes zeichnet detailliert nach, wie "die kümmernde Mutter" im 18. Jahrhundert zum Ideal wird. "Die Erfindung der Hausfrau" führt eine Bestenliste an, die von der Beschäftigung mit Geschlechterfragen geprägt ist.
Deutschlandfunk Kultur, ZDF und „Die Zeit“ präsentieren gemeinsam die stärksten Sachbücher des Monats. Gekürt werden die Titel von einer Jury aus 30 Kritikerinnen und Kritikern.

1 (-) Evke Rulffes: "Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung"
HarperCollins, Hamburg 2021
288 Seiten, 22 Euro

Das Cover des Buches von Evke Rulffes, "Die Erfindung der Hausfrau", auf orange-weißem Grund.
Evke Rulffes: "Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung"© Deutschlandradio / HarperCollins
Anstrengend, unentgeltlich und verdammt undankbar: Der Job der Hausfrau gilt als patriarchal, als überholt – und ist doch alles andere als ausgestorben. Detailliert zeichnet die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes nach, wie sich das Ideal der „kümmernden Mutter“ erst im 18. Jahrhundert etablierte – und wie es bis heute in unseren Köpfen fortwirkt. 50 Punkte

Unser Gespräch mit Evke Rulffes

2 (-) Tobias Ginsburg: "Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats"
Rowohlt Polaris, Hamburg 2021
336 Seiten, 16 Euro

Das Cover des Buches von Tobias Ginsburg, "Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats", auf orange-weißem Hintergrund.
Tobias Ginsburg: "Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats"© Deutschlandradio / Rowohlt Polaris
Die extreme Rechte ist sich einig: Feministinnen unterdrücken den westlichen Mann, verweiblichen ihn. Nach seiner „Reise ins Reich“ der Verschwörungstheoretiker vor drei Jahren mischt sich der JournalistTobias Ginsburg in seinem neuen Buch inkognito unter Antifeministen. Er besucht radikale Burschenschaftler und faschistische Rapper – bis er schließlich ein international agierendes Netzwerk aufdeckt. 49 Punkte

Unser Gespräch mit Tobias Ginsburg

3 (-) Svenja Flaßpöhler: "Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren"
Klett-Cotta, Stuttgart 2021
240 Seiten, 20 Euro

Das Cover des Buches von Svenja Flaßpöhler, "Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren", auf orange-weißem Grund.
Svenja Flaßpöhler: "Sensibel, Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren"© Deutschlandradio / Klett-Cotta
Ob gendersensible Sprache oder kulturelle Aneignung: Nie schien es wichtiger, Gefühle nicht zu verletzen. Eine positive Entwicklung? Nur teilweise, findet Svenja Flaßpöhler. Von Rousseau bis Judith Butler zeichnet die Chefredakteurin des Philosophie Magazins die Geschichte des „sensiblen Ichs“ nach – und zeigt: Was einst zur Verfeinerung der Sitten geführt hatte, erzeugt heute Stillstand. 47 Punkte

Unser Gespräch mit Svenja Flaßpöhler

4 (-) Franziska Schutzbach: "Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit"
Droemer Knaur, München 2021
304 Seiten, 18 Euro

Das Cover des Buches von Franziska Schutzbach, "Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit", auf orange-weißem Hintergrund.
Franziska Schutzbach: "Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit"© Deutschlandradio / Droemer Knaur
Fürsorglichkeit, Zuwendung, Wärme: Keine Ressource wird im patriarchalen Kapitalismus so sehr ausgebeutet, wie die vermeintliche „weibliche Natur“, so die These der Gender-Forscherin Franziska Schutzbach. Ob im Haushalt oder der Pflege – Frauen sind dort überrepräsentiert, wo schlecht bezahlt, wenig gedankt, aber viel erwartet wird. Schutzbach zeigt, wie frau der Verfügbarkeitsfalle entkommen kann. 41 Punkte
Das Cover des Buches von Wolfgang Schivelbusch, "Die andere Seite: Leben und Forschen zwischen New York und Berlin", auf orange-weißem Hintergrund.
Wolfgang Schivelbusch: "Die andere Seite: Leben und Forschen zwischen New York und Berlin"© Deutschlandradio / Rowohlt
Der Historiker Wolfgang Schivelbusch erzählt von seinem durch Amerika geprägtem Leben. Als Kind bewunderte er die GIs im Frankfurter Schwimmbad, später ging er zum Forschen nach New York und blickte aus seiner Wohnung aufs World Trade Center, bis er schließlich wieder nach Deutschland zurückkehrte. Eine Biografie, die zugleich Analyse einer komplizierten transatlantischen Freundschaft ist. 36 Punkte

Unsere Rezension

6 (-) Kirsty Bell: "Gezeiten der Stadt. Eine Geschichte Berlins"
Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff
Kanon, Berlin 2021
333 Seiten, 28 Euro

Das Cover des Buches von Kirsty Bell, "Gezeiten der Stadt. Eine Geschichte Berlins", auf orange-weißem Grund
Kirsty Bell: "Gezeiten der Stadt. Eine Geschichte Berlins"© Deutschlandradio / Kanon
Klar, Berlin-Bücher gibt es viele. Kirsty Bells Blick aber ist ein vollkommen neuer: Entlang der Wasseradern bewegt sich die britisch-amerikanische Kunstkritikerin durch die Geschichte Berlins. Im Takt der Gezeiten lernt sie die Stadt, in der sie seit 20 Jahren lebt, neu kennen – und stößt dabei auf berühmte Ex-Bewohner: Auf Walter Benjamin, Rosa Luxemburg oder Hannah Arendt. 35 Punkte

Unsere Rezension

7 (-) Bas von Benda-Beckmann: "Nach dem Tagebuch"
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
Secession, Zürich 2021
471 Seiten, 28 Euro

Das Cover des des Buches von Bas von Benda-Beckmann, "Nach dem Tagebuch", auf orange-weißem Grund
Bas von Benda-Beckmann: "Nach dem Tagebuch"© Deutschlandradio / Secession
Anne Franks Tagebuch endet am 1. August 1944 – dem Tag, als sie und die anderen Bewohner ihres Amsterdamer Verstecks verhaftet und ins KZ verschleppt werden. Bas von Benda-Beckmann erzählt, wie es weitergeht: Der niederländische Historiker hat Zeugnisse und Dokumente ausgewertet, um das Schicksal der acht Menschen möglichst detailreich nachzuzeichnen. Nur einer von ihnen sollte den Holocaust überleben. 33 Punkte

8 (-) Corine Pelluchon: "Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung"
Aus dem Französischen von Ulrike Bischoff
WBG, Darmstadt 2021
320 Seiten, 50 Euro

Das Cover des Buches von  Corine Pelluchon, "Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung"
Corine Pelluchon: "Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung"© Deutschlandradio / WBG
Die Aufklärung steht unter Beschuss, und das von allen Seiten: Rechte wollen zurück zur hierarchischen Gesellschaft, Linke halten den Universalismus für hegemonial. Die Philosophin Corine Pelluchon dagegen ist überzeugt: Um eine wahrhaftig ökologische und demokratische Gesellschaft herbeizuführen, müssen wir die aufklärerischen Ideale wiederentdecken – um sie anschließend weiterzuentwickeln. 31 Punkte

Unser Gespräch mit Corine Pelluchon

9 (2) Daniel Schreiber: "Allein"
Hanser Berlin, Berlin 2021
108 Seiten, 20 Euro

Das Cover des Buches von Daniel Schreiber, "Allein" auf orange-weißem Hintergrund.
Daniel Schreiber: "Allein"© Deutschlandradio / Hanser Berlin
„Einsamkeit ist ein Gefühl, das jede und jeden von uns früher oder später einholen wird“, schreibt der Publizist Daniel Schreiber. Schließlich leben wir heute individualisierter denn je. Warum aber ist das Alleinsein so negativ besetzt? Anhand persönlicher Anekdoten und philosophischer Reflexionen ergründet Schreiber das Spannungsfeld aus Rückzugswunsch und Sehnsucht nach Zugehörigkeit. 27 Punkte

Unsere Rezension
Unser Gespräch mit Daniel Schreiber

10 (-) Henry Mance: "Mit Tieren leben. Warum wir das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu definieren müssen"
Aus dem Englischen von Yamin von Rauch
Kein & Aber, Zürich 2021
480 Seiten, 27 Euro

Cover des Buches "Mit Tieren leben" von Henry Mance. Es zeigt die Umrisse eines Rindes vor grünem Hintergrund.
Henry Mance: "Mit Tieren leben. Warum wir das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu definieren müssen" © Deutschlandradio / Kein & Aber
Während wir die einen lieben, essen wir die anderen. Ausgehend von diesem seltsamen Missverhältnis macht sich der Reporter Henry Mance auf, die Beziehung von Mensch und Tier zu erforschen. Er heuert im Schlachthof an, geht auf Jagd und reist in den globalen Süden, wo Regenwälder für die Nutztierhaltung geopfert werden. Mances Resümee: Wir müssen Tiere nicht lieben – es reicht, sie in Ruhe zu lassen. 25 Punkte

Unsere Rezension

10 (-) Helene Hegemann: "Patti Smith, Christoph Schlingensief, Anarchie und Tradition"
KiWi, Köln 2021
112 Seiten, 10 Euro

Das Cover des Buches von Helene Hegemann, "Patti Smith, Christoph Schlingensief, Anarchie und Tradition", aud orange-weißem Grund.
Helene Hegemann: "Patti Smith, Christoph Schlingensief, Anarchie und Tradition"© Deutschlandradio / KiWi
Erst hält sie es für ein böses Omen, wenn Patty Smiths Stimme erklingt – hörte die kranke Mutter schließlich in Krisen ihre Musik. Später, nach einer zufälligen Begegnung, wird die Künstlerin zur Verbündeten – und zur Eintrittskarte in eine neue Welt. Die Schriftstellerin Helene Hegemann erzählt die persönliche Geschichte einer Freundschaft, die zugleich eine über die heilende Kraft der Kunst ist. 25 Punkte

10 (-) Katerina Schiná: "Die Nadeln des Aufstands. Eine Kulturgeschichte des Strickens"
Aus dem Griechischen von Doris Wille
Edition Converso, Bad Herrenalb
216 Seiten, 28 Euro

Das Cover des Buches von Katerina Schiná, "Die Nadeln des Aufstands. Eine Kulturgeschichte des Strickens" auf orange-weißem Grund.
Katerina Schiná: "Die Nadeln des Aufstands. Eine Kulturgeschichte des Strickens"© Deutschlandradio / Edition Converso
Unter griechischen Feministinnen galt das Stricken einst als reaktionär und frauenfeindlich. Ungeachtet dessen entdeckte Katerina Schiná in den achtziger Jahren ihre Leidenschaft dafür. Bald stellt sie fest: Stricken, das ist gelebte Emanzipation, „mein Pullover bin ich“. Eine Kulturgeschichte des Strickens, bunt, humorvoll und reich an Überraschungen. 25 Punkte
So funktioniert die Abstimmung:

Jedes Jurymitglied vergibt an vier Sachbücher je einmal 15, 10, 6 und 3 Punkte.

Die Jury der Sachbuch-Bestenliste:

René Aguigah (Deutschlandfunk Kultur)
Peter Arens (ZDF)
Susanne Billig (Deutschlandfunk Kultur)
Ralph Bollmann (FAS)
Stefan Brauburger (ZDF)
Alexander Cammann (DIE ZEIT)
Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel)
Heike Faller (DIE ZEIT)
Daniel Fiedler (ZDF)
Jenny Friedrich-Freksa (Kulturaustausch)
Manuel J. Hartung (ZEIT-Stiftung)
Thorsten Jantschek (Deutschlandfunk Kultur)
Kim Kindermann (Deutschlandfunk Kultur)
Inge Kutter (DIE ZEIT)
Hannah Lühmann (DIE WELT)
Ijoma Mangold (DIE ZEIT)
Susanne Mayer (DIE ZEIT)
Tania Martini (taz)
Catherine Newmark (Deutschlandfunk Kultur)
Jutta Person (freie Literaturkritikerin)
Bettina von Pfeil (ZDF)
Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung)
Christian Rabhansl (Deutschlandfunk Kultur)
Anne Reidt (ZDF)
Anna Riek (ZDF)
Stephan Schlak (Zeitschrift für Ideengeschichte)
Hilal Sezgin (freie Autorin)
Catrin Stövesand (Deutschlandfunk)
Elisabeth von Thadden (DIE ZEIT)
Julia Voss (Leuphana Uni Lüneburg)
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