Bayreuther Festspiele 2026
Sind die goldenen Zeiten bereits vorbei? Die Bayreuther Festspiele stehen zu ihrem 150. Jubiläum vor einigen Herausforderungen © picture alliance / Panama Pictures / Christoph Hardt
Jubiläum auf dem Grünen Hügel

Die Bayreuther Festspiele feiern 150 Jahre und bleiben einzigartig. Richard Wagners Erbe fasziniert Millionen, belastet aber auch das Festival bis heute. Im Jubiläumsjahr rückt dabei nicht nur die Vergangenheit ins Rampenlicht.
Schon wieder ein Jubiläum, schon wieder Bayreuth, jedes Jahr dasselbe Spiel – könnte man meinen. Ist auch so. Zu Recht. Denn die Bayreuther Festspiele sind eine geniale Erfindung, vergleichbar mit der Erfindung der Eisenbahn oder mit Einsteins Weltformel.
So etwas wie die Bayreuther Festspiele gibt es weltweit nicht, jedenfalls nicht seit 150 Jahren und so unverwechselbar wie das Gesamtkunstwerk des Komponisten Richard Wagner auf dem Grünen Hügel in Oberfranken.
Die Bayreuther Festspiele sind die ersten und ältesten Opernfestspiele der Weltgeschichte und Vorbild für Tausende Musik-, Kunst-, Kino- und Literaturfestivals rund um den Globus. Sie sind die einzigen Festspiele, die von einer einzigen Person erdacht, realisiert und mit ausschließlich eigenen Werken bestückt sind. Sie sind das einzige Festival, das zur Kultur, Geschichte und Politik eines ganzen Landes zentral dazugehört - mit allen Höhen und Tiefen.
Der braune Sumpf: Wagners Erbe und der Nationalsozialismus
Wagners Werk in der deutschen Provinz ist seit Anbeginn Labor für Zivilisations- und Kapitalismuskritik, für Zukunftsfragen rund um Kultur und Politik; später zugleich furchtbarer Inkubator des nationalsozialistischen Irrsinns. Mühsam versuchten und versuchen sich nach 1945 die familiären Unternehmenschefs seit Richard Wagners Enkel Wolfgang bis Urenkelin Katharina heute aus dem braunen Sumpf der Vorfahren zu arbeiten, mal zögerlich, mal energisch.
Die Bayreuther Festspiele sind deutsche Geschichte. Kein anderer Regisseur hat das in seiner Inszenierung des „Parsifal“ vor wenigen Jahren so eindrücklich erzählt wie Stefan Herheim. Der weltfremde Titelheld taumelt aus der idyllischen Gründerzeit ins Nazideutschland und aus dem Bonner Bundestag in eine Zeit utopischen Weltfriedens.
Die jährlichen Skandale auf dem Grünen Hügel
Richard Wagner ging es in seinem Werk immer ums Ganze, um die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen, um die Heilung der Welt, um eine Universalgeschichte der Liebe. Spätestens seit den 1950er-Jahren versuchen Orchester, Dirigenten und Regisseure den faszinierenden Kosmos dieses Musiktheaters immer wieder neu auszuloten und nach seinen Bedeutungen für die jeweils aktuelle Gegenwart zu befragen – mit grandiosen Ergebnissen und krachenden Niederlagen. Aber so ist das in der Kunst und im Leben.
Der Fall Michel Friedman: Kommunikationschaos zum Jubiläum
Bei dieser Geschichte und dem Anspruch der Bayreuther Festspiele wundert es nicht, dass alle Welt jedes Jahr im Sommer genau dorthin schaut und die Erregungsspirale anspringt, sobald Anzeichen eines Skandals aufziehen. So wie kürzlich, als bekannt wurde, dass der Publizist und ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zu einer Gedenkveranstaltung für jüdische Mitarbeiter zuerst eingeladen und dann wieder ausgeladen wurde.
Licht der Gegenwart: Aufarbeitung und Neuausrichtung in Bayreuth
Verweigerten die Festspiele wieder einmal die Aufarbeitung? Das war der Verdacht. Unberechtigt, wie sich schließlich zeigte. Organisations- und Kommunikationschaos waren die Ursache. Festspielchefin Katharina Wagner bat Friedman um Entschuldigung, der nahm an und kann seine wichtige Rede halten. Überhaupt: Seit die Urenkelin Richard Wagners am Ruder ist, bemühen sich die Festspiele verstärkt, mehr Licht in die antisemitische Geschichte des Unternehmens und des schlimmen Antisemiten Richard Wagner zu bringen – mit Ausstellungen, Diskursen, Publikationen und Inszenierungen.
Das klingt alles nach schwerer Vergangenheitslast. Ist es auch. Aber immer auch im Licht der Gegenwart. Überhaupt ist der Wunsch, ein Festival der Gegenwart zu sein, vielfältig spürbar. Kostenlose Open-Air-Konzerte locken Tausende auf die Festspielwiese zum Sommernachtspicknick; Kinoliveübertragungen von Neuinszenierungen gibt es, Kinderoper und Performances.
Aber trotz 150-jähriger Geschichte, großem Besucherandrang und medialer Aufmerksamkeit ist die Zukunft für alle Beteiligten eine Herausforderung. Denn damit sind Fragen verknüpft, etwa, ob Bund, Land, Stadt und Förderverein die Finanzierung für ein Drittel des Etats weiterhin absichern, die Familie Wagner weiterhin die Leitung in ihren Händen halten kann oder die Hochkultur ausreichende gesellschaftliche Akzeptanz hat.



























