Nachruf auf Péter Nádas

„Meine erste Erinnerung ist ein Bombenangriff“

Péter Nádas, ungarischer Schriftsteller und Fotograf, steht in der Akademie der Künste. Nádas hat sein künstlerisches Archiv der Akademie der Künste übergeben.
Überlebte den Holocaust mit seiner Familie in Verstecken und mit falschen Papieren: Péter Nádas. © picture alliance / dpa / Carsten Koall
Von Tobias Wenzel |
Die Bestialität des Menschen stellte er gnadenlos exakt dar, Momente des Glücks sind rar in seinem Werk. Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas wurde vielfach ausgezeichnet. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.
„Dann bekomme ich Herzklopfen, wenn ich richtig schöne Frauenschuhe sehe.“ Das erzählte Péter Nádas einmal ungewohnt überschwänglich, um allerdings direkt danach wieder in den für ihn und auch sein Schreiben so typischen melancholischen Grundton zurückzufallen. „Mich hat immer interessiert, wie das andere Geschlecht geht. Meine Mutter erwartete ein Mädchen, das hat mich betroffen gemacht: dass ich als Junge nicht erwartet wurde.“

Nahtoderfahrung als Glückszustand

Als Glückszustand bezeichnete Nádas ausgerechnet seine Nahtoderfahrung infolge eines Herzinfarktes, die er in dem Fototextband „Der eigene Tod“ in Worte zu fassen versuchte.
Ansonsten sind die Momente des Glücks und auch der erwiderten Liebe sind spärlich in den Büchern dieses ungarischen Autors von Weltrang. Meist ist es nur eine Ahnung davon, wie wenn im Roman „Parallelgeschichten“ ein Mann die von ihm begehrte Frau umarmt, die kein Interesse an ihm hat.
18 Jahre arbeitete Nádas an dem 1700 Seiten starken Roman. Darin folgte er mit beeindruckender Souveränität den Lebensläufen einer deutschen und einer ungarischen Familie, die über die dramatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts miteinander verknüpft sind. Es war das erste Buch, das Nádas nach der kommunistischen Diktatur in Ungarn schrieb und das er dementsprechend als große Befreiung empfand.

Gnadenlos exakte Darstellung des Körpers

Er nahm sich auch die Freiheit heraus, nicht nur die Bestialität, sondern auch den Körper des Menschen gnadenlos exakt darzustellen. So beschrieb Nádas den Sex eines aneinander vorbeiliebenden Paares auf mehr als hundert Seiten, außerdem wie ein deutscher Lageraufseher vor seinem heimischen Kamin masturbiert, nachdem er Zwangsarbeiter bei lebendigem Leib hat verbrennen lassen. Literatur dürfe nicht immer angenehm sein, war Nádas überzeugt.
Nicht nur auf den Seelen der Figuren in „Parallelgeschichten“ lasten die deutsche und die ungarische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Schon im Roman „Buch der Erinnerung“, der ihn international bekannt machte, spannte Nádas den Bogen vom ungarischen Volksaufstand bis in die DDR der 70er-Jahre.
„Meine erste Erinnerung ist ein Bombenangriff“, sagte Nádas einmal in einem Interview. „Und durch diesen Bombenangriff sind wir mit meiner Mutter in eine Wand geschleudert worden.“
Am 14. Oktober 1942 wurde Péter Nádas in eine kommunistische und jüdische, aber vor allem agnostische Familie in Budapest geboren. Am selben Tag ermordeten Nazis im polnischen Ghetto von Mizocz fast 2000 Juden. Eine für Nádas unerträgliche Gleichzeitigkeit.
Nádas: „Ich kämpfe seit Langem damit, wie ich mitten in dieser Grausamkeit überhaupt geboren bin. Das finde ich eine Ungerechtigkeit des Schicksals.“

Figuren mit neurotischem Gedankenkosmos

Nach dem frühen Tod der Mutter und dem Selbstmord des Vaters war Péter Nádas schon als Jugendlicher Vollwaise, arbeitete bald als Fotograf und Reporter für Tageszeitungen, bis er an den Grenzen verzweifelte, die ihm die kommunistische Zensur auferlegte.
Ein guter Fotograf ist er bis zuletzt geblieben, vor allem aber war er ein grandioser Schriftsteller. Wie Nádas in den oft neurotischen Gedankenkosmos seiner Figuren eintauchte, um sie dann wieder von außen zu beobachten, wie er zum Beispiel die große Distanz zwischen zwei allzu verschiedenen Frauen für einen Augenblick aufhob, indem er sie auf dem Rücksitz eines Autos bei einer holprigen Fahrt durch Budapest so sehr durchschüttelte, dass sie sich körperlich näherkamen und ein homoerotisches Knistern entstand, das war, das ist Weltliteratur.
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