Vom „sad girl“ zum „rage girl“

Warum Frauen in der Literatur jetzt wütend sind

Illustration: eine junge Frau schreit vor Wut.
Wut als neuer literarischer Trend: von der Ohnmacht zur Handlungsmacht. © picture alliance / fStop / Malte Mueller
Von Annika Säuberlich |
Tragische Frauenfiguren standen bei Buchempfehlungen auf TikTok und Instagram lange hoch im Kurs. Von der Sad-Girl-Literatur haben Leserinnen nun aber offenbar genug. Wonach es ihnen verlangt? Ungebändigte Wut!
Eine junge Frau verschwindet. Sie war vielversprechend und talentiert, kam als Gewinnerin eines Schreibwettbewerbs zur einer Modezeitschrift nach New York. Doch dann kommt alles anders. 
Die junge Frau wird verschluckt – von einer Depression. Sylvia Plaths Roman „Die Glasglocke“ von 1963 ist ein Klassiker der "sad girl literature", wie sie heute auf TikTok genannt wird. 

Sad-Girl-Literatur als Ohnmachtserfahrung

Elend und Einsamkeit der sogenannten "female experience", also des Erlebens der Welt als Frau, bieten ein riesiges Identifikationspotenzial.
Viele junge Frauen fühlen sich durch die tragischen Frauenfiguren der Literaturgeschichte in den Tiefen ihrer Seele verstanden – und greifen nach Plaths „Glasglocke“, Leo Tolstois bitterem Liebesdrama „Anna Karenina“ oder Sally Rooneys Gegenwartsroman „Normale Menschen“.
Doch die Gemeinschaft der Leidenden scheint nicht mehr genug.

Wenn Frauen der Kragen platzt

Teil der "female experience" sind nämlich auch Dinge, die Frauen langsam aber sicher auf die Palme bringen, bis – und nun scheint der Moment gekommen – ihnen der Kragen platzt. Zumindest literarisch.
Denn so tröstlich die Hand einer Protagonistin sein kann – was Sad-Girl-Literatur beschreibt, ist letztlich eine Ohnmachtserfahrung. Und wonach es sowohl Leserinnen als auch Autorinnen immer mehr zu dürsten scheint, ist ein Ende dieser viel erfahrenen Ohnmacht als Frau. Und zwar ein Ende mit einem Knall.

Wütende Frauenfiguren geben Stärke zurück

Auf BookTok wird aus Tragik deshalb: Wut. Wut ist mächtig, in ihr liegt Handlungsmacht. Schluss mit dem Dahingesieche, die Ära eines neuen Genres ist angebrochen: die Ära der Rage-Girl-Literatur.
Das englische „rage“ ist eine Wut, die rasend ist, ungebändigt – und für die Leserin mitunter ganz schön abgedreht. Die Autorin Monika Kim lässt ihre Protagonistin in „Das Beste sind die Augen“ eine Obsession mit den Augen des neuen Freundes ihrer Mutter entwickeln. Aus Wut, denn besagter Freund ist ein absolutes Ekel.
Die Antiheldin denkt in dem Buch Dinge wie: „Ich will ihn bluten sehen. Will seinen Kopf aufschneiden, ihm die Haut abziehen, seine Augen essen.“ In Kims Rache-Groteske kommt weibliche Wut in keiner Weise entschuldigend daher. Sie wird genüsslich und völlig ungeniert ausgekostet.

Befreiungsschlag oder nur kesse Pose?

Für manche Feministinnen ist das ein Zeichen von Emanzipation. Sie sagen: Die außer Rand und Band geratenen Protagonistinnen der Literatur geben den Leserinnen Stärke zurück. Frauen wollen jetzt auch wütend sein und zurückschlagen. Wütend worauf?
Der feministische Buchclub feminist fiction berlin schreibt als Antwort auf Instagram „EVERYTHING“ – ALLES. Natürlich in wütenden Großbuchstaben. Dann kommt eine Aufzählung: Kapitalismus, Patriarchat, der Ex, die verspätete Periode, Krieg, Ungerechtigkeit.
Der Verdacht, der Rage-Trend könnte angesichts der Vermarktung nicht mehr als eine kesse Pose sein, wird bei so manchem Wut-Buch sofort entkräftet.

Von der Horrorgroteske zur Revolution

Eines dieser nichtkessen Wut-Bücher ist in diesem Jahr sogar für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert: „Badjens“ von Delphine Minoui. Badjens bedeutet übersetzt „nicht akzeptabel“ – es ist der Name einer jungen Iranerin. Und dieser Name ist Prophezeiung, denn Badjens ist vorlaut, ungehobelt und wütend. Weil Frauen in ihrem Land nur die Hälfte wert sind.
Badjens erzählt von ihrem Erwachsenwerden im Iran. Es ist die Zeit der Proteste, nachdem die iranische Sittenpolizei Mahsa Amini tödlich verletzt hat, weil sie ihr Kopftuch nicht richtig getragen haben soll.

Female rage als politische Kraft

Im Buch dringt der Aufstand bis in die Klassenzimmer, wo Badjens ein Bild des damaligen Machthabers Ali Chamenei zerreißt und bespuckt. Die Klassenlehrerin befiehlt den Schülerinnen, sich zu setzen. Sie schreit vor, was die Mädchen nachsprechen sollen: „Ich opfere mein Leben für Chamenei!“
Aber: „Wir antworten im Chor: ‘Ich opfere mein Leben für Mahsa Amini!’ Unsere Füße stampfen auf den Boden. Unsere Handflächen schlagen auf die Tische.“
Das Buch beweist: „Female rage“ ist eine politische Kraft, wenn Frauen mehr als vergleichsweise harmlose Online-Slogans daraus machen. Die neuen wütenden Protagonistinnen der Rage-Girl-Literatur begnügen sich nicht mehr mit ausgeweideten Männeraugen zum Frühstück. Sie wollen die Revolution.
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