Georg-Büchner-Preis für Christine Wunnicke

Unbekümmert eigensinnig und hochkomisch

Die Autorin Christine Wunnicke.
Ist schon lange kein Geheimtipp mehr, obwohl das immer wieder behauptet wird: Christine Wunnicke. © picture alliance / SZ Photo / Volker Derlath
Von Wiebke Porombka |
Der Georg-Büchner-Preis für Christine Wunnicke ist mehr als gerechtfertigt: Kaum jemand sonst versteht es so gut wie sie, die Entstehung des Wissens aus der tief im Menschen angelegten Neugierde in hochansprechende, kurzweilige Handlungen zu übersetzen.
Eins muss nun wirklich ein Ende haben: die Schriftstellerin Christine Wunnicke als „Geheimtipp“ zu bezeichnen. Auch das Label „der berühmteste Geheimtipp der Literatur“ kann für die vergangenen Jahre kaum mehr gelten, auch wenn man es immer wieder lesen und hören konnte: Im Jahr 2020 war Christine Wunnicke bereits mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis für ihren Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ ausgezeichnet worden, mit ihren stets schmalen Romanen war sie zudem mehrfach für den deutschen Buchpreis nominiert.
Dabei ist durchaus vorstellbar, dass der 1966 geborenen Wunnicke diese Zuschreibung gar nicht so unangenehm ist. Aus dem Literaturbetrieb hält sie sich weitgehend fern, wägt ab, welche öffentlichen Auftritte sie überhaupt wahrnimmt.
Das schillernde Leben verlegt sie stattdessen in ihre Bücher, die man nicht mit historischen Romanen verwechseln sollte, auch wenn Wunnickes Figuren oft der Geschichte entnommen sind. Wie in ihrem jüngsten Roman „Wachs“ (2025), der im Paris des 18. Jahrhundert spielt und von einem ungewöhnlichen Wissenschaftlerinnen-Paar erzählt: von Marie Biheron, die Wachspräparate menschlicher Körperteile und Organe anfertigte und dafür internationale Bekanntheit erlangte, und ihrer Lehrerin Madeleine Basseporte, einer durchaus bekannten Pflanzenmalerin.

Auf Faktentreue gibt Wunnicke nicht viel

Mit ihrem Material verfährt Wunnicke, anders als Marie Biheron, bei deren Modellen es auf Exaktheit ankam, ebenso frei wie – so heißt es auch in der Begründung zum Georg Büchner-Preis – mit „unbekümmerte(m) Eigensinn“. Auf Faktentreue gibt Wunnicke nicht viel, sie erfindet, fabuliert – und das auf ebenso unterhaltsame wie hochkomische Weise.

Christine Wunnicke wurde 1966 in München geboren. Anfang der 1990er Jahre erschienen erste Hörspiele und Radiofeatures, ihre ersten Romane folgten mit „Fortescues Fabrik“ im Jahr 1998 und „Jetlag“ im Jahr 2000. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin schreibt über historisch verbürgte Figuren und Wissenswelten aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Der mit 50.000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis wurde erstmals 1923 verliehen. Er gilt als eine der bedeutenden literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Namensgeber ist der in Darmstadt aufgewachsene Schriftsteller, Naturwissenschaftler und Freiheitskämpfer Georg Büchner (1813-1837). Im vergangenen Jahr erhielt die Schriftstellerin Ursula Krechel die Auszeichnung. Weitere Preisträgerinnen und Preisträger waren unter anderem Oswald Egger, Elias Canetti, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

Dass es dennoch wesentliche Themen sind, von denen Wunnicke erzählt, Emanzipation, Aufklärung oder queere Liebe, wird dabei nie programmatisch in den Vordergrund gestellt oder mit der Brechstange auf unsere Gegenwart übertragen. Es schwingt ganz einfach als eine Tonspur mit.

Zwischen Erkenntnis und lustvollem Verirren

Ganz ähnlich wie in Wunnickes Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ aus dem Jahr 2020, dem man den Stempel „Clash der Kulturen“ aufdrücken könnte, wenn Wunnicke es nicht verstehen würde, das Zusammentreffen des – wiederum historisch belegten – Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der im 18. Jahrhundert nach den Grundlagen des Alten Testaments suchen soll, mit einem persischen Astronomen als groteskes, aber liebenswertes Kammerspiel zu erzählen.
Die Mixtur aus Sanskrit, Arabisch und Deutsch, in dem Wunnicke ihre beiden Figuren miteinander parlieren und über unterschiedliche Weltansichten debattieren lässt, entfaltet dabei eine ganz eigene Komik – den speziellen Wunnicke-Humor. Auch „Die Dame mit der bemalten Hand“ kann, wer will, als Anleitung für die Gegenwart lesen, etwa durch Sätze wie: „Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder.“ Wunnickes Figuren aber staunen eher über diese Einsichten, als dass sie mit diesen hausieren oder gar missionieren gehen.
Die Romane von Christine Wunnicke, die oftmals von schrägen Zweierkonstellationen erzählen, spielen sowohl zeitlich als auch Kraft ihrer literarischen Mittel genau auf der Grenze zwischen der engagierten Suche nach Wissen, der Vorläufigkeit der Erkenntnis und dem lustvollen Verirren. Kaum jemand sonst versteht es so gut wie sie, die Entstehung des Wissens aus der tief im Menschen angelegten Neugierde in hochansprechende, kurzweilige Handlungen zu übersetzen.
Diesen Büchern und dieser neuen Büchner-Preisträgerin kann man nur ein möglichst großes Publikum wünschen. Dazu braucht es nun erst einmal einen neuen Verlag. Zwar sind die Bücher von Wunnicke noch lieferbar, der Berenberg Verlag allerdings, in dem die Bücher von Wunnicke in den vergangenen Jahren erschienen sind – aufwändig gestaltet, mit Leinenbindung und Fadenheftung – hat in diesem Frühjahr sein Programm eingestellt. Sie kann sich nun wohl einen Verlag nach Belieben aussuchen.
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