Mychajl Semenko: "Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?"
© Wallstein Verlag
Mit magischer Ekstase
06:22 Minuten

Mychajl Semenko
Herausgegeben und übersetzt aus dem Ukrainischen von Serhij Zhadan und Claudia Dathe
Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?Wallstein, Göttingen 2026274 Seiten
24,00 Euro
Der Dichter Mychajl Semenko (1892-1937) war zu seiner Zeit der große Neuerer der ukrainischen Literatur. Er verband Futurismus mit Innerlichkeit. Sein revolutionärer Furor kostete ihm schließlich unter Stalin das Leben.
Von der eigenen poetischen Berufung war Mychajl Semenko mehr als überzeugt. Er sei die „Synthese der Dichter und Träume“, schrieb er einmal. Ja, er nannte sich selbst einen „beispiellosen Dichter“, der sich mit seiner Stimme in „magischer Ekstase“ sogar den Mond schnappen könne. Und in einem seiner Verse heißt es: „Ich kleide die Dichtung in einen Ornat, den noch keiner getragen hat.“
Stimmungspoesie und Landschaftsskizzen
Von Beginn an wollte Semenko der große Neuerer der ukrainischen Literatur sein. 1892, als er in einem kleinen Ort im Norden der Ukraine geboren wurde (einen ukrainischen Staat gab es noch nicht, die Ukraine gehörte teils zum russischen Reich, teils zur Habsburgermonarchie), war die ukrainische Dichtung genauso von Stimmungspoesie und Landschaftsskizzen geprägt wie von klassisch gestrophten Poemen.
Die zentrale Figur war der große Taras Schewtschenko, „romantischer Rebell und antikolonialer Dichter“, wie ihn die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk einmal genannt hat. Er wurde zum Begründer des modernen ukrainischen Mythos. Kein Wunder, dass Semenko, als er mit 18 zum Studium nach Sankt Petersburg ging, in einem seiner Texte Schewtschenkos Hauptwerk erst einmal symbolisch verbrannte.

Bewegung und Veränderung fand Semenko auf den Straßen der Stadt mit ihren Trams und Passanten.© picture alliance / Bildagentur-online / Sunny Celeste
In der Metropole an der Newamündung las er die Schriften der Futuristen und entwickelte seine eigene Variante: den „Quero-Futurismus“, der aus drei Leitsternen für die Kunst bestehen sollte: Bewegung, Veränderung und Suche.
All das fand Semenko auf den Straßen der Stadt mit ihren Trams und Automobilen, mit den Konzertsälen, Theatern und Cafés, in denen das urbane Leben vibrierte. Entsprechend feierte er in seinen Versen den „weltumspannenden Moment“ und sang: „Schaufelt die Hitze mit nackten Händen.“ Auf Ukrainisch - eine Sensation und ein Wagnis, denn die offizielle Sprache im Kaiserreich war Russisch.
Als Telegrafist nach Wladiwostok
Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges war es vorbei mit diesen Versuchen. Semenko wurde nach Wladiwostok versetzt. Als Telegrafist fand er dort Zeit, Landschaft und Menschen zu studieren. So schrieb er während der Kriegsjahre eine Art Stimmungspoesie, in der ein „irrendes Herz“ zwischen Euphorie und Schwermut hin- und hergerissen wird, Vögel beobachtete und nach der Liebe suchte.
Erstaunlicherweise begann er gleich nach seiner Rückkehr aus dem Fernen Osten 1917 nach Kiew, an seiner urbanen Lyrik weiterzuarbeiten. Nun bejubelte er, ganz im Sinn des Futurismus, Geschwindigkeit, Elektrizität und Technik. Seine Gedichte leben von Grenzauflösung und imaginativen Einsprengseln. Der Ton wirkt oft rauschartig, Semenko hantiert mit Reimen, verschmilzt Laute und jagt metaphorisch durch „Sternenschauer“ und „Meteorbahnen“.
Die Übersetzerin Claudia Dathe und der Dichter Serhij Zhadan haben in ihrer Auswahl einen klugen Pfad durch Semenkos lyrisches Gesamtwerk gelegt. Raffiniert, wie Dathe in ihren deutschsprachigen Versionen Semenkos Reimspiele in Schrägreimen aufgefangen hat. Schön auch, dass einige seiner Manifeste in den Band aufgenommen wurden. In kleinen Vorworten entwirft das herausgebende Duo Porträts von Semenko und skizziert zugleich den kulturell-politischen Hintergrund.
Unter dem Stalin-Regime erschossen
Mit seinem revolutionären Furor stand er zwischen den Stühlen. Erneuerung hieß für ihn auch, gegen einen ukrainischen Nationalstaat zu sein, der sich für ihn mit dem alten Geruch nach „Teer und Speck“ verband. Den hatte er an Schewtschenko kritisiert.
Die ukrainische Volksrepublik, die es nach der Revolution für kurze Zeit gab, wurde im russischen Bürgerkrieg von den Bolschewiki besiegt. Als ein großer Teil der Ukraine zur Sowjetrepublik wurde, stand der linke Avantgardist Semenko aufseiten des neuen Regimes. In der Folgezeit experimentierte er mit visueller Poesie und schrieb seinen Versen politische Parolen ein. Sie gehören nicht zu seinen stärksten Texten.
Doch es half alles nichts. Am Ende wollte sich das Regime rigoros aller vermeintlichen Feinde des Systems entledigen. Semenko wurden konterrevolutionärer Aktivitäten unterstellt und er wurde 1937, im Zuge der sogenannten großen "Stalinschen Säuberungen", erschossen. Was bleibt, sind seine fantastischen Verse, Gedichte voller Bildlust und „Funken girlandener Wörter“.




















