Ukrainische Meistererzählungen

Literatur als Teil des ukrainischen Nationalbewusstseins

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Cover des Buchs "Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden", herausgegeben von Katja Petrowskaja.
© Wallstein
Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden. Ukrainische Meistererzählungen des frühen 20. JahrhundertsWallstein, Göttingen 2026

272 Seiten

24,00 Euro

Von Cornelius Wüllenkemper |
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Eine Sammlung von Erzählungen ukrainischer Autorinnen und Autoren aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt deren Widerstandsgeist auf der Suche nach Selbstbestimmung und Freiheit. Erzählungen über das Verhältnis zu Russland wirken verstörend aktuell.
In der Zeit, in der es in Zügen tatsächlich noch Kerzen gab, entwickelte sich mehr als je zuvor ein spezifisch ukrainisches Nationalbewusstsein. Nicht umsonst verbot der damalige Zar Alexander II. 1876 Einfuhr und Druck von Büchern sowie öffentliche Aufführungen in ukrainischer Sprache.
Das Zarendekret bewirkte jedoch das Gegenteil. Eine Vielzahl ukrainischsprachiger Autorinnen und Autoren wandte sich um die Jahrhundertwende gegen Kriegsgewalt und Obrigkeitsdenken und vertrat eine dezidiert europäisch geprägte, modern-libertäre Grundhaltung.
In Mychajlo Mohyljanskyjs 1916 auf Ukrainisch erschienener Erzählung "Die Braut" etwa lässt sich ebendiese auf dem Weg zu ihrem Verlobten in besagtem "Zug, in dem der Schaffner die Kerzen nicht anzünden wollte", auf ein erotisches Abenteuer mit einem Unbekannten ein:

Die süße Müdigkeit nahm immer mehr von ihrem Körper Besitz. Widerstand gegen den hypnotisierenden Blick wollte sie nicht mehr leisten – ja, sie genoss seine Macht über sie. So überraschte es sie nicht, als der Fremde von seiner Liege aufstand, zu ihr trat, schweigend ihre bebende Hand fasste und sie mit inbrünstigen Küssen bedeckte. Sie wehrte sich nicht, denn eine bis dahin unbekannte, überwältigende Wärme breitete sich in ihrem Körper aus, und sie gab sich willenlos hin.

aus: Mychajlo Mohyljanskyj: "Die Braut" (1916)

Diese Zeilen waren im sittenstrengen Zarenreich natürlich ein Skandal. Späterhin sollte Mychajlo Mohyljanskyj, Spross einer Adelsfamilie und überzeugter Marxist, wegen "revolutionärer Tätigkeit" inhaftiert werden. Unter Stalins Diktatur starb er 1942 in Sibirien.

Kampf um die nationale Unabhängigkeit

Mohyljanskyjs Schicksal verweist so wie seine Erzählung auf ein Leitmotiv der ukrainischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts: Sie wirkt als Vehikel nationaler Selbstverortung und Rebellion gegen die Obrigkeit.
Überdeutlich wird das bereits 1884 beim Großschriftsteller Iwan Franko. In seiner Erzählung "Wilhelm Tell" streitet sich ein junges Paar über den Kampf um die nationale Unabhängigkeit. Er, ein aufstrebender Doktor der Philosophie, weigert sich, in einer ukrainischsprachigen Literaturzeitschrift zu veröffentlichen oder sich politisch zu engagieren. Das könne Ruf und Karriere schaden.
Sie dagegen brennt für die Befreiung der Heimat nach dem Schweizer Vorbild - eine „gefährliche und doch heilige Sache“:

Nein, nicht ihretwegen gab er seine hehren Vorsätze und die Sorge um das Volk auf; vielmehr tat er es, weil in seinem Herzen entweder die heilige Flamme der Liebe zum Volk erloschen war – oder nie gebrannt hatte. Sie war nur das Feigenblatt gewesen, mit dem er in Gesellschaft seine eigene Charakterlosigkeit und Feigheit bedeckte. Nein, sie würde dies nicht dulden, keine Minute hinnehmen, dass dieser Mann so mit ihr verfahre!

aus: Iwan Franko: "Wilhelm Tell" (1884)

Verlegerinnen, Herausgeberinnen und Autorinnen

Von der Selbstermächtigung der Frauen erzählen auch andere der dreizehn Geschichten. In der Kurznovelle „Valse mélancolique“ etwa, die Olha Kobyljanska 1894 ursprünglich auf Deutsch verfasste, geht es um eine Frauen-Wohngemeinschaft im westukrainischen Galizien.
Statt in Einsamkeit und Hilflosigkeit zu versinken, verfolgen sie ihre künstlerische Selbstverwirklichung und individuelle Freiheit.

Wenn alle künstlerisch erzogen und gebildet wären, gäbe es nicht so viel Hässlichkeit und Elend auf der Welt wie jetzt. Es gäbe nur Harmonie und Schönheit. Aber jetzt? Was gibt es rings um uns? Nur wir allein halten die Kunst im Leben aufrecht, wir Künstler, die wenigen Auserwählten der Menschheit.

aus: „Valse mélancolique“ von Olha Kobyljanska (1894)

Olha Kobyljanska war Teil der westukrainischen Zirkel progressiver Verlegerinnen, Herausgeberinnen und Autorinnen, die sich bereits um die Jahrhundertwende für eine feministische Emanzipation und für die nationale Unabhängigkeit einsetzten. Ein wichtiger Teil davon war auch die Etablierung des Ukrainischen als Literatursprache.
Einigen der „Meistererzählungen“ merkt man diesen programmatisch-aktivistischen Impuls an. Der Kontext ihrer Entstehung sowie kurze Biografien der Autorinnen und Autoren sind im Anhang nachzulesen.
Sie machen zweierlei deutlich: Die zentrale Rolle der Literatur in der Entwicklung des ukrainischen Nationalbewusstseins und die drakonische Verfolgung dieser Bestrebungen durch das russische Imperium – zunächst durch das Verbot des Ukrainischen und später durch die stalinistischen Säuberungen.

Zentralfigur der Avantgarde hingerichtet

Auch Walerjan Pidmohylnyj, der unter anderem Diderot, Balzac und Maupassant ins Ukrainische übersetzte und eine Zentralfigur der literarischen Avantgarde war, wurde 1937 hingerichtet. In seiner Geschichte über zwei minderjährige ukrainische Freiheitskämpfer legte er bereits 1918 einem russischen Rotarmisten in den Mund:

‚Wie? Ein Milchgesicht und Rüpel, noch grün hinter den Ohren, und schon Konterrevolutionär? Bourgeois? Was willst du damit erreichen, he? Gegen wen? Gegen das große russische Volk? Gegen das Proletariat? Weißt du denn nicht, was das Volk mit Verrätern macht?‘ Während er diese Fragen stellte, kam der Kommissar immer näher. ‚Es vernichtet sie, wie Ungeziefer!‘

Passagen wie diese machen die geradezu verstörende Aktualität der Geschichten auch nach über einem Jahrhundert deutlich. Zugleich erzählen die „Meistererzählungen“, wie die Herausgeberin den Band durchaus selbstbewusst untertitelt, mal in erzählerischer Tiefe, mal in eher trivialliterarischem Duktus von der Reibung des Individuums an gesellschaftlichen Erwartungen und an den Unwägbarkeiten der großen Geschichte.
Sie führen vor Augen, wie sehr die ukrainische Literaturtradition geprägt ist von den europäischen Ideen der Psychoanalyse, des Individuums und der Suche nach Selbstbestimmung und Freiheit.
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