Kampf der Worte

Literatur in Zeiten des Krieges

61:40 Minuten
An einer mit Graffiti besprühten Mauer hängen Zettel mit Gedichten. Daneben gelehnt ein blauer Spruchbanner, auf dem in Gelb steht: "Make poetry, not war."
"Macht Gedichte, keine Kriege", fordert dieses Spruchband in ukrainischen Farben. © picture alliance / dpa / Stephan Schulz
Moderation: Jens Bisky · 22.05.2022
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Jeder Krieg beginnt mit Worten. Militärische Aggression bedarf der Sprache, Widerstand auch. Wie blicken Schriftsteller*innen und Publizist*innen auf den Krieg gegen die Ukraine? Eine Diskussion mit Dmitrij Kapitelman, Kateryna Mishchenko und Jens Bisky.
Der völkerrechtswidrige Einmarsch der russischen Föderation in die Ukraine am 24. Februar 2022 ist ein beispielloser Vorgang in der jüngsten europäischen Geschichte. Er droht, die Ukraine als Staat zu vernichten, und erschüttert die globale Sicherheitsordnung. Ein bislang unvorstellbares Szenario, der dritte Weltkrieg, wird zur realen Gefahr.

Beredtes Schweigen

Der Terror des Krieges legt die Asymmetrie der Kommunikation offen: Während Millionen Ukrainer vor Bombenangriffen flüchten, spricht der russische Präsident von einer „militärischen Spezialoperation“. Wo ukrainische Bürger ihre Demokratie in belagerten Städten verteidigen, drohen russischen jahrelange Haftstrafen, wenn sie von Krieg sprechen. Während die Menschen in Putins Staat von den globalen Nachrichtenströmen abgeschnitten sind, fungieren ukrainische Zivilisten als Berichterstatter. Und während Spitzendiplomaten aus der ganzen Welt vermitteln wollen, herrscht zwischen den Präsidenten Russlands und der Ukraine Schweigen.

Welche Sprache braucht es nun?

Inmitten von Kriegsrhetorik, Desinformation und Propaganda scheint Sprache ihre Wirkmacht zu verlieren. An der Front sind Worte unhörbar. Munitioniert wird der Krieg aber auch durch den Missbrauch der Sprache. Durchhalteparolen dienen der Einschüchterung, der Aufstachelung und dem Machterhalt, der Desinformation, der Propaganda. Wie beobachten Schriftsteller*innen, Verleger*innen und Publizist*innen das Kriegsgeschehen? Welche Art von Sprache braucht es jetzt zur Verständigung? Lassen sich die entstehenden Risse überhaupt schließen?
Eine Diskussion zur „Woche der Meinungsfreiheit“ (3. Mai – 10. Mai), organisiert von der Frankfurter Buchmesse und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur.

Die Gesprächsteilnehmer

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kiew geboren, kam im Alter von acht Jahren als "Kontingentflüchtling" mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. Sein erstes Buch "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" (Hanser Berlin, 2016) wurde mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien "Eine Formalie in Kiew" (Hanser Berlin, 2021).

Kateryna Mishchenko ist Autorin, Kuratorin und Mitbegründerin des unabhängigen Kiewer Verlags Medusa. Sie lehrte Literatur an der Nationalen Linguistischen Universität Kiew und arbeitete als Übersetzerin im Menschenrechtsbereich. Ihre Essays wurden in ukrainischen und internationalen Anthologien und Zeitschriften sowie im Buch "Ukrainische Nacht" (Spector Books, 2015) veröffentlicht. Kateryna Mishchenko lebt und arbeitet in Kiew.

Jens Bisky, geboren 1966 in Leipzig, studierte Kulturwissenschaften und Germanistik in Berlin. Er war von 2001 bis 2020 Feuilletonredakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Seit dem 1. Januar 2021 leitet Jens Bisky die Redaktion von Mittelweg 36 und Soziopolis, die beim Hamburger Institut für Sozialforschung erscheinen. Zudem ist er Autor mehrerer vielbeachteter Bücher, darunter "Geboren am 13. August" (Rowohlt Berlin, 2004), "Kleist. Eine Biographie" (Rowohlt Berlin, 2007) und zuletzt "Berlin. Biographie einer großen Stadt" (Rowohlt Berlin, 2019). 2017 wurde Bisky von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet.

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