Serie "Die neuen Diener"

Die Selbstausbeutung der Kreativen

05:35 Minuten
Ein Künstler malt ein Bild in einem Park, die Leinwand ist nur von hinten zu sehen.
Kulturarbeit: malen, schreiben, schauspielern, musizieren. Wer das tut, lebt oft prekär. Wird dieses Bild jemals verkauft werden? © picture alliance / dpa / Zumapress / Jim Thompson
Von Christian Schüle · 04.09.2022
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Der globale Kapitalismus hat eine neue dienende Klasse hervorgebracht. Gibt es auch im Bereich der Kultur ein neues Prekariat? Eine vierteilige Serie nimmt die Geschichte prekärer Beschäftigungen in den Blick.
Kulturarbeitende malen Bilder, führen Dramen auf, schreiben, tanzen, denken. Aber das ist längst nicht alles. Vielmehr weben sie – jenseits aller Unterhaltung – mit ihrer Arbeit ein Netz an Sinnzusammenhängen.
Kulturarbeitende dienen der Kultur einer Gesellschaft – selbstgewählt, freiwillig, in vollem Bewusstsein. Niemand zwingt einen Fünfzigjährigen, Romane zu schreiben, niemand eine Abiturientin, Cellistin zu werden. Wer sät, erntet ja nicht immer.

Keine Sicherheit, keine Perspektive

Erntende produzieren materielle Werte und Güter: Spargel, Salate, Erdbeeren. Die Ergebnisse sind mess- und zählbar. Das Geschäftsmodell: Geld für Arbeitszeit.
Kulturarbeitende hingegen produzieren immaterielle Werte und Güter: Schönheit, Reflexion, Kritik. Theaterstücke, Musikvideos, Bücher. Sie ernten Applaus, manchmal Anerkennung. Das Geschäftsmodell: Zeit ohne Geld. Sinn und Schönheit rechnen sich in marktwirtschaftlicher Kalkulation höchst selten.
Bis auf sehr wenige Stars des Kulturbetriebs leben die allermeisten Kulturarbeitenden prekär: keine Sicherheit, keine Perspektive. Keine oder kaum Aufträge, keine oder sinkende Honorare bei steigenden Kosten. Das Preis-Leistungsverhältnis: katastrophal. Das Zeit-Lohn-Verhältnis: noch katastrophaler.

Die Maschinerie der verwalteten Welt

Dabei trifft auf Kulturarbeitende nicht einmal das zu, was Theodor W. Adorno 1959 über die funktional zugerichteten Menschen im Allgemeinen dachte: "Sie müssen in jedem Augenblick bereit sein, an jeder Stelle zu funktionieren. Und wenn sie nur diese Bereitschaft ununterbrochen unter Beweis stellen, dann entgehen sie der universalen Drohung der Arbeitslosigkeit."
Produktive Sinnschöpfer nun arbeiten oft ununterbrochen und täglich und haben es dennoch schwer, in der Maschinerie der verwalteten Welt zu überleben. Der selektive Privatbesitz an Arbeitsstellen erzeugt eine Gesellschaftsform, in der Arbeitende um äußerst knappe Güter kämpfen müssen: um stabile Entlohnung, stabile Absicherung, stabile Perspektiven.

Im Hamsterrad der Selbstausbeutung

"Wir hetzen die Leute in einen gegenseitigen Überbietungswettbewerb", sagt dazu der Philosoph, Politikwissenschaftler und Kunsttheoretiker Michael Hirsch. "Jeder bietet seine Arbeitskraft an, erstens fallen dadurch die Löhne und steigen die Arbeitszeiten. Das ist genau die Situation im Kulturbereich, und in vielen anderen Arbeitsmärkten auch. Aber wahrscheinlich ist sie nirgendwo so krass wie im Kulturbereich."
Der Hauptgewinn der Kulturarbeit ist nicht die brillante Gesellschaftsanalyse, sondern die entfristete Stelle - und je verschärfter der Wettbewerb, desto größer die Prekarisierung. "Das ist die Struktur heute: Man wird dauernd vor die Wahl im Leben gestellt", erklärt Hirsch. "Entweder du darfst dich beruflich weiter entwickeln und kannst tolle Sache machen - aber dann musst du dich davon, davon und davon verabschieden."
Verabschieden etwa von der stets versprochenen Selbstbestimmung. Wählen kann man durchaus, aber die Wahl ist obszön: Entweder ins Hamsterrad der freiwilligen Selbstausbeutung ohne Existenzgarantie. Oder man lässt es bleiben.

Darben für die Kunst

Das Grundproblem der Kulturarbeitenden ist die systemimmanente Diskrepanz: der Überproduktion steht Unterkonsumption gegenüber. Weit mehr Menschen schreiben, tanzen, spielen, denken, musizieren und produzieren als Konsumenten deren Produkte kaufen.

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Warum? Weil Kulturarbeit Berufung ist, die sich kaum in den Beruf übersetzen lässt. Frei nach Max Weber: für die Kunst und Wissenschaft leben – mit Leidenschaft! Von Kunst und Wissenschaft leben – mit Entbehrungen. Früher wie heute.
"Die Konfiguration scheint mir letztendlich doch sehr ähnlich zu sein", sagt Hirsch: "Dass die meisten, die in diesem Feld unterwegs sind, zu sehr asketischen Lebensweisen gedrängt werden, was ja schon immer ein Teil der Künstlermythologie war: das Opfer für die Sache."

Am Ende gewinnen die Konzerne

In der Epoche digitaler Reproduzier- und Streambarkeit verlieren selbst erfolgreich Kulturarbeitende Erlöse, weil sich digitale Werke und Werte unbezahlt vervielfachen und unbegrenzt verbreiten lassen. Und im Pool der großen Plattformen streichen die Konzerne die Gewinne ein.
Wer also nicht unterfinanziert sein will, lebt vom Brotjob: Lehrerin wie Annie Ernaux, Obersekretär wie Franz Kafka, Unternehmer wie Ernst-Wilhelm Händler. Oder, zweite Möglichkeit: Man lebt von Ersparnissen, Erbschaften oder der Mitfinanzierung durch die Ehepartner.
"An dieser Grundkonfiguration hat sich im Grundsätzlichen nicht wahnsinnig viel verändert", sagt Michael Hirsch: entweder Askese und der Verzicht auf materielle Dinge, oder privilegiert sein. "Und dann gibt es diese ganz wenigen, die es schaffen."
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