Serie: "Die neuen Diener"

Die Last der Sorgenden

06:04 Minuten
Portrait einer Frau in weißer Kleidung und mit Maske steht an eine weiße Wand gelehnt.
Bis zur Erschöpfung: Pflege ist ein Fundament der Gesellschaft – und nach wie vor sehr schlecht bezahlt. © Getty Images / EyeEm / Augustas Cetkauskas
Von Christian Schüle · 27.08.2022
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Der globale Kapitalismus hat eine neue dienende Klasse hervorgebracht. Gibt es eine Kontinuität der Ausbeutung von der Magd zur Paketbotin, vom Knecht zum Erntehelfer? Eine vierteilige Serie nimmt die Geschichte prekärer Beschäftigungen in den Blick.
Erziehen, Betreuen, Pflegen – vielleicht ist es nicht allen Männern klar, aber: Ohne Sorgearbeit kann eine Arbeitsgesellschaft nicht gelingen. Eine Kultur des 'Arbeitens' also, deren Selbstverständnis in Funktionstüchtigkeit, Effizienz und Steigerung besteht.
Sowohl der frühe Kapitalismus vor zweihundert Jahren als auch der späte von heute basiert auf Arbeit, die entweder gar nicht oder nur schlecht entlohnt ist: Sorge- oder 'Care'-Arbeit. Die Sorgenden kümmern sich um andere, um die Umwelt, um das Gemeinwohl. Um Zukunft, Zivilisation und Reproduktion.

Weniger Zeit, weniger Geld und Unabhängigkeit

"Wir haben den berühmten Gender-Care-Gap, wo deutlich wird, dass Frauen mehr als doppelt so viel Sorgearbeit unbezahlt leisten wie Männer", sagt die Familiensoziologin Karin Jurczyk, "aber auch die ganzen Sorgeberufe wie Erzieherinnen und große Teile des Gesundheitsbereichs sind in weiblicher Hand, das ist nach wie vor Frauensache."
Für die sorgearbeitenden Frauen heißt das: weniger Zeit, weniger Geld, weniger Karrierechancen. Weniger Unabhängigkeit. Die Strukturen der mit Sorgearbeit kaum oder nur schlecht vereinbaren Erwerbsarbeit hingegen sind männerdominiert – und beinhalten insofern auch ein traditionell männlich codiertes System der Wertschätzung: Leistung, Aufstieg, Bonus. "Sorge" fällt nicht darunter.

Kulturwandel der Sorge

Die Rendite der Sorgearbeit besteht bekanntlich nicht in materieller, sondern in immaterieller Wertschöpfung: Zuwendung, Ansprache, Pflege. Im Jahr 2020 verdienten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Durchschnitt gut 3.500 Euro brutto im Monat, Fachkräfte in Pflegeheimen durchschnittlich knapp 3.400 Euro.
Die Menschen in Deutschland – und also auch die Männer – werden künftig immer länger leben, und je älter sie werden, desto länger werden immer mehr von ihnen sorgebedürftig sein. Wenn gute Care-Verhältnisse in Zukunft keine Privatsache mehr, sondern eine der Hauptaufgaben der digitalen Postindustriegesellschaft sein sollen, lässt sich das aller Voraussicht nach nur durch einen Kulturwandel schaffen: durch eine Umkehr der Werte.

Wir brauchen einen Vorrang von Menschen, von Leben, Natur und Umwelt vor Sachen, vor Profit, vor Wachstum. Da geht es an den Kern unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Karin Jurczyk, Familiensoziologin

Das heißt: eine gerechtere Verteilung von Arbeit, Zeit und Einkommen. Ohne eine radikale Reform des Arbeitsmarkts ist das kaum möglich, oder?
"Es gibt zum Beispiel keine vollen Stellen mehr, nur noch geteilte", erklärt der Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch. Er halte es für wünschenswert, "dass wir zu einer Systematik von Jobsharing kommen, nicht nur ab und zu oder wenn Leute kleine Kinder haben, sondern generell."
Was in letzter Konsequenz hieße: Eine sorgefreundlichere Struktur der Arbeitswelt ginge an die Wurzeln des Systems der kapitalistisch organisierten Marktwirtschaft hinab. Und würde vor allem eins bedeuten: Anreize zu Verhaltensänderung in einer neuen Währung zu setzen.

Geleitet von falschen Idealen

"Wir wollen Sorgearbeit im wahren Sinne des Wortes ins Recht setzen", sagt Karin Jurczyk. "Wir wollen ein Zeitbudget im Erwerbsverlauf verankern, aus dem jeder Mensch sich Zeit entnehmen kann, zu dem Zeitpunkt, zu dem er oder sie das braucht, über den gesamten Erwerbsverlauf hinweg."
"Atmende Lebensläufe" nennt das die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik, und das heißt konkret: Arbeit und Zeit wie auch Erwerb und Sorge künftig zu entkoppeln. Jede Bürgerin und jeder Bürger soll dann ein eigenes Sorge-Zeit-Budget haben – zur Betreuung von Kindern, Alten oder Kranken wie auch zur eigenen Weiterbildung.

Die Reform des Kapitalismus ist eine Daueraufgabe.

Jürgen Kocka, Sozialhistoriker

Stand heute ist die deutsche Gesellschaft weit von einer gut bezahlten Sorgekultur entfernt. Das hat historische Gründe. Ein wesentlicher unter ihnen ist das tradierte Wertesystem und die Verknüpfung zweier Ideale, die auf Stärke und Selbstverfügung setzen: das ökonomische Ideal von Wachstum und Profit sowie das kulturelle Ideal des autonomen Individuums, des ohne Unterlass aktiven, erwerbswilligen und erwerbsfähigen Menschen – selbststeuernd, selbstgewiss und scheinbar auf niemanden angewiesen.

Jenseits der Profitorientierung

Die nächste Gesellschaft müsste also aus der Idee der Sorge gedacht werden: Sorge als Leitwert, nicht als Abfallprodukt einer auf Profitorientierung ausgerichteten Warenökonomie. Ist das naiv oder nur mühsam?

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"Wir haben eine sehr widersprüchliche Entwicklung", beobachtet Jurczyk: "Tatsächlich ist es ja so, gerade nach der Corona-Pandemie, dass das Thema Sorgearbeit mehr an die Oberfläche gespült worden ist. Nur leider führt das viel zu wenig zu grundlegenden Strukturveränderungen."
Will sagen: Vätermonate, Elternzeit und Pflegezeit sind gut und willkommen, aber erst der Anfang einer beabsichtigten "Care-Revolution". Für die Frauen heißt das: Die Männer dringend ins Boot der Sorge holen. Für die Männer heißt es: Begreifen, dass das Ernährermodell wirklich Schnee von gestern ist.
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