Maria Reva: "Ein Königreich für eine Schnecke"

Von der Schönheit und dem Lachen im Krieg

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Buchcover Maria Reva: "Ein Königreich für eine Schnecke"
© dtv Verlag

Maria Reva

Übersetzt von Stephan Kleiner

Ein Königreich für eine Schneckedtv, München 2026

480 Seiten

26,00 Euro

Von Marie Schoeß |
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Roadtrip und Kriegszeugnis, absurder Humor und Familiendrama, Endzeitstimmung und große Momente der Hoffnung: Maria Reva verwebt in ihrem Debütroman eigentlich Unvereinbares zu einem mutigen Stück Literatur.
Schon die drei Frauen, mit denen dieser Debütroman beginnt, zeigen den Mut, den Witz und den Erfindungsreichtum seiner Autorin. Jewa, Sol und Nastja nehmen an einer Liebestour in der Ukraine teil. Junggesellen aus dem Westen reisen dorthin, um junge Frauen zu umwerben, ihnen Geschenke zu machen und sie in die eigene Heimat zu locken. Aber diese drei verfolgen eigene Ziele.

Drei bemerkenswerte Junggesellinnen

Sol und Nastja suchen auf der Liebestour nach ihrer Mutter, einer Aktivistin, die verschwand, nachdem sie gegen männliche Machtgebärden im Allgemeinen und Liebestouren im Speziellen auf die Straße ging. Und Jewa? Hat sich in den Kopf gesetzt, vom Aussterben bedrohte Schnecken zu retten. Sie merkte irgendwann, dass sich diese Arbeit müheloser finanzieren lässt, wenn sie die Geschenke von schwärmenden Junggesellen zu Geld macht, statt Forschungsanträge zu schreiben.

Die größte Herausforderung für Jewa während der Verabredungen mit den Junggesellen: ihr Handy. Die ständigen Piepgeräusche, die Alarmsignale trugen ihr argwöhnische Seitenblicke ein, aber Jewa sagte sich, dass die Unterbrechungen sie in den Augen der Männer begehrenswert erscheinen ließen. Als hätte sie ein erfülltes Sozialleben, zahllose Freunde, die an ihr zerrten, Verehrer, die ihr ihre Aufwartung machten. Nie hätten sich die Junggesellen träumen lassen, wofür sie wirklich stehen gelassen wurden: die unstillbaren Bedürfnisse von 276 Schnecken.

Einbruch der Realität in die Fiktion

Diese drei Frauen treffen also aufeinander und werden zu einer Schicksalsgemeinschaft, als sie 13 der Junggesellen entführen. Die Gründe dafür sind zweitrangig. Wichtig ist, dass die Entführung 2022 stattfindet – in dem Moment, in dem Russland sein Nachbarland überfällt. Maria Reva stellt sich diesem Einbruch der Gewalt literarisch auf mehreren Ebenen.
Sofort zieht sie eine Metaebene ein und stellt das eigene Romanprojekt auf den Prüfstand. Eine Autorinnenfigur, Alter Ego von Maria Reva, befragt das schon bestehende Textgewebe und rechtfertigt die Art, wie es fortgesponnen wird.
"Die Prämisse ist hinfällig", antwortet die Autorin etwa auf die Frage des unzufriedenen Agenten, warum sie vom Plan abweiche und aus den Liebestouren keine konsistente, organische Story entwickle:

Ich habe über eine sogenannte Invasion westlicher Junggesellen in die Ukraine geschrieben, und dann gab es eine echte Invasion. Selbst in Friedenszeiten war mir mulmig dabei, nicht eine, sondern gleich zwei ukrainische Klischeebilder zu bemühen, "Katalogbräute" und oberkörperfreie Demonstrantinnen. Jetzt damit weiterzumachen, fände ich unverzeihlich.

Der Roman gewährt aber nicht nur Einblick in die eigene Entstehungsgeschichte. Er arbeitet auch aktiv gegen die Illusion, dass ein Roman Wirklichkeit abbildet. Eine Szene zum Beispiel wird in verschiedenen Varianten angeboten – wie die Nacherzählung einer Kriegshandlung, die mehrfach gespielt und dabei immer wieder korrigiert wird. Erster Versuch, Cut. Zweiter Versuch, Cut. Und so weiter.

Überraschend berührende Figuren

Gleichzeitig diversifiziert Maria Reva die Figuren, in deren Inneres sie schaut. Und am längsten hallen die nach, die zunächst nach einfach geschnitzten Typen aussahen: Pascha ist ein Beispiel. Er ist einer der entführten Junggesellen und ein Mann, der schnell jämmerlich wirken könnte. In der Ukraine geboren, in Kanada aufgewachsen, hat er sich ein Heimatland zurechtfantasiert, das mit der Ukraine der Gegenwart nichts zu tun hat.
Maria Reva entlarvt die falsche Nostalgie, lässt den Charakter aber so komplex wie integer und nachvollziehbar werden, als er sich im Kriegsgeschehen wiederfindet. Einmal etwa – gerade hat Pascha verstanden, dass der Krieg Realität ist – packt ihn die Sehnsucht nach seinen Eltern, denen er gerade noch vorgeworfen hatte, ihn als Kind aus dem Land gerissen zu haben:

Nach der anfänglichen Schelte würden sie ihm sagen, wie er sich retten könne, genau wie damals in seiner Kindheit, als er auf den Ahornbaum mit den ausladenden Ästen in ihrem Garten geklettert war und nicht mehr herunterkam. Schließlich hatte seine Mutter ihn dazu gebracht, herunterzusteigen, indem sie von unten jede Bewegung vorgab. Linker Fuß auf diese Erhebung, rechte Hand in diese Furche, immer weiter herunter, bis sich die großen Hände seines Vaters fest um seine Taille schlossen.

Vom Beharren der Hoffnung und des Humors

Maria Reva findet auch Worte, Bilder für den Schrecken. Kurz nachdem die Entführerinnen zusammen mit den 13 Männern auf russische Soldaten treffen, fällt der erste tödliche Schuss. Aber auf diese Szene sinnloser Gewalt folgt ein Moment der Hoffnung. Wenn auch denkbar schrägen Inhalts. Denn Jewa weckt Lefty, so heißt die eine bedrohte Schnecke, die sie die ganze Zeit mit sich führt – ausgerechnet in diesem Moment aus ihrem Winterschlaf. Denn genau jetzt als der Kriegsbeginn gerade die Entführung torpediert hat, findet sie ein zweites Exemplar derselben bedrohten Art:

Dann spürte Jewa, wie etwas gegen ihre Handfläche klopfte. Einmal, zweimal. Ein Puls, der auf ihren eigenen traf. Lefty. Wach. Lebendig. Er stieß mit dem Kopf gegen das Siegel aus getrocknetem Schleim, um es zu durchbrechen. Sie zog die Hand unter ihrem Shirt hervor und beobachtete, wie sich ein Spalt in Leftys Versiegelung auftat und mit buttrig gelbem Fleisch füllte. Monatelang hatte er weder Wasser noch Nahrung zu sich genommen und doch: Hier war er. Schnecken waren wirklich ein Wunder – wie hatte sie das nur vergessen können?

Maria Reva stellt die Schönheit und Vitalität solcher Momente und den Schrecken des Krieges nebeneinander, ohne etwas daraus abzuleiten. Die Hoffnung wiegt die Gewalt nicht auf. Die Gewalt widerspricht der Hoffnung nicht. Eher vermittelt das Nebeneinander ein Gefühl dafür, dass genau darin das Überfordernde, letztlich Unbegreifliche eines Krieges liegen könnte. Dass Schönheit nicht einfach verschwindet, sondern sich weiter ins Sichtfeld schiebt, völlig egal, ob im selben Bild Leichen liegen. Im Inszenieren und im Aushalten dieses Nebeneinanders von Schönheit und Schrecken, aber auch von absurdem Humor und Ernst liegt die Kraft dieses außergewöhnlichen Debüts.
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