An Büchern über das, was viele als autoritäre Wende, Rechtsruck oder gar neuen Faschismus bezeichnen, mangelt es zurzeit kaum. Was jedoch fehlt, sind Texte, die nicht in der disparaten Gegenwart stochern, sondern sie auf den Begriff bringen.
Akademische Akribie und essayistische Freiheit
Eva von Redecker gelingt das ausgezeichnet. Mit der ihr eigenen Mischung aus akademischer Akribie und essayistischer Freiheit seziert sie das Verhältnis von Faschismus, Kapitalismus und Umweltkatastrophe. Sie schafft dabei etwas Seltenes: eine tatsächlich neue Definition des Faschismus, die nicht aus der Luft gegriffen scheint.
Der Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik. Seine Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe. […] Faschismus ist liquidierende Phantombesitzverteidigung.
Von Redecker greift damit ihren Gedanken des „Phantombesitzes“ wieder auf, den sie 2020 in „Revolution für das Leben“ zum ersten Mal ausgeführt hat. Den Phantombesitz zeichnet aus, dass er einen Anspruch über Menschen behauptet, der nicht – oder nicht mehr – real ist.
Längst überkommene Herrschaftsverhältnisse
Von Redecker versteht den faschistischen Gestus somit als Versuch, längst überkommene Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen. Er unterscheidet sich von anderen autoritären Gesten jedoch darin, dass sein Modus „liquidierend“, also zerstörend ist. Der Faschismus macht eine Gruppe dafür verantwortlich, dass sie der Wiederherstellung seiner Herrschaft im Weg steht:
[Der Faschismus] hat ein Objekt – den Phantombesitz, der geschützt werden soll –, und ein Abjekt – das Phantasma, das ausgelöscht werden muss. […] Der Faschismus agiert im Modus der Selbstverteidigung, und weil er kein echtes Eigentum, sondern Phantombesitz verteidigt, kann er sich so leicht einreden, dass die Plünderung in vollem Gange sei.
Es ist produktiv, wie von Redecker dieses Verständnis faschistischer Mobilisierung auf gegenwärtige Phänomene und Diskurse anwendet. Sie erläutert differenziert, warum Faschismus und Kolonialismus nicht dasselbe sind, aber doch gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen. Sie wendet ihre Theorie auf die Techbros in den USA und die alltägliche Entfremdung im bürokratischen Dschungel der digitalen Welt an. Und sie zeigt auch, warum der Begriff des Populismus zwar manchmal richtig sein, aber nicht dasselbe bezeichnen kann wie der des Faschismus:
Populismus ist durch Massentauglichkeit gekennzeichnet, durch die Anrufung einer geeinten Basis, die gegen Eliten in Stellung gebracht wird. Wo diese Eliten real und die Ansprüche sozial sind, hätte man es mit Linkspopulismus zu tun. Der Rechtspopulismus indessen sammelt sich um Phantombesitz und verteidigt diesen gegen tatsächliche Machthaber. Faschistisch wird diese Verteidigung erst, wenn eine Gruppe dämonisiert wird, deren Macht weitgehend imaginär ist: entweder eine eingebildete Elite oder vermeintliche ‘eigentliche’ Machthaber neben, hinter, über ihr. Faschistische Mobilisierung macht dann Stimmung zur Eliminierung dieser Gruppe.
Veränderter Blick auf den Liberalismus
Es macht Spaß, von Redecker in ihren Gedankengängen zu folgen. Nicht allem muss man dabei zustimmen, um dennoch mit Gewinn aus der Lektüre zu gehen. Besonders ein Gedanke sticht heraus: Dass sie die besondere Härte, die sich im Faschismus ausdrückt, als eine des entfesselten Eigentums denkt, verändert den Blick auf den Liberalismus grundlegend:
Der liberale Gesellschaftsvertrag geht von der Eigentumsform aus, auf ihr basieren Grundrechte, sie bildet den Anker für koloniale Annexion ebenso wie für kapitalistischen Warenverkehr. In der Form absoluter Sachherrschaft, also jener Sphäre, in der der Wille seine Willkür walten lassen kann, steht das Eigentum auch Modell für die individuelle Freiheit. […] Das moderne Selbst als Besitzindividuum ist damit auf ganz eigene Art instabil. Denn Selbsteigentum, wie es uns als gleichfreien liberalen Subjekten angetragen wird, ist eigentlich eine unmögliche Figur.
Eva von Redecker ist eine linke Denkerin, die – so viel ist auch aus ihren bisherigen Büchern bekannt – wenig anfangen kann mit der herrschenden Wirtschaftsordnung. Doch gerade, wenn es um den Kampf gegen rechts geht, lässt sich oft beobachten, dass auch der linkeste Denker plötzlich zum glücklichen Verteidiger der bestehenden Ordnung wird.
Der Ursprung faschistischer Phantasmen
Bei Eva von Redecker ist das zum Glück nicht der Fall. Wo andere den Liberalismus als glückselige Insel begreifen, die es gegen einen übergriffigen Autoritarismus zu verteidigen gilt, kritisiert sie ihn als die Ordnung, die die faschistischen Phantasmen erst hervorbringt:
Die liberale demokratische Ordnung ist nicht nur das Andere des Faschismus, sondern auch sein Ausgangspunkt.
Von Redecker weigert sich, allzu konkrete politische Schlüsse aus ihrer Theorie zu ziehen – man ahnt in den Passagen, in denen es um konkrete politische Ereignisse geht, dass das eine gute Entscheidung ist; ihre Stärke liegt im Grundsätzlichen. Aber man muss es deutlich sagen: Wer dieses Buch ernst nimmt, der muss wohl noch einmal grundsätzlich über die aktuell verbreitete antifaschistische Praxis nachdenken. Denn wer sich im Kampf gegen den Faschismus mit dem Liberalismus versöhnt, für den wird jeder errungene Sieg eines nicht sein: nachhaltig.