Stefánsson: "Himmelskörper am Rande der Welt"

Nur das Meer stellt keine Fragen

 "Himmelskörper am Rande der Welt" von Jón Kalman Stefánsson (Buchcover)
© Piper Verlag

Jón Kalman Stefánsson

Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig

Himmelskörper am Rande der WeltPiper Verlag, München 2026

400 Seiten

25,00 Euro

Von Wolfgang Schneider |
Der neue Roman von Jón Kalman Stefánsson "Himmelskörper am Rande der Welt" ist ein großes Epos über Fremdenfeindlichkeit, Wahrheit und Schuld – ein dunkler Spiegel für unsere Gegenwart und zugleich ein Werk des fabulierenden Sprachwitzes.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts strandet in einem Sturm ein Schiff mit vierzig baskischen Walfängern vor den westlichen Fjorden Islands. Erst geht noch alles gut, es gibt Handel und Austausch, aber als die Spanier nach drei Jahren noch nicht zurückkehren und zum Unwillen der Obrigkeit Fischfang betreiben, ist es vorbei mit der Gastfreundschaft.
„Sie wurden zum Strand geschleift, wo man ihnen den Bauch aufschlitzte, die Zeugungsorgane abschnitt und auf sie einschlug, bis ihre Schädel barsten. Zuletzt warf man sie nackt ins Meer, das stets entgegennimmt und keine Fragen stellt.“
Von diesen berüchtigten „Spaniermorden“, einem der dunkelsten Kapitel der isländischen Geschichte, handelt der neue Roman von Jón Kalman Stefánsson. Die Erzählerfigur ist ein Geistlicher, Pfarrer Pétur, der im Herbst 1615 in seinem Pfarrhaus der Gemeinde Brúnisandur sitzt und einen ausufernden Text zu schreiben beginnt – eine akribische Rekonstruktion der Ereignisse und ihrer Vorgeschichte, aber auch eine moralische Erörterung und, nicht zuletzt, eine große Beichte in eigener Sache.
Dass Stefánsson einen Geistlichen zum Erzähler macht, hat gute Gründe. Pétur ist ja nicht nur professionell zuständig für Schuld und Sühne. Er ist auch ein Intellektueller, der andere Länder kennengelernt hat und mit Neugier die Entdeckungen und Entwicklungen draußen in der Welt verfolgt, von den Rechenkünsten Keplers über die Lehren des Kopernikus bis zum Fernrohr Galileis. Wer, wenn nicht er, wäre fähig, das Geschehen ohne die Selbstgerechtigkeit seiner Mitbürger darzustellen?

Fake News 1615

Als Mann des Wortes hadert er aber auch mit seinem eigenen Medium. Zwar rühmt er die Macht der Sprache: „Schwerter und Äxte rosten, die Hand des Henkers welkt, Richter und Könige sterben, doch gute Dichtung besteht.“
Aber auf der anderen Seite stehen am Anfang des Massakers Sprechakte. Gewöhnliche Männer, die bisher nicht zur Gewalt neigten, werden durch Hetzreden zu Mordmaschinen. Die Sprache ist das Werkzeug, mit dem die Wahrheit bearbeitet und hinterher die Erinnerung gefälscht wird.
„Die Spanier hätten viele Frauen geschändet, nicht wenige mit dem Tode bedroht, weiterhin etliche übel verprügelt, Vieh gestohlen und Boote… Neuerdings durchstreifen sie bewohnte Gegenden und würden (…) abgelegene Höfe überfallen, Frauen rauben und sie als ihre Huren halten. (…) Ließen wir sie gewähren, dann spräche sich unsere Feigheit bis in fremde Länder herum.“
Das zentrale Motiv der Sprache erreicht den Gipfel der Ambivalenz durch Péturs eigenes Einschreiten. Gerade noch rechtzeitig erreicht er den Schauplatz des zweiten Massakers, um den Männern Einhalt zu gebieten. Glaubt er zumindest in seiner Eitelkeit.

Péturs Verstrickung in Schuld

Vom Anführer der Mord-Meute, dem Statthalter Ari Magnusson, wird er als Vermittler eingesetzt. So bringt er die Spanier, die sich in einem Haus verschanzt haben, gegen die Zusicherung der Verschonung dazu, ihre Waffen abzugeben. Aber es ist eine Intrige: Mit seiner Eloquenz hat Pétur die bedrohten Männer gänzlich wehrlos gemacht.

„Ich wusste, jetzt würden sie alle sterben. Ich hatte sie in den sicheren Tod geführt. Ich sah sie fallen. Und stürzte von dannen.“

Es ist diese Mitschuld und Verstrickung, die Pétur keine Ruhe lässt und sein Erzählen und Räsonieren antreibt.
Der Erzähler hat aber noch andere Sünden zu beichten. Weiblichen Reizen kann er sich kaum entziehen. Er habe ein Herz wie ein trockener Reisighaufen; ein Blick, ein Lächeln genüge, um es lichterloh in Brand zu setzen. Eine besondere Schwäche hat er für die Frauen seiner Nachbarn. Eine weitere heikle Passion, die er mit dem Autor Stefansson teilt, ist seine Liebe zur Abschweifung. Er ergeht sich in vielen Vor- und Nebengeschichten, worüber die Haupthandlung nur schleppend in Gang kommt.

Mit dem Eisbär gerungen

Man muss Geduld haben mit diesem Roman und seinem Erzähler, der erst einmal breit ausmalt, wie sein Großvater Bothildúr, die Tochter des mächtigen Narfi Jonsson, ehelichte. Der gehörte zum „verborgene Volk“ der Trolle, und die Legende will wissenv…
„…dass mein Urgroßvater Narfi mit bloßen Händen einen Eisbären niedergerungen habe, wovon ihm aber eine breite Narbe auf der Wange zurückgeblieben sei, die ihm das Raubtier in seinen Todeszuckungen mit den Krallen so tief in die Haut geritzt habe, dass sich etwas von seiner Natur in Narfis Blut mischte und sein Wesen und seine Kraft nicht nur auf ihn, sondern auf alle Nachkommen übergegangen seien.“
Mit dieser Herkunftsgeschichte erklärt Pétur jedenfalls seine übermächtigen fleischlichen Begierden.
Etwa achtzig Charaktere gibt es in diesem Roman, die am Ende des Buches in einem sehr nützlichen Figurenverzeichnis aufgeführt werden. Eine wichtige Gestalt ist Péturs Haushälterin und Vertraute Dóróthea, eine massige, starke Frau, der er jede Zeile, die er zu Papier bringt, vorliest. Dóróthea treibt ihn an, weiter zu schreiben und es mit der Wahrheit haargenau zu nehmen.

Spiegel für die Gegenwart

Stefánsson hat seinem Ich-Erzähler ein historisierendes Sprachgewand verpasst, das der Übersetzer Karl-Ludwig Wetzig mit Geschick ins Deutsche umgeschneidert hat. So vermittelt Pétur mit bildkräftigen Worten gleichermaßen beschauliche und grässliche, skurrile und groteske Szenen. Und bringt sich selbst immer mehr in Bedrängnis.
Als die Menschen von Brúnisandur nach den Bluttaten plötzlich übermäßige Furcht vor Eisbären entwickeln, klärt er sie psychologisch scharfsinnig darüber auf, dass die vermeintlichen Eisbären in Wahrheit die Monstren ihrer eigenen Schuld und ihres schlechten Gewissens seien. Als er dann auch noch in einer Predigt die Namen der Ermordeten aufzählt, kippt die Stimmung: man will diesen Pfarrer mit seinen „Verdrehungen“ loswerden, selbst alte Freunde wenden sich ab.
Vor Gott gebe es keine Ausländer, predigt Pétur. Und wenn doch, wären die Isländer, die am nördlichen Rand der Welt leben, nicht „die größten Ausländer von allen“? Zweifellos zielt Jón Kalman Stefánsson mit seinem komplexen Roman und mit solchen Fragestellungen auch auf unsere Zeit, ohne dass die Bezüge plakativ wirken würden. Denn die Geschichte der isländischen Spaniermorde steht für sich – und kann gerade deshalb zum dunklen Spiegel für die Gegenwart werden.
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