Was bedeutet es, als Kind in eine geschlossene Gruppe eingeführt zu werden, die sexualisierte Gewalt und Folter ausübt und das weltanschaulich begründet? Was bedeutet es, wenn die eigenen Eltern oder Verwandte zu den Täterkreisen gehören? Was bedeutet es, in diesen Strukturen aufzuwachsen, und welche Rolle spielt die Gewalt für die Einzelnen und den Zusammenhalt der Gruppe?
Diesen Fragen geht die Soziologin Tabea Koepp anhand von Interviews mit Überlebenden und Fachkräften nach, und sie analysiert die Ergebnisse konsequent aus der Perspektive der Betroffenen.
Geheime Gruppen mit Elite-Bewusstsein
Diese Gewaltformen sind als rituelle Gewalt bekannt, und so heißt auch der Untertitel des Buches: "Eine Soziologie organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt". Koepp spricht im Weiteren aber treffender von "weltanschaulich eingebetteter organisierter sexualisierter Gewalt". Sie bezieht sich dabei auf Berichte von neogermanischen, völkischen und faschistischen Ideologien, von christlichen Religionen und Satanismus ebenso wie von esoterischen und spirituellen Weltsichten.
Dabei ist es für die Analyse unerheblich, ob die Gruppenmitglieder an das propagierte Weltbild glauben oder es nur nutzen, um Ausbeutung zu legitimieren. Gemeinsam ist ihnen, so Koepp, ein zutiefst antidemokratisches Weltbild und ein Selbstverständnis als "Elite". Im Hinblick auf ihr klandestines Agieren, so die Autorin, ...
"... unterscheiden sich die hier beforschten Gruppen als Lebenswelt somit nicht grundlegend von Terrorgruppen, kriminellen Gangs oder öffentlichen Sekten. Gleichwohl ist die Besonderheit, dass die Gruppenkinder in die Gruppen hineinsozialisiert werden, indem ihre Familien sie in die Gruppe einbringen."
Auszug aus "Gewalt erleiden"
Gewalt als "höheres Ziel"
Gegenüber den Kindern rechtfertige die Gruppe die Gewalt als "höheres Ziel". Sie gehöre zum Alltag als etwas, das nicht hinterfragt werde. Die Berichte der Interviewten zeigten zum einen, ...
"... wie durch die Sozialisation in der Gruppe eine Normalisierung des Geschehens stattfindet, zum anderen, wie diese Normalisierung zur Geheimhaltung beiträgt, indem die Kinder für selbstverständlich halten, was ihnen zustößt, weil sie es nicht anders kennen, und sich deshalb nicht mitteilen."
Auszug aus "Gewalt erleiden"
Als weiteres Charakteristikum dieser Gruppen kommt hinzu, dass Kinder gezwungen werden, anderen Kindern Gewalt anzutun. Eine Perspektive auf "Täter und Opfer als gegensätzliche Rollen", so Koepp, führe darum nicht weiter.
"Mittäterschaft und Schuldverstrickung (brechen) mit den Kontinuitätslinien von Opferschaft (...), indem es die Gruppenkinder in die Täterschaft zwingt, wodurch eine Illusion von Verantwortung und Mitschuld für die Gewalt hergestellt wird. Auf diese Weise wird nicht nur unwahrscheinlicher, dass die Kinder sich Außenstehenden gegenüber mitteilen oder die Gruppe verlassen, sondern es den Kindern auch massiv erschwert, sich als Gewaltopfer zu erleben, weil sie ja unter Umständen selbst Teil der ausführenden Gewalthandlungen sind."
Auszug aus "Gewalt erleiden"
Perspektivwechsel auf Betroffene als Subjekte
Tabea Koepp hinterfragt immer wieder übliche Vorstellungen von Gewalt. Zu den großen Stärken ihrer Analyse gehört, dass sie Perspektivwechsel ermöglicht und Betroffene als Subjekte wahrnimmt.
"Nur so konnte ich lernen, dass Gewalthandlungen nicht nur zerstörerisch, sondern auch sinnstiftend erlebt werden können. (...) Dass Gewalt zu erleiden nicht nur ohnmächtig macht, sondern auch sehr ermächtigend sein kann. Und dass Gewalterleidende nie alleinig passive Zielscheibe der Tathandlung sind, sondern immer auch aktiv in Prozesse der Deutung investiert sind, die an der Konstruktion von Gewalt als sozialer Erfahrung zwischen Menschen mitwirken."
Auszug aus "Gewalt erleiden"
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Autorin verharmlost die massive Gewalt keineswegs - sie stellt klar, dass die von ihr Interviewten sie nicht selbst gewählt haben. Sie versteht die "Sinnstiftung der Gewalterfahrung" im Zwangskontext der Gruppe vielmehr als "extreme Anpassungsleistung" und "existenzsichernde Überlebensstrategie".
Tabea Koepps Studie ist differenziert und detailreich, die zitierten Schilderungen der interviewten Personen untermauern ihre Analyse, machen sie nachvollziehbar und lesbar. Sie geht damit nicht nur im Umfang, sondern auch qualitativ weit über alles hinaus, was bisher an - leider überschaubarer - wissenschaftlicher Forschung zu organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt vorliegt.
Ein höchst kontrovers diskutiertes Thema
Koepp forscht gleichzeitig in einem Feld, das höchst kontrovers diskutiert wird. Auf der einen Seite gibt es die Berichte von Betroffenen, Mitarbeitenden von Fachberatungsstellen und Institutionen wie der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
Auf der anderen Seite stehen unter anderem Medienberichte, die rituelle Gewalt ausnahmslos als Verschwörungsmythos darstellen. Für die Autorin ist klar: Bei qualitativer soziologischer Forschung ist es weder üblich noch ethisch vertretbar, die Berichte der Interviewten pauschal in Zweifel zu ziehen.
Und zu dem wiederholt vorgebrachten Argument, es sei bisher keine solch gewalttätige Gruppe enttarnt und ihre Mitglieder strafrechtlich verfolgt worden, konstatiert Tabea Koepp:
"Letztlich hängt die Frage, wie die beforschten Gruppen sich geheim halten, auch damit zusammen, wie die sie umgebende Gesellschaft auf ein Leaking reagiert."
Auszug aus "Gewalt erleiden"
Und die "umgebende Gesellschaft", die Medien und Öffentlichkeit, etikettieren massive Gewalt oft als "unvorstellbar". Diese "Unvorstellbarkeit" aber - so zitiert Koepp die Gewalt-Überlebenden Hannah C. Rosenblatt - ist ein "Privileg" derer, die solche Gewalt nicht erleiden mussten. Und diese Gewalt als "unvorstellbar" zu markieren, hat Folgen - hier schließt sich der Kreis:
"Die Unvorstellbarkeit von Gewalt trägt massiv zu ihrer Geheimhaltung bei, und es ist gerade die Brutalität von weltanschaulich eingebetteter organisierter sexualisierter Gewalt, die es wahrscheinlicher macht, dass Überlebenden nicht geglaubt wird."
Auszug aus "Gewalt erleiden"