Szczepan Twardoch: "Sehnsucht"

Ein Autor entlässt seine Figuren

Das Cover des Romans „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch zeigt ein kleines Segelboot auf dem Wasser. Im Hintergrund: Strand und Dünen.
© Rowohlt Verlag

Szczepan Twardoch

SehnsuchtRowohlt Berlin, Berlin 2026

224 Seiten

24,00 Euro

Von Katharina Teutsch |
Romanfiguren haben normalerweise zu gehorchen – zumindest ihren Erfindern. In „Sehnsucht“, dem neuen Werk von Szczepan Twardoch, ist das anders. Hier ziehen sie ihren Autor zur Rechenschaft und zeigen uns die Abgründe der Gegenwart.
Seit seinen literarischen Anfängen watet Szczepan Twardoch mit Soldaten und Zivilisten durch den Morast unserer Kriegslandschaften, macht sie zu Romanfiguren, wandelt mit ihnen auf den künstlichen Grenzen von Nationalstaaten und zeigt, wie sie vom Strom der Geschichte mitgerissen werden. Manche können sich an einem herausragenden Ast festhalten, andere gehen unter.

Was definiert das Menschsein?

Twardoch fragt: Woher kommt die Gewalt? Was definiert das Menschsein? Wenn es das Böse gibt, wie ist es beschaffen, und kann es dann auch das Gute geben? Und was hat das alles mit mir zu tun, dem Nachkommen, dem Schriftsteller?
Im neuen Roman „Sehnsucht“ zieht der 1979 geborene Autor jetzt Bilanz. Seine Romanfigur heißt Erwin Piontek und kommt, wie der Autor, aus Schlesien. Aber so sicher ist das nicht. Denn, so wird schon im ersten Satz von einem nicht ganz sattelfesten Erzähler angedeutet:

„Sagen wir, Erwin Piontek habe die Augen geöffnet. Im Schlafzimmer war es dunkel, nur das Rechteck des Fensters graute in der ersten Morgendämmerung. Sagen wir, Erwin habe auf dem Rücken gelegen, zugedeckt mit dem Federbett, auf dem er die Arme so hielt, als stünde er liegend in Habachtstellung. Er schlief regungslos, erwachte immer in der Position, in der er eingeschlafen war, die Decke lag am Morgen so wie am Abend, als er sie mit beiden Händen glattgestrichen hatte.“

Auszug aus „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch

Drei Leben, ein Name

Man begreift erst mit fortgeschrittener Lektüre, dass dieser Satz Programm ist. Beziehungsweise Gegenprogramm. Und zwar zu dem, was der Romanfigur Erwin Piontek aus Schlesien widerfährt.
Denn Erwin Piontek wacht keineswegs immer in der Position auf, in der er eingeschlafen ist. Erwin Piontek ist in den drei Teilen, aus denen der Roman besteht, immer ein anderer. Einmal ist er ein einfacher Bergarbeiter, wohnhaft in Pilchowitz, der eines Tages unter seiner gut geglätteten Bettdecke hervorkommt, Ölkleidung einpackt und auf Segeltour verschwindet. Ein kühnes Unternehmen für einen beleibten älteren Kettenraucher. Und auch so:

„Erwin nämlich wollte die Erde umsegeln, ohne einen einzigen Hafen anzulaufen.“

Auszug aus „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch

Seine Kumpel lachen ihn aus. Seiner Frau Marika fällt dazu gar nichts ein. Denn Erwin hat sich eine kleine Jacht für Binnengewässer gekauft.

„Es war Nacht. Das Handy klingelte. Erwin griff erst nach seiner Lesebrille, dann nach dem Handy. Auf dem Display – Marika. Er hob nicht ab. Er konnte nicht. Er drückte sie nicht weg, das hätte er sich nicht getraut, er wartete, bis das Telefon aufhörte zu klingeln. Dann rückte er seine Brille auf der Nase zurecht und tippte eine SMS an Marika, in der er sie bat, sich keine Sorgen zu machen, aber er, Erwin, habe einfach etwas Wichtigeres zu tun und keine Zeit zu verlieren, und er wisse nicht, wann er zurückkomme. Aber zurückkommen werde er.“

Auszug aus „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch

Und das gilt gleich im mehrfachen Sinn. Denn Erwin, der fortan auf einem polnischen Stausee im Kreis herumfährt, bei Wind und bei Wetter, sommers wie winters, hat einen Namensvetter im Roman.

Von Schlesien nach Deutsch-Südwestafrika

Der zweite Erwin lebt im kolonialen Deutsch-Südwestafrika. Dorthin ist er als Schiffsjunge gelangt. Dann ist er geblieben und kämpft mit den deutschen Truppen gegen die aufständischen Einheimischen, gerät in einen Hinterhalt und wird vom Führer der Nama, von Kaptein Hendrik Witbooi, persönlich gefangen genommen – dann begnadigt.

„Der 1868 geborene Erwin Piontek ist Hermann Göring niemals begegnet, viele Male aber seinem Vater Heinrich, zu viele Male, um sagen zu können, wie oft das war, denn das waren damals Zeiten, in denen alle Deutschen in Deutsch-Südwestafrika sich persönlich kannten.“

Auszug aus „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch

Wie immer bei Twardoch hängt alles irgendwie mit allem zusammen. Und einer erzählt es. Der Erzähler des Romans, der manchmal Szczepan ist, aber auch ein bisschen Erwin. Oder ein Verwandter Erwins. Im dritten Teil des Romans ist ein gewisser Szczepan der Gesprächspartner des dritten Erwin. Also ein Erzähler zweiter Ordnung, mit dem die Romanfigur Erwin Nummer drei ein Hühnchen zu rupfen hat.

„Ich bin Erwin Piontek, habe in Pilchowice gewohnt, nicht weit von dir. Du heißt Szczepan Twardoch, du Schweinehund, und bist mein Vater, Vater der ganzen Welt, und du wirst zum Futter der dunklen Geschöpfe werden, wenn die Zeit des großen Fressens kommt.“

Auszug aus „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch

In Deutschland regiert ein Kanzler Chrupalla

Der dritte Erwin ist der interessanteste von allen. Er ist unser Zeitgenosse und lebt ein bescheidenes Mittelschichtsleben als Opel-Verkäufer. Doch eines Tages wird er vom polnischen Geheimdienst entführt.
Seine neue Mission: Er soll als Doppelgänger des amtierenden rechtspopulistischen Präsidenten auf Veranstaltungen posieren. Sozusagen als Dummy für mögliche Attentäter. In Deutschland regiert inzwischen ein Kanzler Chrupalla, das deutsch-polnische Verhältnis ist zerrüttet über die Sorbenfrage, und in Polen rollen russische Panzer. Dieser Erwin nun, der unschuldig wie Parzival in seiner Autokratenrolle gelandet ist, emanzipiert sich nach anfänglichen Anpassungsproblemen von seinem Auftrag.
„Ich habe nicht auf diese Welt gewollt!“, sagt die Romanfigur Erwin zu ihrem Autor.

„Das stimmt, aber jetzt bist du nun mal hier. Und jetzt will ich dich endlich loslassen. Ich gebe dir die Freiheit. Du bist nicht mehr meine Figur, du gehörst dir selbst, du bist einfach da und erzählst deine eigene Geschichte.“

Auszug aus „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch

Und diese Geschichte, das ist die eigentliche Sensation bei Szczepan Twardoch, geht endlich mal gut aus. Nicht unbedingt für den Autor, denn der muss dran glauben. Er wird vom Erzähler abgemurkst. Aber Erwin darf sich zum Helden weiterentwickeln. Und wir erleichtert aufatmen.
Nicht nur Romanfiguren, scheint dieser Roman uns zu sagen, können über sich hinauswachsen. Auch wir, die wir das lesen, können es, wenn wir nur die Herrschaft über unser Skript wiedererlangen, an dem momentan weltweit alle möglichen Populisten, Autokraten und Zyniker mitschreiben.
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