Andrea Stoll: „Zwei Menschen sind in mir“
© Piper Verlag
Porträt einer machtbewussten wie verletzlichen Frau
06:53 Minuten

Andrea Stoll
„Zwei Menschen sind in mir“ Ingeborg Bachmann. Die BiografiePiper Verlag, München 202648 Seiten
26,00 Euro
Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann zeigt eine neue Biografie, wie ambivalent ihr Leben war. Die Schriftstellerin wechselte ungebunden zwischen Ländern und Lebenspartnern - doch die große Freiheit hatte auch ihren Preis.
"Von heute aus betrachtet, ist es der Mut, im Schreiben wie im Leben bis zum Äußersten zu gehen, der Ingeborg Bachmann so einmalig macht": Das schreibt Andrea Stoll in ihrer aktuellen Biografie über die österreichische Dichterin, deren Werk immer wieder von persönlichen Tragödien, Mythen und Zuschreibungen überlagert wurde.
Bereits 2013 hat Andrea Stoll eine Bachmann-Biografie vorgelegt, in ihrem aktuellen Lebensbild führt sie noch einmal alles zusammen: Leben und Schreiben – und das aus einer Wucht an Briefen, Nachlass-Seiten und Werkspuren. Es reicht von den biografischen Anfängen, Bachmanns Konflikten mit ihren Ziehvätern, von Stoll klar benannt als "missbräuchliche Überväter" der österreichischen Literaturszene der 1950er-Jahre, über die herausfordernden Liebesbeziehungen mit Paul Celan und Max Frisch, bis zum Drama ihres letzten Lebensjahrzehnts.
Bachmanns Vater als Nazi-Täter
Alles, so Stoll, was Bachmann an moralischer Entschiedenheit und Sinnlichkeit ausmachte, erwuchs aus ihren Erfahrungen als junge Frau der Nachkriegsgesellschaft. Nicht nur der Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt, ein viel entscheidenderer Bruch habe Bachmanns idyllische Kindheit zertrümmert. Stoll stellt als kaum erzählte Leerstelle in Bachmanns Familie heraus, dass Bachmanns Vater schon 1932 der NSDAP beigetreten ist.
Erst die Studentin Bachmann begreift, dass der Faschismus nicht nur von außen über Österreich und Deutschland gekommen ist, sondern auch aus dem Inneren, dem Privatesten, und dass der Vater das Aufkommen des Faschismus mitgetragen hat. Den geliebten Vater als Nazi-Täter akzeptieren zu müssen, wird zu einer lebenslangen Wunde, die als verschwiegene Erinnerung in ihren Texten gärt.
Der Preis von Bachmanns Vagabondage
In einem weiteren Leitthema verfolgt Andrea Stoll Bachmanns Freiheitsentwurf; eine Frau, die entgegen allen Konventionen ungebunden zwischen Ländern und Lebenspartnern wechselte.
Wie kaum eine andere Bachmann-Biografie benennt Stoll aber auch den Preis der Freiheit: Bachmanns "Vagabondage" zwischen ihren Lebensstationen Wien, Paris, Rom, Zürich, Berlin, ihre prekären Lebenssituationen, ohne Geld, teils in Armut. Der Titel "Zwei Menschen sind in mir" beschreibt diese Zerrissenheit der 1973 unter tragischen Umständen verstorbenen Schriftstellerin nur annähernd.
Dramatische Liebe und literarisches Wirken
Viel ist bislang über die enge Verknüpfung zwischen den oft dramatischen Liebesbeziehungen und dem literarischen Wirken Bachmanns geschrieben worden. Das in der Bachmann-Rezeption gern vernachlässigte Netzwerk zwischen Leben und Schreiben zieht Andrea Stoll aber straff zusammen, stellt es nach vorn mit neuen Lesarten.
Fundamental hier der Briefwechsel mit Max Frisch für das Verständnis von Werk und Person. Gerade die von Bachmann traumatisch erfahrene Trennung von ihrem Lebenspartner Max Frisch führt Stoll mit ihrem Schreiben am Roman-Projekt "Todesarten" zusammen.
Wie Bachmann hier die Gewaltstrukturen zwischen den Geschlechtern erkannt hat, stellt die Biografin heraus und zeigt, wie Bachmann auf ein Thema zutreibt, das sie in ihren letzten Lebensjahren nicht mehr loslassen wird: das Zum-Schweigen-Bringen der denkenden Frau, ebenjene "Todesarten" von Frauen.
In Andrea Stolls kundigem Lebensbild über Ingeborg Bachmann werden keine Mythen und Mutmaßungen über Bachmann wiederholt, sie schreibt auch alles andere als eine Opfererzählung. Vielmehr verfolgt sie mit neuen Quellen und Recherchen ein Porträt in Ambivalenzen: einer widersprüchlichen, machtbewussten wie verletzlichen Frau.


















