Die letzten Tage von Ingeborg

Der Irrtum der Schönheit

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Fleur Jaeggy erinnert sich in diesem Buch an ihre Weggefährtin Ingeborg Bachmann
© Suhrkamp Verlag

Fleur Jaeggy

Barbara Schaden

Die letzten Tage von IngeborgSuhrkamp Verlag, Berlin 2026

43 Seiten

16,00 Euro

Von Helmut Böttiger |
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Ingeborg Bachmanns Tod ist bis heute von Gerüchten, Mutmaßungen und Rätseln umgeben. Fleur Jaeggy, eine ihrer letzten Freundinnen, fügt dem Mythos ein schmales Erinnerungsbuch hinzu: poetisch, aufgeladen, voller Leerstellen und Andeutungen.
Zu den geheimnisumrankten Freundinnen von Ingeborg Bachmann gehörte die 14 Jahre jüngere Fleur Jaeggy - eine italienisch-schweizerische Autorin, die mit dem bedeutenden Verleger Roberto Calasso verheiratet war.
Über Ingeborg Bachmanns letzte Jahre in Rom zwischen 1965 und 1973, als sie im Alter von 47 Jahren unter immer noch nicht restlos geklärten Umständen an Brandverletzungen und einer unbehandelten Tablettensucht starb, weiß man trotz vieler Mutmaßungen letztlich wenig. Es ist deshalb ein wichtiges Zeitzeugnis, wenn Fleur Jaeggy darüber schreibt.
Das großbürgerlich-légere Milieu, das Calasso und Jaeggy verkörperten, gehörte zu Bachmanns großen Faszinationen. Und den August 1971 verbrachten Bachmann und Jaeggy völlig abgeschirmt zu zweit in Poveromo-Forte dei Marmi. Jaeggy hat bereits 1994 darüber geschrieben. Im jetzt erschienenen Buch "Die letzten Tage von Ingeborg" bildet jener Text unter dem Titel "Das Salzwasserhaus" den ersten Teil.

Mehr Fragen statt Antworten

Schon 1994 fiel auf, dass Fleur Jaeggy durch Andeutungen und Aussparungen eher Fragen zu intensivieren scheint als sie zu beantworten. Die beiden Dichterinnen verlassen das "Salzwasserhaus" während jener vier Wochen außer zum Schwimmen kaum. Der Schriftsteller Italo Calvino kommt einmal vorbei, auch der Verleger Gottfried Bermann-Fischer. Ansonsten gibt es atmosphärisch-poetische Miniaturen, die nichts von dem preisgeben, was im Einzelnen gesprochen wurde und worin die Beziehung der beiden genauer bestand.
Auch in den beiden anderen Teilen dieses sehr großzügig gedruckten, nur 43 Seiten umfassenden Bändchens ist dies das ästhetische Prinzip. Der zweite Text "Von Ingeborg" spricht über den Tod und das Alter und wie die beiden damit umgingen. Bachmann wollte auf dem protestantischen Friedhof in Rom begraben werden, teilt Jaeggy mit, und am Ende dieser Erinnerung taucht ein leitmotivischer Satz auf. Als Fleur Jaeggy Ingeborg Bachmann auf dem Krankenbett zum letzten Mal sieht, habe diese ihr zugeflüstert: "Wir haben es schön gehabt". Jaeggy fügt hinzu: "Der Irrtum der Schönheit. Jetzt wusste ich es."

Zunder für den Bachmann-Mythos

Das sind Andeutungen, die viel offenlassen, aber ein Geheimnis schüren. Das ist auch im letzten Teil so, der wohl viel später geschrieben wurde und "Die letzten Tage von Ingeborg" heißt. Es sind noch kürzere, voneinander getrennte Fragmente über die Besuche Jaeggys im Krankenhaus. Der Tod Ingeborg Bachmanns ist bis heute stark umraunt, ein Teil ihrer Freunde erhob eine Anklage wegen Mordes. Charakteristisch scheint zu sein, dass sich am Todeslager der Dichterin Freunde trafen, zu denen sie zum Teil enge Beziehungen hatte, die aber oft gar nichts voneinander wussten und in dieser aufgeladenen Situation sich sowie den Verwandten Bachmanns fremd und argwöhnisch begegneten.
Fleur Jaeggys erratischer Text ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Sie unterscheidet "wahre Freunde" von anderen und deutet "lesbische Beziehungen" an, ohne es näher zu erklären. Äußerst schlecht schneidet bei ihr Bachmanns Nachlassverwalterin Christine Koschel ab. Immerhin aber erfährt man, dass Bachmann ihren bis heute unbekannten jahrzehntelangen Freund Pierre Evrard "mein kleiner Löwe" nannte. Und der bedeutungsvoll zugeflüsterte Satz heißt in diesem Text diesmal: "Wir haben es gut gehabt." Eines ist auf jeden Fall klar: Dieser kleine Band ist geeignet, den Mythos um Ingeborg Bachmann wieder und weiter zu befeuern. 
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