Witold Gombrowicz: „Polnische Erinnerungen. Argentinische Streifzüge"

Herrlicher Unsinn, scharfsinnige Erkenntnisse

06:51 Minuten
Cover des Romans „Polnische Erinnerungen. Argentinische Streifzüge“ von Witold Gombrowicz:
© Kampa Verlag

Witold Gombrowicz

Übersetzt von Klaus Staemmler und Gisbert Haefs

Polnische Erinnerungen. Argentinische StreifzügeKampa, Zürich

400 Seiten

28,00 Euro

Von Jörg Plath |
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Zwei Zugänge zu einem großen Schriftsteller: Im argentinischen Exil schreibt Witold Gombrowicz „Polnische Erinnerungen“, in „Argentinischen Streifzügen“ bereist er das dunkle Herz des südamerikanischen Kontinents, als sei es sein eigenes.
Im Titel dieser zwei Textsammlungen sind die Länder erwähnt, in denen Witold Gombrowicz die längste Zeit seines Lebens verbrachte: 1904 geboren unter russischer Herrschaft und aufgewachsen im 1918 wiedergegründeten Polen. 1939 bestieg der vielversprechende junge Schriftsteller ein Schiff nach Argentinien und betrat das Land als Bürger eines von Hitler und Stalin gemeinsam beseitigten Staates.
24 Jahre, bis 1955, blieb Gombrowicz in Südamerika, anfangs unter ärmlichsten, dann bescheidenen Umständen. Dass er sein Verschwinden, die Randständigkeit, die Fremdheit jedoch auch genossen zu haben scheint, legen die „Polnischen Erinnerungen“ und die „Argentinischen Streifzüge“ nahe.

Gegenseitige Abneigung

Sie entstehen in den Jahren 1959 bis 1961. Gombrowicz lebt noch in Buenos Aires und veröffentlicht seit 1953 sein „Tagebuch“ in der wichtigsten polnischen Exilzeitschrift "Kultura“ in Paris. Aus Geldnot schreibt er die Feuilletons für Radio Free Europe und die unvollständig überlieferten Erinnerungen.
Beide werden nicht gesendet und erst 1977, acht Jahre nach seinem Tod, zusammen in Paris auf Polnisch als Buch veröffentlicht. Gombrowicz hielt nicht viel vom Sozialismus, er blieb ihm fern. Diese Gefühle wurden erwidert.

Suche nach Form

Die „Polnischen Erinnerungen“ zeichnen Kindheit, Jugend und frühe Erwachsenenjahre des „Hätschelkinds“ einer ehrenwerten Familie nach und destruieren das „ehrenwert“ auf lustvolle Weise. Der Vater wird als gut aussehender Landadliger mit überschaubaren Geistesgaben charakterisiert, was ihn bestens für repräsentative Posten qualifiziere.
Die psychisch kranke Mutter lebt in einer fantastischen Welt. Das reizt die Kinder zu rücksichtslosem Widerspruch im Namen der Wahrheit oder auch der Übertreibung, woraus sich weit ausschweifende Unterhaltungen voll blühenden Unsinns und dialektischer Schärfe ergeben.
In vielen pointierten, teilweise bestürzend komischen Anekdoten entsteht das Bild einer überhitzten Atmosphäre, die Gombrowicz‘ lebenslange Beschäftigung mit der „Form“ sowohl der Kunst wie des Lebens glaubhaft macht.
Reizvoll ist, dass jede Form von historischen Erklärungen – das voller Anachronismen wiedererstandene Polen erlebt in den 1920er-Jahren, wie ganz Europa, eine rasante Amerikanisierung und Demokratisierung – fehlt. Der Leser wird dauernd aufs Kräftigste angeregt, nicht eingeengt.
Als der junge Autor die ersten Texte publiziert hat, bewegt er sich durch die literarische Szene Warschaus, als handele es sich um seine Familie. Er widerspricht, spielt psychologische Spielchen, stößt vor den Kopf. Angenehm war Gombrowicz sicher nicht, aber ein begnadeter Zusammenstoßprovozierer um der Erkenntnis willen, der eigenen und der der anderen.

Das dunkle Herz des südamerikanischen Kontinents

Damit verglichen sind die „Argentinischen Streifzüge“ leichte Kost. Geschmeidig beschreibt Gombrowicz die Nationalcharaktere der Südamerikaner und der Polen - vor allem in Sachen Frauen, Alkohol und Fußball - er bereist, die Natur beeindruckend schildernd, in das dunkle Herz des Kontinents und lässt die Streifzüge auslaufen in Feuilletons über den Existenzialismus. Den Existenzialismus? Gombrowicz macht, was er will. Schließlich, sagt er einmal, sei er ein großer Schriftsteller.
Das scharfzüngige, leidenschaftliche und schonungslos, auch gegen sich selbst, formulierte Buch ist eine gute Einführung in ein großes Werk, und tauchten nicht plötzlich „Backfische“ in ihm auf, könnten Klaus Staemmlers einfach nachgedruckte Übersetzungen aus den 1980er-Jahren durchaus als heutige durchgehen.
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