Dorota Masłowska: „Im Paradies“

Scheitern in Warschau

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Cover des Romans "Im Paradies" von Dorota Masłowska
© Verlag Rowohlt Berlin

Dorota Masłowska

„Im Paradies“ Rowohlt, Berlin 2026

160 Seiten

24,00 Euro

Von Tino Schlench |
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Kein Job, kein Geld, keine Lösung. Gewohnt scharfzüngig und gewitzt erzählt die Kultautorin Dorota Masłowska in ihrem aktuellen Prosaband „Im Paradies“ von den Abgehängten im heutigen Polen. Das ist nicht neu, macht aber viel Spaß.
Dorota Masłowska ist eine Institution. Sie ist die Königin des Drecks der polnischen Gegenwartsliteratur. Die Welt, die sie in ihren zahlreichen Romanen und Theaterstücken erschaffen und immer wieder neu ausgelotet hat, ist eine der Abgehängten und Derangierten: zerstörte Familien, unglückliche Beziehungen, prekäre Jobs (falls überhaupt vorhanden), geschundene Leiber, und so doch mal ein paar Złoty übrig sind: kaputte Nasenscheidewände vom billigen Koks.
Dieser brüchigen und scheinbar hoffnungslosen Welt widmet sich Masłowska auch in ihrem aktuellen Werk „Im Paradies“. Aufmerksam und kritisch blickt sie darin auf die polnische Gesellschaft und deren Verwerfungen. Statt jedoch klassisch realistisch zu erzählen, dreht sie ihre Beobachtungen durch den Fleischwolf, überspitzt, karikiert und überschreitet in ihren Schilderungen bisweilen die Grenze zum Absurden. Grausam und komisch zugleich beleuchtet sie das Leben in den Städten, zumeist in Warschau. Eines der Kapitel wagt sich in den nicht näher benannten Ort P., der der polnischen Hauptstadt jedoch an Tristesse in nichts nachsteht:

„Der Januarhimmel über P. tröpfelt wie die abgehängte Decke in einem Swingerclub mit Wasserschaden. […] Wir kommen hauptsächlich an Altkleiderläden, Ein-Euro-Läden und geschlossenen Italienern vorbei, die seit der Pandemie pleite sind. An der Kirche ein großes, neues Zentrum ‚Teppichreste und italienischer Bodenbelag‘. Ein Park im Taschenformat, Projekt des Bürgerhaushalts, hatte sich unversehens in das verwandelt, was er immer gewesen war: Sitzbank mit Aussicht auf eine Pfütze, auf der eine verirrte Styroporarche im Kreis segelt.“

Kein Roman – kein Problem

„Im Paradies“ ist die Genrebezeichnung Roman vorangestellt, der polnische Verlag spricht noch bestimmter von einem Schund- beziehungsweise Trash-Roman. Das wird Marketing-Gründe haben. Bereits Masłowskas letzte deutschsprachige Veröffentlichung „Bowie in Warschau“ wurde als Roman vertrieben, obwohl es sich bei diesem Text um ein Theaterstück handelt. Kein Roman – kein Publikumsinteresse, so die verlegerische Sorge, die sich dahinter vermuten lässt.
„Im Paradies“ jedoch ist ein Erzählband. Ein Erzählband aus einem Guss, zusammengehalten durch Tonlage, Setting und wiederkehrende Themen. Einzelne Charaktere und Motive mögen in gleich mehreren der insgesamt zehn Geschichten auftauchen, doch die Verbindungslinien sind zu dünn, um von einem Roman zu sprechen. Allein die letzte Erzählung unternimmt den Versuch, zentrale Figuren des Bandes in einer Art Jenseits, einem Anti-Paradies, zusammenzuführen. Doch der Versuch wirkt bemüht. Es ist der schwächste Text dieser sonst so anregenden und unterhaltsamen Erzählsammlung.

Mit der Klospülung ins Phantastische

Völlig unvermittelt wird man in die Geschichten geworfen, ebenso plötzlich verlässt man diese wieder. Anstelle einer abgeschlossenen Handlung bleibt vieles vage und offen, oder kippt am Ende ins Phantastische. Etwa wenn sich ein Junge, abgestellt und allein gelassen von seiner Mutter und deren Liebhaber, in bewährter Trainspotting-Manier das Klo hinunterspült. Oder wenn ein liebestoller Schaumschläger […] von einer rachsüchtigen ehemaligen Geliebten in Monstergestalt durch die Stadt getrieben wird.
Erzählt wird das alles im bitterbösen, zynischen Ton, für den die Autorin bekannt ist. Blickt ein genervter Barmann auf seine Kundschaft, dann klingt das bei Masłowska so:

„Er kannte diese Sorte. Die haben Kinder und Kredite am Hals und zu Hause non stop volle Waschmaschinen und leere Kühlschränke. Sie achten auf Kalorien, Elternabende und wellbeing wie die Zerberusse, aber an diesem Abend wollen sie mal so richtig die Sau rauslassen. Wodka wie Wasser, Tratsch über die eigenen Männer und Gelächter so laut, dass die Grenze zum Gebrüll schwer zu ziehen ist. Millionen Selfies, die ihr ganzes Lächeln aufbrauchen, sodass ihnen nur blanke, grabsteintriste Visagen bleiben, wenn sie ihre Euter auf der Bar deponieren, weil sie sich die ganze Zeit gegen einen unsichtbaren Wind stemmen müssen.“

Olaf Kühl, der bereits die früheren Bücher Dorota Masłowskas in Deutsche übersetzt hat, gelingt es auch diesmal, den einnehmenden Sound der polnischen Übertreibungskünstlerin einzufangen, nah am Zeitgeist und durchtränkt von Lifestyle-, Pop- und Netzkultur.
Masłowska mag sich mit ihrer lang ersehnten Rückkehr zur Prosa nicht neu erfunden haben; und doch ist es ein großes Vergnügen, wie unerbittlich und gewieft sie ihre Charaktere scheitern lässt: an den eigenen Ansprüchen und Wünschen, überzogenen Liebesidealen, pfuschenden Schönheitschirurgen oder neoliberalen Aufstiegsversprechen. All ihre Figuren sind eine „magische Wunde“ – so der Originaltitel in direkter Übersetzung –, beunruhigend und faszinierend zugleich.
 
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