Causa Olga Tokarczuk

KI-Einsatz in der Literatur: Frevel oder legitim?

Olga Tokarczuk trägt eine runde, schwarz umrandete Brille und ein schwarzes Oberteil. Sie schaut zur Seite und lächelt.
Nutzt KI bei der Recherche: Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk © Getty Images / Europa Press News / Lorena Sopena
Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat bei einem öffentlichen Auftritt gesagt, dass sie KI als Hilfe bei ihrer Arbeit verwendet. Ist das in Ordnung? Stammt ein Werk dann noch komplett von einer Autorin oder einem Autor?
Ist ein literarisches Werk auch dann noch vollständig menschengemacht, wenn sich eine Autorin oder ein Autor von KI-Tools unterstützen lässt? Diese Diskussion hat Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk nun befeuert.
Auf einer Konferenz in ihrem Heimatland Polen hat die Schriftstellerin offen zugegeben, dass KI ein Teil ihres Arbeitsprozesses sei. Manchmal gibt sie der künstlichen Intelligenz eine Idee vor und fragt: „Schatz, wie können wir das schön entwickeln?“ 

 Das sagt Olga Tokarczuk in einer Stellungnahme

Olga Tokarczuk findet, dass ihre Äußerungen zum Teil falsch verstanden wurden. In einer Stellungnahme auf der US-amerikanischen Webseite Literary Hub teilt die Schriftstellerin sinngemäß mit, keiner ihrer Texte sei mithilfe künstlicher Intelligenz geschrieben worden. Die Autorin räumt aber ein, dass sie KI als Werkzeug für eine schnellere Vorrecherche nutzt.  
Sie betrachtet KI-Tools demnach als ein Mittel, das eine schnellere Dokumentation und Überprüfung von Fakten ermöglicht. „Wann immer ich dieses Werkzeug nutze, überprüfe ich die Informationen zusätzlich“, heißt es in der englischsprachigen Stellungnahme.
Laut Medienberichten hat Tokarczuk ein KI-Sprachmodell unter anderem dazu befragt, zu welchen Songs ihre Romanfiguren vor mehreren Jahrzehnten getanzt haben könnten. Die Schriftstellerin selbst begründet den KI-Einsatz unter anderem mit dem wenigen Geld, das sie damit verdienen könne.
Zu der Frage, ob die Nutzung von KI für Schriftstellerinnen und Schriftsteller legitim ist oder nicht, gibt es unterschiedliche Ansichten.
„Für mich ist Schreiben gleich mit dem Denkprozess. Insofern würde ich den Konzeptionsprozess nicht an eine Maschine delegieren“, sagt beispielsweise Schriftsteller Philipp Schönthaler.

Schattenbibliotheken und ignorierte Urheberrechte

Literaturübersetzerin und Autorin Claudia Hamm sieht in sogenannten Large Language Models wie ChatGPT „irgendwie auch Plagiatsmaschinen“. Worauf sie anspielt: Große KI-Sprachmodelle sind zu weiten Teilen auf Basis von urheberrechtlich geschütztem Material trainiert worden – darunter auch literarische Texte. Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben diese Nutzung jedoch nie abgesegnet.
Claudia Hamm: „Es gibt sogenannte Schattenbibliotheken, da werden diese Bücher gesammelt und angelegt und alle existierenden Sprachmodelle bedienen sich daraus und trainieren ihre Modelle mit diesen urheberrechtlich geschützten Texten.“
Viele KI-Unternehmen verraten nicht, wo die Trainingsdaten herkommen, die sie für ihre Tools verwenden. Wird es dann doch öffentlich bekannt, sind sie nicht selten mehr oder weniger gestohlen.
Ein Beispiel: Spätestens 2025 wurde bekannt, dass Meta, der Konzern hinter Facebook, Instagram und WhatsApp, zum Training seines KI-Modells Llama viele Daten aus illegalen Bucharchiven gezogen hat.

„Denkt“ KI vorbelastet?

Claudia Hamm sieht einen weiteren Kritikpunkt an Inhalten, Ideen und Weltbildern, die KI-Tools mitunter ausspucken: mangelnde Neutralität und Diversität.
Texte aus dem Internet – aus dem sich auch KI-Tools bedienen – seien oft „biased“, sagt sie. Also gesellschaftlich so verzerrt, dass sie häufig einen Mehrheitsdiskurs abbildeten. „Und der ist ganz offensichtlich vor allem männlich-weiß geprägt und voller Gewalt, Pornografie und Diskriminierung“, so Hamm.
Bekommen Schriftsteller, die KI-Tools beispielsweise dafür nutzen, um sich Inspiration für Charaktere und Handlungen zu beschaffen, also bloß Mainstream-Gedanken ausgespuckt? Literaturübersetzerin Hamm sieht hier eine Parallele zum sogenannten Priming Effekt. „Dadurch, dass es schon eine Vorprägung gibt, kommt man nicht mehr auf jede Idee. Man ist irgendwie schon vorgeprägt und das – würde ich ein bisschen unterstellen – passiert vielleicht beim Schreiben auch, wenn man diese Sachen benutzt.“
Schriftsteller Christian Homma gehört zu jenen Menschen, die den KI-Einsatz in der literarischen Arbeit befürworten. Vor allem machen die Tools ihn schneller, sagt der Autor der Cosy-Crime-Reihe „Vino, Mord und Bella Italia!“. Er schafft mehr Bücher in der gleichen Zeit. 

So verwenden Belletristik-Autoren bereits KI

An die KI lagert Homma aus, was er nicht gerne macht: das Plotten, die Charakterentwicklung, die erste Rohfassung. Dafür hat er ein ausgeklügeltes System verschiedener Tools zur Hand.

Christian Homma: „Ich nutze Novelcrafter, das ist praktisch ein Meta-Tool, was es Autoren einfacher macht, direkt online Bücher zu schreiben, Kapitel zu organisieren. Und was ganz besonders schön ist: Ich habe einen Kodex hinterlegt, das heißt ich habe da alle meine Charaktere drin, ich habe die Spielorte vom Buch drin und ich habe dann für jedes Buch meinen Plot, an dem ich mich dann entlanghangeln kann.“
Neben Novelcrafter nutzt Homma noch Claude, PowerPoint, OpenRouter und natürlich: ChatGPT. Mit letzterem baut sich der Autor sogar eigene Bots, zum Beispiel für die Textkorrektur, aber auch einen Charakter-Bot. Dieser ist unter anderem der geistige Vater von Matteo Bellini – der Figur eines Golftrainers aus Hommas Krimis.
Die KI kennt auch Hommas Zielgruppe, weil der Autor sie ebenfalls im System hinterlegt hat. Darum weiß sie, was bei Cosy-Crime-Leserinnen und -Lesern funktioniert und was nicht. Homma nimmt die Vorschläge des Chatbots gern an. 
„Ich kopiere mir vielleicht ein paar Auszüge, die er da geschrieben hat, weil ich mir denke: ‚Oh ja, das geht in die richtige Richtung‘ und formuliere es dann um oder ich schreibe es komplett neu.“

Vor- und Nachteile von KI-Tools beim literarischen Schreiben

Auch die Fantasy-Autorin Juri Pavlovic nutzt manchmal KI-Tools für ihre Arbeit. Was gut funktioniere: Alles, was technisch ist und wo es ein Muster gibt, wie Rechtschreibung, Grammatik oder die Satzrichtigkeit.
 Gerade bei letzterem Punkt hat Christian Homma Zweifel. Einen „typischen KI-Fehler“ sieht der Autor in „denglischen“ Satzkonstruktionen und liefert ein Beispiel. Der Satz aus der KI lautet: „Er verschränkte die Arme, seine Haltung noch eine Spur aufrechter.“
Autorin Juri Pavlovic hat außerdem eine weitere große Schwäche ausgemacht:

„Eine KI kann nicht zwischen den Zeilen schreiben. Wenn ich ihr zwei Figuren gebe, die ich bereits gepromptet habe, und dann sage ich: ,Schreibe eine Szene, wo die eine Figur befangen ist, weil sie der anderen Figur irgendwas nicht verraten will.‘ Dieses Befangensein, was wir so zwischen den Zeilen bemerken, das kriegt die nicht hin. Die schreibt dann: ‚Klaus war befangen, weil er wollte Silke nicht sagen, dass …‘“
Online-Text: Jan-Martin Altgeld
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