Thomas Hettche: „Liebe“

Scharf an der Grenze zum Liebeskitsch

Das Buchcover der Erzählung "Liebe" von Thomas Hettche: Ein Gemälde, auf dem sich Körper berühren.
© Kiepenheuer & Witsch

Thomas Hettche

Thomas Hettche: „Liebe“Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026

176 Seiten

22,00 Euro

Von Dirk Fuhrig |
Thomas Hettche ist Autor großer und üppiger Romane wie „Pfaueninsel“, „Totenberg“ oder „Herzfaden“. In seinem neuen Buch „Liebe“ erzählt er von der Leidenschaft zwischen Max und Anna. Beide sind schon älter und Anna eigentlich liiert.
Eine tiefe Leidenschaft im Herbst des Lebens. Max ist um die 60, als er die gleichaltrige Anna trifft. Es ist die klassische, normalerweise eher der Jugend zugeschriebene Vernarrtheit auf den ersten Blick, die beide schon nicht mehr für möglich gehalten haben: „Dunkelblau sei ihre Lieblingsfarbe, flüsterte Anna, als er sie zum Abschied umarmte, ihr Kopf an seiner Wange. Und gleich, spürte er, fanden ihr Atem und sein Atem in denselben Takt. So begann das mit ihnen.“ 
Max hat zwei Kinder aus zwei Beziehungen, lebt nun aber schon länger allein. Anna hat sich in einer öden Ehe mit einem wohlsituierten Notar eingerichtet. Sie will ihr bequemes Leben, mit Jachtausflügen auf Ostsee und Ägäis, zunächst nicht aufgeben.

„Ich werde nicht fremdgehen“, sagte sie leise. Er nickte, als wäre das nicht der Rede wert, doch dabei klopfte sein Herz vor Glück, denn er verstand, sie hatte eben dasselbe empfunden wie er. „Bist du denn glücklich?“ „Glücklich? Zufrieden würde ich sagen.“ Dass ihre Blicke sich trafen und sie beide lächeln mussten, passte nicht zu dem, was sie dann sagte. „Ich weiß, wo ich hingehöre.“

„Liebe“ von Thomas Hettche

Die Zeit des Zögerns und Zauderns

Doch die Anziehung zwischen den beiden ist so groß, dass sie nicht aufhören können, sich schmachtende SMS zu schreiben. Nach einigen Monaten des Zögerns und Zauderns begegnen sie sich wieder.
„Und sie liebten sich so, wie man bei großem Durst ein Glas Wasser hinunterstürzt.“ Thomas Hettche ist ein Sprachartist, und so gelingen ihm immer wieder solche hinreißenden Metaphern. Ebenso wie einfühlsame Beschreibungen erotischer Begegnungen.

Die Glätte ihrer Haut und wie weich dann plötzlich, ihre prallen Lippen, wie sie schmeckte, wie er roch und wie er sie hielt, wie sie in seinen Armen die Augen schloss und für einen Moment zur Ruhe kam, scharlachrot, englischrot, seine Zunge in ihrer Achsel, scharf zog sie die Luft ein, hielt den Atem an, er hörte sein eigenes Stöhnen, immer wieder klackerten Zähne aneinander, salzig schmeckte ihr Nacken, sein Bein zwischen ihren Schenkeln, ihr Speichel klares Wasser, ihr Blick so unvorstellbar sanft.

„Liebe“ von Thomas Hettche

Ein wenig Liebeskitsch, ein wenig Humor

Zwischen Berlin, Stralsund, Hiddensee und Schleswig-Holstein spielt sich diese lakonisch erzählte Leidenschaft ab. Manchmal ist das scharf an der Grenze zum Liebeskitsch, aber so ist Liebe ja auch: kitschig. Und Hettche schafft es immer wieder rechtzeitig, den Schmelz mit einer Prise Humor zu brechen.
Somit könnte dieses Büchlein die kurze Geschichte einer Amour fou sein, die harmonisch, nämlich mit der Trennung Annas von ihrem Mann und einer gemeinsamen Zukunft mit Max im Rentenalter endet.
Unnötigerweise hat Hettche seine Reflexionen über die späte Liebe in einen tiefgründig daherkommenden Rahmen gepresst. Ein Element davon ist der ungewöhnliche Beruf zwischen Künstler und Handwerk, den Max ausübt: Er stellt Prothesen her für Menschen, die das Augenlicht verloren haben.
„Ich bin Ocularist. Ich mache Glasaugen.“ Dabei überglänzte das Licht der tief stehenden Sonne Annas Gesicht, und er sah, dass ihre Augen von einem so hellen Blau waren, wie er es nur aus den Lehrbüchern kannte.
Das Auge - zumal mit der seltenen Farbe Blau - als Verbindung des Menschen zur Welt und zum anderen wird hier untergründig raunend evoziert. Dann wiederum kommt Hegel ins Spiel mit seiner Auffassung von Liebe als Verschmelzung der Partner, die dennoch sie selbst bleiben. Die philosophische Einbettung wirkt seltsam aufgepfropft, aber Hettche wollte der eigentlich schönen Love-Story damit wohl etwas mehr Tiefe verleihen.

Finale in der Patchwork-Landidylle

Wirklich sperrig wird es, als gegen das Ende hin unvermittelt die Coronapandemie aus- und in die Erzählung einbricht. Die beiden alternden Liebenden überstehen sie in Annas Elternhaus auf dem Land. Als die Kontaktbeschränkungen gelockert werden, laden sie Familien und Freunde zum Weihnachtsfest ein. Dabei auch Max’ Ex-Ehefrau; Annas Cousine, die mit einem „tätowierten Ofenbauer“ liiert ist, Max’ Sohn, der sich zu einem großspurigen Gecken mit teurer Armbanduhr entwickelt hat, sowie Max’ Tochter, die nebenbei verkündet, dass sie „queer“ ist. Hier wird es dann doch sehr holzschnittartig divers und Patchwork-harmonisch. Was so herrlich, als überwältigende Leidenschaft begann, mündet in einer Art Pippi-Langstrumpf-Landidyll.
Das fand Hettche vermutlich selbst zu simpel. Er hat daher noch einen finalen Kontrapunkt mit einem blinden Jungen angehängt, dem Max, der Ocularist, gleich zwei Augenprothesen anpassen muss. Glück und Unheil, Lebensfreude und Verzweiflung liegen dicht beieinander, soll das wohl sagen. Man stöhnt angesichts der Überfrachtung dieses Kurz-Romans mit so vielen Assoziationsebenen. Dabei hätte „Liebe“ ohne diesen bedeutungshuberischen Ballast eine wirklich anrührende, brillant geschriebene Hymne auf Beziehung und Begehren im dritten Lebensabschnitt sein können.
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