Niedergangsgefühl in Deutschland

Schaut auch auf die hellere Seite!

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Protest vor Beginn der Auswärtigen Kabinettssitzung der sächsischen Staatsregierung am 16. Januar 2024 im Erzgebirge.
Deutschland steht nach Meinung dieser Demonstranten im Erzgebirge kurz vor seiner Beerdigung. Für den Autor Simon Strauß ist solche Schwarzmalerei ein zu enger Blick auf die Zustände im Land. © picture alliance / dpa / Jan Woitas
Ein Appell von Simon Strauß · 15.01.2024
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Bahn, Bauern, Bildung, Bundeswehr, Bürokratie: Das sind nur einige Schlagworte des deutschen Niedergangsgefühls. Steht es um unser Land wirklich so schlimm, wie es oft behauptet wird? Der Autor Simon Strauß plädiert für einen Perspektivwechsel.
Das Land wird heruntergewirtschaftet, so hört man es gerade vielerorts. Der ökonomisch informierte Sachbuchautor Daniel Stelter erklärt in Interviews, dass Deutschlands Abstieg kurz bevorstehe. Eine ideologische Klimapolitik werde zur Abwanderung wichtiger Schlüsselindustrien führen, ein aufgeblähter Sozialstaat die arbeitende Bevölkerung demotivieren, ein von unkontrollierter Zuwanderung belastetes Bildungssystem eine ganze Generation zu unqualifizierten Arbeitnehmern machen. Viele würden verkennen, so Stelter, wie schlecht es um unser Land gerade wirklich stehe.
Vielleicht. Vielleicht aber schauen auch gerade zu viele zu gebannt auf das, was nicht läuft in Deutschland. Was alles ärgert, aufbringt, angreift. Zugegeben: Es ist eine Menge. Aber: Bei aller Notwendigkeit der Kritik, jener urtypisch deutschen Fähigkeit, die Dinge skeptisch auf den Prüfstand zu stellen, darf der Blick doch nicht zu eng und zu schwarz werden.

Römische Republik als Inspiration

Der Althistoriker Christian Meier hat im Zusammenhang mit der römischen Republik einmal für einen Perspektivwechsel plädiert, der uns auch heute bei der Einschätzung unserer Lage in Deutschland inspirieren könnte: Nicht, dass die römische Republik irgendwann unterging, sollte uns wundern, so Meier, sondern, dass sie so lange so gut funktionierte.
Wenn man mit dieser Geisteshaltung auf ein 80 Millionen starkes Land im Zentrum Europas schaut, das nicht nur überaltert und von intensiver Migration gekennzeichnet ist, sondern auch ohne kostbare Rohstoffe auskommen muss, dann wird man vielleicht doch auch einmal über die ungebrochene wirtschaftliche und politische Stärke Deutschlands staunen.

Steuergeld landet nicht in privaten Taschen

Man wird für einen Moment die Augen schließen und sich daran erinnern, was für Vorzüge es hat, ein deutscher Steuerzahler zu sein. Denn anders als in so manch anderen, auch europäischen benachbarten Ländern – man schaue nur auf den tschechischen Ex-Präsidenten Andrej Babiš – darf man in Deutschland davon ausgehen, dass sich die Korruption in sehr engen Grenzen hält. Dass das viele Geld, das wir jeden Monat zahlen, nicht in irgendwelchen privaten Taschen landet.
Man darf beispielsweise auch davon ausgehen, dass die gesundheitliche Versorgung in diesem Land nach wie vor flächendeckend gut funktioniert – und zwar unabhängig vom sozialen Status. Das ist ein hohes, für viele zum Glück sehr lange unsichtbares Gut.

Kinderbetreuung ist bezahlbar

Man darf ebenfalls davon ausgehen, dass Kinder auf die Welt zu bringen in diesem Land kein finanzielles Risiko bedeutet, dass sie zu subventionierten, also durch Steuergeld möglich gemachten Preisen betreut werden. Das funktioniert bei weitem nicht überall einwandfrei, aber die Idee allein ist viel wert und keineswegs flächendeckend akzeptiert – allein ein Seitenblick in die Schweiz reicht aus, um die Bedeutung kostengünstiger Kinderbetreuung zu schätzen.
Und so könnte man die Waagschale auf der anderen, helleren Seite weiter füllen – mit Schlagworten wie: Freie Medien, funktionierender Katastrophenschutz, zivilgesellschaftliches Engagement, zuverlässige Müllentsorgung, robuster Datenschutz.

Fundamentale Fortschritte

Gegen die allzu pessimistische Lageeinschätzung hilft nur eines: den Blick weiten. Der unlängst verstorbene schwedische Gesundheitsforscher Hans Rosling hat in seinem Buch „Factfulness“ dafür wunderbaren Stoff geliefert und etwa auf die fundamentalen Fortschritte in Sachen Bildung, Gesundheit und in der Verhinderung von Gewalt hingewiesen. Dem grassierenden Niedergangsgefühl vieler Deutscher zu Beginn des Jahres 2024 hätte er nur lächelnd erwidert: So gut, wie es euch Deutschen heute geht, ging es euch noch nie.

Simon Strauß, geboren 1988 in Berlin, studierte Altertumswissenschaften und Geschichte in Basel, Poitiers und Cambridge. Er ist Mitorganisator des „Jungen Salons“ in Berlin. Seit Oktober 2016 ist er Redakteur im Feuilleton der FAZ. 2017 veröffentlichte er sein erzählerisches Debüt „Sieben Nächte“. Seit 2018 gehört er zum Vorstand des Vereins Arbeit an Europa e. V., im Januar 2023 erscheint sein neues Buch „zu zweit“.

Ein Mann im Anzug: der Journalist Simon Strauß
© Julia Zimmermann
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