Musks Pläne im All

Weltuntergang als Businessmodell

04:22 Minuten
Eine Space X Falcon-Rakete startet in Cape Canaveral im Dunkeln
Space X Falcon-Rakete startet in Cape Canaveral: Elon Musks Business sei die Apokalypse als Geschäftsmodell, meint Felix Maschewski. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS / John Raoux
Ein Kommentar von Felix Maschewski · 14.12.2023
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Elon Musk investiert sein Vermögen seit circa 20 Jahren in die Raumfahrt. Und SpaceX bekommt immer mehr staatliche Aufträge. Doch sein Weltraumbusiness fußt auf apokalyptischen Ideen, warnt der Medienwissenschaftler Felix Maschewski.
Elon Musk ist längst nicht mehr der grüne Vorzeige-CEO, der mit Elektroautos zum reichsten Menschen der Welt wurde. Er verfolgt andere, größere Pläne: Musk will die Welt nicht mehr durch etwas grünere Technologien verbessern, er will sie verlassen.
Genau deswegen arbeitet seine Firma SpaceX permanent an neuen Raketen, Boostern und Raumschiffprototypen des Starships. Denn Musk träumt von der Menschheit als „multiplanetarer Spezies“ – vom Leben auf dem Mars.
Dass die Visionen des Multimilliardärs häufig wie recycelte, eigenwillig bis falsch rezipierte Science-Fiction klingen, der Selbstmythologisierung und dem Marketing dienen, ist offensichtlich. Und dass es Musk darum geht, mit SpaceX und seinem Satellitennetzwerk Starlink schlicht den Markt für das Internet aus dem All zu bestimmen, lässt sich ebenfalls kaum bezweifeln.
Doch die Vehemenz, mit der er seinen Traum vom Mars im Diskurs hält, lässt sich nicht allein mit kurzfristigen, ökonomischen Interessen erklären. Sie gibt auch einen Einblick in die aktuelle, mentale Verfasstheit des Silicon Valley, das – auch selbstinduziert – krisenbewusster geworden ist.

Musks und der „Longtermism“

Während sich Teile der Tech-Elite angesichts der Polykrise aus Inflation, Pandemien, Naturdesastern und verheerenden Kriegen vor gesellschaftlichen Disruptionen fürchtet, Bunkeranlagen kauft und im Prepping übt, denkt Musk langfristiger und katastrophaler. Wie eine Art Doomsday-Prophet warnt er auf seiner Plattform „X“ immer wieder vor der Auslöschung der Menschheit – mal durch künstliche Intelligenz, mal durch das Verglühen der Sonne.
Deswegen strebt er auch nicht die Flucht unter die Erde, sondern von der Erde an, bewirbt den Mars als dauerhaften Katastrophen-Exit und beruft sich dabei auch auf eine quantitative Moralphilosophie, die gerade ziemlich en vogue ist und unter dem Namen „Longtermism“ firmiert.
Elon Musk aufgenommen von der Seite vor schwarzem Hintergrund
Langfristiges lacht am besten? Elon Musk bewirbt den Mars als dauerhaften Katastrophen-Exit. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Kirsty Wigglesworth
Der Longtermism selbst ist eine Denkbewegung, die von Nick Bostrom, Moralphilosoph und Direktor des von Musk mitfinanzierten „Future of Humanity Institute“ der Universität Oxford, entwickelt wurde. Sie leitet sich aus einer utilitaristischen Ethik ab und nimmt eine radikale Blickverschiebung vor.
Denn Longtermisten konzentrieren sich weniger auf einzelne Menschen und Bewältigung gegenwärtiger Krisen. Sie denken in der – daher der Name – langen Frist, damit über größere Katastrophen, sogenannte „existenzielle Risiken“ der Menschheit an sich nach und wie wir diese – zum Beispiel mit der Expansion ins Sternenreich – überleben könnten.

Unternehmerische Lust am Kollaps

Was solche futuristischen Horizontverschiebungen mit sich bringen, ist dann aber nicht selten ein fragwürdiger Relativismus: So bewerten Longtermisten den Klimawandel etwa als weniger katastrophal als die Gefahren einer freidrehenden KI oder eines Asteroideneinschlags – weil viele Menschen Dürren, Fluten und andere Verheerungen ja überlebten.
Was mathematisch nachvollziehbar klingt, kann gesellschaftlich verhängnisvoll sein. Denn der Fokus auf allzu potentielle Risiken und ferne Zukünfte lenkt von gegenwärtigen Herausforderungen, von akutem Leid und Unrecht ab, legitimiert Missstände oder heizt diese sogar an.
Im Falle Musks eskaliert der Perspektivwechsel derweil in eine unternehmerische Lust am Kollaps. Während er uns einerseits das multiplanetare Überleben wünscht, sagt er andererseits, ich zitiere, „Fuck earth!“
In fast jeder aktuellen Krise postet Musk auf „X“ Destruktives und lässt die Plattform schon jetzt diskursklimatisch untergehen. Mit jedem Testflug seines Starships jagt er zudem zehn Millionen Pfund flüssiges Methan als Treibstoff in die Erdatmosphäre und hat mit Teslas Cybertruck zuletzt ein Gefährt gebaut, mit dem wir so elektrisch wie kugelsicher durch die Trümmerwüsten naher Zukünfte gleiten können. Das ist kein langfristiges Denken, sondern die Apokalypse als Geschäftsmodell.

Felix Maschewski ist Kultur-, Medien- und Wirtschaftswissenschaftler; aktuell Ko-Direktor des Critical Data Lab (HU Berlin), assoziierter Forscher am Institute of Network Cultures (Amsterdam University of Applied Sciences) und lehrte zuletzt am Institute für Soziologie der Universität Basel. Als freier Autor schreibt Maschewski regelmäßig für unterschiedliche Medien.

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