Vladimir Jankélévitch: „Das Unumkehrbare und die Nostalgie“

Die offene Wunde unserer Zeitlichkeit

05:32 Minuten
Buchcover "Das Unumkehrbare und die Nostalgie"
© Suhrkamp Verlag

Vladimir Jankélévitch

Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

Das Unumkehrbare und die NostalgieSuhrkamp Verlag, Berlin 2025

432 Seiten

26,00 Euro

Von Marko Martin |
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Der große französische Philosoph Vladimir Jankélévitch seziert Nostalgie als Teil der „condition humaine“. Ein Buch aus den 1970er-Jahren, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt – und noch längst nicht in die Jahre gekommen ist.
Was ist Nostalgie – und wie manifestiert sie sich? Ist es schlicht die Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Zeit, im gegenwärtigen Gedächtnis und in der Populärliteratur häufig assoziiert mit den Wohlstandsjahren der Bonner Republik und mit “Wetten, dass...?“
Der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch (1903-1985) bohrt in seinem mittlerweile klassischen, jetzt erst auf Deutsch übersetztem Buch „Das Unumkehrbare und die Nostalgie“ freilich ungleich tiefer. Politische und gesellschaftliche Abläufe finden sich hier kaum thematisiert, obwohl Jankélévitch doch zutiefst vom 20. Jahrhundert geprägt war.
Der Sohn jüdisch-russischer Intellektueller, die einst vor dem zaristischen Antisemitismus nach Frankreich hatten fliehen müssen, war während der deutschen Besatzung in der Résistance aktiv. Danach wirkte Jankélévitch als Professor an der Sorbonne – und zwar just in jenen „Trente Glorieuses“, die heute in Frankreich geradezu mit einem Übermaß an Nostalgie bedacht werden als die verflossenen drei Jahrzehnte scheinbar unaufhaltsam wachsenden Wohlstands. Als das Buch 1974 erschien, hatte das Land jedoch bereits eine weltweite „Ölkrise“ zu bewältigen.

Keiner entkommt dem Verrinnen der Zeit

Doch kein Wort davon bei Jankélévitch, der sich direkt der Zeitlichkeit widmet und dem tatsächlich existentiellen Befremden, das diese in uns auslöst. Wenn alles, was wir tun, noch im gleichen Moment zur Vergangenheit wird – wie gehen wir damit um?
Und weil dies das Buch eines reflektierenden, Wörter und Gestimmtheiten skrupulös sezierenden Philosophen ist und nicht die Verfertigung eines flott schreibenden Ratgeber-Autors, finden sich hier natürlich auch keine Tipps für „Selbstoptimierungen“ oder „Entschleunigung“, sondern stattdessen Sätze wie diese:

„Die Heilmittel verlangsamen eher die Altersweitsichtigkeit als das Altern und mildern eher oberflächliche Symptome als das unerbittliche Verfließen der Jahre. Die Verlangsamung mildert nicht im Geringsten das tiefe Elend der Unumkehrbarkeit.“

aus „Das Unumkehrbare und die Nostalgie“

Die Tröstungen des Religiösen – ob nun in der Auferstehungslehre oder im Konzept der ewigen Wiedergeburt – finden sich hier beschrieben als Versuche, die Zeit zurückzuholen, ebenso wie jene lebensweltlichen Versuche, sich entweder ganz der Vergangenheit oder der Zukunft hinzugeben.

Nostalgie muss nicht unbedingt Trauer tragen 

Der Philosoph aber verhöhnt dies nicht, sondern beschreibt das von uns allen empfundene Ungenügen als Teil der „condition humaine“ – und als Chance.

„Das Unumkehrbare bringt den Menschen in Schwung; es bewirkt in allen Herzen eine lyrische oder elegische Stimmung, die eine Quelle der Poesie ist, es lässt uns reden und singen. Zarte Melodien inspirieren den Nostalgiker zu Gedichten, Symphonien und Rhapsodien des Bedauerns.“

aus „Das Unumkehrbare und die Nostalgie“

Vladimir Jankélévitch, der auch ein Musikwissenschaftler von Rang war, verbindet solche Überlegungen mit bezirzenden Miniatur-Essays über die Nostalgie etwa in den Werken von Tschaikowsky, Erik Satie oder beim von ihm geliebten Debussy.
Bei alldem jedoch: Er kommt nicht ins Orakeln, nicht ins wohlig verbale Sich-Räkeln, sondern umkreist immer wieder aufs Neue die Wunde der Zeitlichkeit, ergo unseres knapp bemessenen und stets nach vorn, das heißt zum Tod hin zu lebenden Lebens.
Denn wie wir es auch anstellen, es gibt keine wirkliche Rückkehr – weder zu den Emotionen noch zur Heimat der Vergangenheit, siehe Odysseus‘ Enttäuschung nach der Rückkehr zur geliebten Penelope in Ithaka.

Last Exit Liebe

Was jedoch möglich ist: Der durchaus Glück spendende Mut, sich genau diesem Dilemma zu stellen und im Angesicht des Unumkehrbaren schöpferisch zu sein – für sich und andere.
Und was die Liebe betrifft: „Der intentionale Inhalt der Liebe ist der Geliebte und nicht die Zukunft.“
Anstatt also konventionelle Klagen anzustimmen, dechiffriert dieses Buch mit humaner Stringenz unsere Möglichkeiten, unsere Irrwege und Versuche, dazu die zu Literatur und Musik gewordenen Manifestationen eines nostalgischen Mäanderns. Und weist gerade damit ins Offene: Ich fremdle mit der Zeitlichkeit – also bin ich.  
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