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Lesart | Beitrag vom 05.11.2018

Raabe-Preisträgerin Judith SchalanskyJeder Gegenstand hat eine eigene Tonlage

Judith Schalansky im Gespräch mit Andrea Gerk

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Die Schriftstellerin Judith Schalansky bei einem Gespräch im Stuttgarter zoologisch-botanischen Garten Wilhelma (imago / Lichtgut)
Die Schriftstellerin Judith Schalansky (imago / Lichtgut)

Die Autorin Judith Schalansky erzählt in "Verzeichnis einiger Verluste" von Dingen, die unwiederbringlich verschwunden sind. Im Gespräch schwärmt sie von Umbruchsituationen und sagt, warum das Buch sie dazu bewogen hat, zu Hause gründlich aufzuräumen.

Andrea Gerk: Gestern Abend hat die Schriftstellerin Judith Schalansky in Braunschweig den Wilhelm-Raabe-Preis erhalten, einer der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen, für ihr Buch "Verzeichnis einiger Verluste". Darin erzählt die Autorin von zwölf Dingen, die unwiederbringlich verschwunden sind, von einer Insel im Pazifik, über die Liebeslieder von Sappho bis zum Palast der Republik. Jetzt ist Judith Schalansky hier bei mir im Studio. Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch noch!

Judith Schalansky: Vielen Dank, guten Morgen!

Gerk: Sie haben ja sehr erfolgreich schon Bücher, Bestseller veröffentlicht. Der Roman "Der Hals der Giraffe" oder Ihr "Atlas der abgelegenen Inseln". Jetzt zeichnet der Raabe-Preis ja Bücher aus, die einen besonderen Stellenwert in der Entwicklung des Autors einnehmen, habe ich gelesen. Haben Sie denn selbst das Gefühl, dass dieses "Verzeichnis einiger Verluste" so ein besonderes Projekt oder irgendwie eine Markierung in Ihrer Arbeit ist?

"Bei Romanen müssen Sie einmal den Ton finden"

Schalansky: Absolut. Also es liegt schon allein daran, dass ich sehr lange an diesem Buch geschrieben habe. "Der Hals der Giraffe", mein letztes Buch, ist sieben Jahre her, dass es veröffentlicht wurde, und die Arbeit an diesem Buch dauerte, wenn man jetzt mal brutto die Zeit, die Arbeitszeit berechnen möchte, angeben möchte, dann waren es doch fünf Jahre. Es war also in gewisser Hinsicht viel aufwendiger als jetzt ein Roman. Bei einem Roman, da können Sie einmal den Ton finden, und dann können Sie schreiben. Dann müssen Sie natürlich ein bisschen nachdenken und das Handlungsgerüst weiter verfolgen, aber bei diesem Buch habe ich tatsächlich versucht, für jede einzelne Geschichte, für jeden einzelnen verlorenen Gegenstand eine eigene Stimmlage, einen eigenen Ton, ein eigenes Genre am besten noch zu finden, und das bedeutete, jenseits wirklich von der tiefen, großen Recherchearbeit einen enormen Verwandlungsdruck, also sozusagen die Recherche in Literatur zu übersetzen. Insofern freue ich mich ganz besonders und fühle mich auch wirklich da sehr bestätigt und geehrt in der Annahme dieses Preises.

Gerk: Diese vielen Stimmen, die Sie da einnehmen, oder Rollen könnte man vielleicht auch sagen, wenn Sie da quasi als Greta Garbo sprechen oder auch mal als Ich-Erzählerin, die dann auch tatsächlich Judith heißt, da habe ich mich auch gefragt, geht es da auch um das Verschwinden der Autorin in diesen vielen Facetten?

Die Vielstimmigkeit literarischen Erzählens

Schalansky: Das gefällt mir, das ist eine schöne … Habe ich noch gar nicht so nachgedacht, aber wenn ein Buch in der Welt ist, dann ist ja alles, was man darin lesen kann, erlaubt, und mir gefällt das sehr. Vielleicht die Vielstimmigkeit des literarischen Erzählens, die wollte ich gerne zeigen und auch, dass mich das vor allem interessiert, was kann man alles mit Literatur bewirken. Das ist natürlich besonders reizvoll, wenn man da die ganze Bandbreite eigentlich zeigen kann von einem Essay bis hin zur Shortstory oder zu einem … Es gibt einen Text, der wirklich wahrscheinlich der elaborierteste, also auch der sprachlich am anstrengendsten zu schreiben war, das ist ein Text, der in der Zukunft spielt, aber in der Sprache des 19. Jahrhunderts verfasst ist. Das ist der letzte Text im Buch, der auf dem Mond spielt und von einem Mondarchivar handelt.

Gerk: Wie haben Sie denn eigentlich diese Verluste ausgewählt, denn es gibt ja wahrscheinlich unendlich viele Dinge, die der Welt verloren gegangen sind, der Menschheit verloren gegangen sind. Wie haben Sie Ihre Verluste ausgewählt?

Die Lücken in der Weltgeschichte

Schalansky: Ich habe natürlich viel geschaut nach den sogenannten Lücken in der Weltgeschichte. Also natürlich brauche ich einen – ich kann mir die Dinge nicht ausdenken –, ich brauche einen Aufhänger und hatte wirklich einige, ich glaube, so etwa 30 zur Auswahl und habe dann jeweils geschaut, welche Geschichte kann ich erzählen. Natürlich brauche ich genug Stoff, um überhaupt was zu erzählen. Also wenn ich irgendwo von einem verlorengegangen Werk, einer antiken Grabinschriftenschreiberin lese, die vor allem auf das Verfassen von Grabinschriften von Tieren spezialisiert war, dann ist das hochaufregend, aber daraus kann ich keine Geschichte basteln, also konnte ich nicht. Das heißt, ich musste schauen, dass ich genug Stoff finde. Mir war vor allem wichtig, dass ich in der Geschichte nicht nur über diesen Gegenstand schreibe, sondern mich auch auf einer anderen Ebene, also möglichst auf einer zweiten Ebene auch noch mal mit Verlust, mit Tod, Vergänglichkeit oder anderen Nuancen dieses Themas Verlust auseinandersetzen kann.

Gerk: Das ist ja jetzt auch kein neues Thema in Ihrem Werk. Also eigentlich zieht sich das ja durch alles durch. Auch schon im "Hals der Giraffe", da wird diese Schule abgeschafft. Es geht ja sehr oft bei Ihnen um Verluste. Was fesselt Sie daran so?

"Mir gefällt, dass Dinge eine Art Eigenleben haben"

Schalansky: Das sind ja alles Umbruchssituationen, und das ist was ganz Spannendes. Es ist ein beunruhigender Zwischenraum, also etwas Altes bröckelt weg oder nur noch die Form ist da, aber das Neue ist noch nicht gekommen, und dann ist das eigentlich ein Raum, den ich als nicht nur beunruhigend, sondern auch als etwas Utopisches empfinde. Mit diesen verlorengegangenen Gegenständen ist es eigentlich ähnlich. Wir haben Zeugnisse, dass es sie mal gab, aber wir wissen, sie sind nicht mehr aufzufinden, und dann passiert ja etwas mit einem sofort. Also es fesselt sofort, finde ich, mein Interesse oder auch lässt die Fantasie so weiterspinnen, wo ist es jetzt, wo. Also wir kennen das ja selbst, wenn wir einen Schlüsselbund suchen oder ein Handy und denken, das kann doch nicht wahr sein, das war doch eben noch da. Mir gefallen da viele Sachen dran, dass die Dinge eine Art Eigenleben haben zum Beispiel oder auch, dass bei diesen Geschichten wir uns in einem Zwischenraum bewegen, wo unsere Zugriffe von Fakt, also von Wirklichkeit und Fantasie, von Fiktion, nicht mehr richtig greifen. Das ist irgendwas dazwischen.

Gerk: Und die Sachen werden ja auch erst richtig bedeutsam, wenn sie nicht mehr da sind, oft.

Schalansky: Ja, das kennen wir natürlich gut, dass gerade die Dinge oder auch vielleicht die Menschen, die einem abhandenkommen, in dem Moment des Abhandenkommens einem so wertvoll erscheinen wie selten zuvor.

Gerk: Jetzt liegt ja das meiste, was Sie da in Ihrem Verzeichnis haben, in der Vergangenheit. Gibt es denn auch was im Moment, in der Gegenwart, wo Sie sagen, da sehe ich schon einen drohenden Verlust oder das tut mir jetzt schon fast ein bisschen weh. Viele sagen ja, die Buchkultur ist vom Untergang bedroht. Sie als herausragende Buchgestalterin, beschäftigt Sie sowas?

Das Buch war in Druck - da brannte das Nationalmuseum

Schalansky: Ja, aber vielleicht habe ich das Buch auch geschrieben, um mit all diesen Dingen besser klarzukommen. Also es war nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Thema Verlust, sondern vor allem natürlich mit dem Thema Verlustangst. Ich habe gemerkt, ich gehöre doch zu denen oder gehörte lange Zeit zu denen, die immer auch gerne klammern oder sehr traurig sind, wenn mein Lieblingsrestaurant in Ahrenshoop auf dem Darß auf einmal nicht mehr da ist und, dass ich damit gar nicht klarkomme und, dass ich durch diese Auseinandersetzung doch verstehe, die Dinge gehen nicht nur verloren, sondern in dem Moment passiert auch immer wieder etwas. Das muss man irgendwie anerkennen, und vielleicht in dem Moment, wo man noch mal davon anfängt zu erzählen, was verloren geht, kann man es doch ein Stück weit bewahren. Das ist natürlich auch die Fantasie, die dahintersteckt, aber ein großes Beispiel: Ich hatte gerade das Buch wirklich in den Druck gegeben, da brannte das brasilianische Nationalmuseum ab.

Gerk: Sind Sie denn jemand, der sich leicht von Dingen trennt oder brauchen Sie auch diese vielen Ratgeber, die es inzwischen gibt, wie man als Minimalist lebt oder wie man mal seine Wohnung entrümpelt? Das sind ja auch so Gegenstrategien gegen diese Verlustängste.

Schalansky: Sie werden lachen: Ich habe gerade jemanden engagiert, der mit mir zusammen zu Hause ausmistet und aufräumt, aber ich glaube, dass ich das … Also lustig ist auch, jetzt nach diesem Buch hatte ich das Bedürfnis, mich von mehr Dingen zu trennen, vielleicht, weil ich mich dem noch mal so gewidmet habe, ja.

Gerk: Und das Erzählen ist ja auch eigentlich ein Bewahren. In dem Moment, wo Sie jetzt diese Dinge gehoben haben und davon erzählen, sind die ja eigentlich nicht mehr verschwunden.

Schalansky: Genau, und das ist ja etwas, das kann die Kunst und vor allem die Literatur, ja.

Das Äußere des Buches lässt den Inhalt erahnen

Gerk: Wir können ja das Buch auch noch mal anschauen, denn das ist bei Ihnen ja auch wichtig, wie die Bücher aussehen. Das hier, finde ich, sieht auf den ersten Blick so ein bisschen wie ein Leitzordner aus. Das ist so grau, Sie können das viel besser beschreiben. Ich bin nicht so die Expertin mit diesen ganzen Fachausdrücken, wie man jetzt die Gestaltung eines Buchs beschreibt, aber wie nennt man das, auch diese wunderschönen schwarzen Trennblätter zwischen den einzelnen Kapiteln. Da sieht das aus wie so ein Negativ eigentlich von einem Foto, die Abbildungen, aber vielleicht können Sie das mal erklären, was Sie da gemacht haben.

Schalansky: Ich habe tatsächlich in diesem Buch gar nichts Besonderes gemacht, sondern nur …

Gerk: Finde ich schon!

Schalansky: Nein, ich finde das ganz toll, dass das was … Ja, keine aufwendige Sache, aber die eine große Wirkung hat. Es gibt zwischen den einzelnen Geschichten – man muss dazu sagen, die Geschichten sind so komponiert, die Texte, dass sie jeweils gleich viel Platz haben, nämlich immer einen Bogen à 16 Seiten, also das war auch eine Begrenzung und Maßgabe beim Schreiben –, und Sie werden voneinander getrennt durch schwarz durchgefärbte Seiten, und auf diesen Seiten, die nicht ganz schwarz sind, sondern dunkeldunkelgrau, sind Schwarzweißabbildungen gedruckt, und es gibt einen Hauch von Kontrast zwischen diesen Abbildungen und dem Papier, sodass wir den Gegenstand, der dort abgebildet ist, nämlich es ist immer der verlorengegangene Gegenstand oder auch Naturgegenstand, dass man den dann doch irgendwie erkennen kann, erahnen kann. Manchmal so ein bisschen im Licht muss man das Buch hin und her bewegen, aber man kann ihn erahnen.

Mir hat sehr gut gefallen, dort die Dinge auch erfahrbar, erahnbar zu machen in einer Art Zwischenreich, also fast etwas Gespenstisches bekommen die dadurch. Das Buch selbst, es hat ein bisschen eine Anmutung von einem bürokratischen Leitzordner. Das passt, finde ich, auch ganz gut zu dem Begriff des Verzeichnis. Der Titel selbst ist silbern geprägt, und dadurch kann man auch sagen, hat das etwas Grabsteinartiges, aber das passt ja auch zum Buch. Es ist gar nicht so eine Art wahnsinnig spektakuläre oder laute Gestaltung, die ich da verwendet habe, sondern eigentlich was sehr Zurückgenommenes, aber was besonders ist, ist, dass das Papier, in das das Buch eingebunden ist – es gibt wieder keinen Schutzumschlag –, dieses Papier fühlt sich sehr, sehr schön an, was damit zusammenhängt, dass es ein Recyclingpapier ist. Auch das hat mir gefallen, dass da etwas wiederverwertet wird, und in diesem Recyclingpapier sind 30 Prozent Lederreste verwertet worden. Insofern, ich finde, man fühlt das auch, und das macht auch eine besondere Haltbarkeit dieses Buches aus. Auch das war mir, ehrlich gesagt, ganz …

"Das ist etwas Totales, vielleicht sogar Totalitäres"

Gerk: Das geht nicht so schnell verloren.

Schalansky: Ja, das ist natürlich auch die …, das war auch die Fantasie, mit diesem Buch natürlich Dinge auch zu bewahren und zumindest für diese Zeit, und wir wissen, das Buch ist jetzt nicht so haltbar wie Papyri oder Tonscherben oder Obelisken, auf denen etwas eingemeißelt ist, aber es ist doch schon, gehört zu den etwas länger haltbaren Medien.

Gerk: Und wie Sie im Buch schreiben, das vollkommenste Medium noch immer, sagen Sie.

Schalansky: Ja, für mich ist das so. Ich finde, dass das Buch etwas versprechen kann, nämlich die Welt abzubilden und zu beinhalten, manchmal auch zu ersetzen. In diesem Buch habe ich tatsächlich versucht, alles, was mir wichtig ist, auf eine Weise auch vorkommen zu lassen, und das ist etwas Totales, vielleicht sogar Totalitäres, aber etwas wahnsinnig Großartiges. Es hat diesen abgeschlossenen, konzentrierten Raum, der sagt, das ist alles drin, und alles andere ist draußen, aber diese geschlossene Raum verweist auf das Draußen, und das ist etwas, was dieses besondere Medium kann.

Gerk: Judith Schalansky, vielen Dank, dass Sie hier waren! Das neue Buch von Judith Schalansky trägt den Titel "Verzeichnis einiger Verluste", ist beim Suhrkamp-Verlag erschienen, hat 252 Seiten und kostet 24 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste"
Suhrkamp-Verlag, 2018
252 Seiten, 24 Euro

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