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Lesart | Beitrag vom 17.08.2019

Priya Basil über ihr Buch "Gastfreundschaft"Ein Lob der Zumutung

Moderation: Florian Felix Weyh

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Die Autorin Priya Basil (imago stock&people)
Priya Basil wurde in London geboren und wuchs in Kenia auf. Ihr Essay verbindet Geschichten aus ihrer Familie mit politischen Exkursen. (imago stock&people)

Gäste zu bewirten kann anstrengend und nervig sein. Und genau deshalb ist es eine wertvolle Erfahrung, meint die britisch-indische Autorin Priya Basil. Denn auch wir als Gesellschaft können davon etwas lernen.

Florian Felix Weyh: "Be my guest", seien Sie willkommen. Im Sinne traditioneller Gastfreundschaft bewirten kann ich Sie über die Lautsprechermembran hinweg natürlich nicht, aber vielleicht bewirken, dass Ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft. Denn wenn ich gleich mit Priya Basil über Gastfreundschaft rede, wird es unweigerlich auch um fantastisches Essen gehen, um Großzügigkeit und den indischen Hang zur Überbewirtung. Über das Gegenteil wollen wir allerdings nicht schweigen. Das Spannungsverhältnis von Asylrecht und Gastfreundschaft kommt in dieser "Lesart" ebenso vor wie der Mangel, von dem Flucht und Exil begleitet werden.

"In meiner Familie hat die Essens- an der Lebenszeit einen unvermindert hohen Anteil." Das sage nicht ich, sondern die in Berlin lebende britisch-indische Schriftstellerin Priya Basil. "Wir besuchen Supermärkte wie andere Kunstgalerien, wir kochen wie andere Marathon laufen." Priya Basil sitzt mir nun gegenüber, und schon verspüre ich nach diesem einen Zitat gewaltigen Appetit, weil ich nämlich gelesen habe, wie diese Mahlzeiten in Ihrer Familie aussehen, verlockend, voller aromatischer Vielfalt und ausladend opulent, beschrieben in einem Essay mit dem Titel "Gastfreundschaft". Gastfreundschaft, Priya Basil, das bedeutet für Sie also zunächst einmal, jemanden zu bewirten.

Essen als Waffe

Priya Basil: Ja, aber auch bewirtet zu sein. In meiner Familie, wie Sie schon erwähnt haben, ist die Gastfreundschaft immer mit Übertreibung verbunden. Meine Großmutter Mamji, ich erzähle, wie sie das Essen als eine Art Waffe benutzt hat, um die Leute zu locken, aber auch zu steuern. Man muss immer besonders die Männer genau an diesem Zeitpunkt am Tisch haben, und sie müssen mehr essen als sie wollen. Und sie übt immer Druck aus, dass wir alle das tun. Obwohl es sehr lecker ist, habe ich ein bisschen unter diesem Regime gelitten.

Gleichzeitig habe ich ein anderes Beispiel gehabt von meiner Mutter. Ich erzähle im Buch, dass sie Mitbegründerin einer Benimmschule in Kenya war. Da war die Idee der Gastfreundschaft von Vollkommenheit geprägt: Die Idee, dass als Frau die Rolle, mit der man sich wirklich auszeichnen kann, die als Gastgeberin ist, und es eine besondere Art gab, wie man das üben konnte. Ich habe das Gefühl, dass mein ganzes Leben irgendwie ein Versuch ist, mich von diesen beiden …

Weyh: Beide Pole sind ja nicht ganz bequem.

Basil: Nein.

Weyh: Die sind beide mit Zwang verbunden in irgendeiner Weise.

Basil: Genau.

Weyh: Und eigentlich ist Gastfreundschaft ja erst mal was Freies.

Basil: Genau, oder sollte es sein. Ich versuche jetzt vernünftiger, lockerer, nachhaltiger zu sein, aber es ist sehr interessant zu merken, wie diese Spuren immer in einem bleiben.

Ein Gastmahl für alle?

Weyh: Sie sind ja ein Kind vieler Kulturen. Sie haben es gerade erzählt. Sie sind aufgewachsen in Kenya, Sie haben in Großbritannien gelebt, Ihre Herkunft ist eine indische Sikh-Familie, und da beschreiben Sie eine Tradition bei den Sikhs, die sehr beeindruckend ist. Ein Gastmahl für alle, was ist das?

Basil: Genau, das heißt Langar, und Langar bedeutet Gemeinschaftsküche. Es ist eine Art offene Einladung. Alle können kommen und an diesem Mahl teilnehmen. Die können auch freiwillig kochen. Das gehört zum Sikhismus seit der Gründung der Religion. Die Idee war, einen Platz zu bieten, wo alle auf Augenhöhe zusammenkommen können. Das Essen ist immer vegetarisch, und man sitzt oft am Boden, sodass alle diese Sachen wie Klasse und Religion und Geschlecht und Rasse in gewissem Sinne vermindert sind. Ich finde die Idee sehr schön. Ich habe das gelernt, als ich Kind war, dass wir diese offene Einladung für alle geben und habe mich trotzdem gefragt: Wenn das wirklich so ist, warum gibt es in unserem Gurdwara nur immer andere indische Leute? Das war in Kenia.

Weyh: Das heißt, es gibt einen Widerspruch zwischen der tollen Idee und der Praxis. In der Praxis treffen sich hauptsächlich auch wieder Sikhs dann bei diesem Essen.

Basil: Genau, und ich habe mich gefragt, warum ist das so, da vorne vor dem Gurdwara stehen viele schwarze Kenianer, es gab auch in der Gesellschaft andere weiße Leute, aber fast nie waren die mit uns im Gurdwara. Ich habe gefragt, was bedeutet eine offene Einladung, wer bekommt diese wirklich. Im Buch habe ich versucht, das auch mit der EU zu verbinden und der Idee der offenen Grenzen, wie offen die wirklich sind und für wen.

Gastfreundschaft und effektiver Altruismus

Weyh: Da erkennt man schon, das Buch ist zum einen ein sehr persönliches Buch, Sie erzählen Familiengeschichten, auch mit relativ harschen Wertungen Ihrer Eltern oder Großeltern. Da gibt es den Satz: "In der ersten Hälfte Ihres Ehelebens kochte Mamji für Papai, um ihn zu beeindrucken, in der zweiten Hälfte, um ihn zu unterdrücken." Also es wird dann auch sehr intim und wirklich sehr nah. Sie kommen einem menschlich sehr nah. Dann gibt es einen politischen Exkurs, also in die Gesellschaft hinaus, was Gastfreundschaft bedeuten kann. Sie sind, schreiben Sie, eine Anhängerin des effektiven Altruismus von dem Philosophen Peter Singer. Was ist der effektive Altruismus?

Basil: Es ist ein Versuch, Geld an die Charitys oder Leute zu geben, wo es am effektivsten benutzt werden wird. Es gibt manche Organisationen, die das wirklich checken und beurteilen, und auf Peter Singers Website kann man eine Liste von Charitys sehen, die sehr wirksam sind. Man kann sich dann entscheiden, diese zu unterstützen. Viele, die das machen, geben viel Geld, fast 50 Prozent von dem, was sie verdienen. Man kann auch einen Pledge nehmen, der "the pledge" heißt. Man entscheidet sich, einen Prozent von dem, was man verdient, zur Charity zu geben. Das habe ich getan, und ich erzähle in dem Buch, was es für mich bedeutet hat, diese Entscheidung zu treffen und dann auch zu sehen, dass man so eine Entscheidung nicht nur einmal treffen kann. Besonders mit dem effektiven Altruismus gibt es einen Druck, immer mehr zu geben, wie ein Läufer versucht, immer einen Rekord...

Weyh: Wie ein Wettbewerb.

Basil: Ja, genau. Einen neuen Rekord zu setzen, so versuchen diese Altruisten mehr zu geben als vorher.

Weyh: Dann sind wir wieder an dem Punkt, den wir vorhin hatten, dass es auch eine Gastfreundschaft und eine Mildtätigkeit, einen Altruismus gibt, der mit einem inneren Zwang verbunden ist. Also wo man nicht mehr so ganz frei ist zu sagen, ich mache heute das und morgen das, sondern man ist in einem Zwangsgedanken drin.

Der Zwang zur Gastfreundschaft

Basil: Genau, aber ich glaube, dass Gastfreundschaft auch manchmal eine Zumutung ist. Das heißt, man ist manchmal in einer Lage, wo man etwas machen musste, obwohl man das nicht will. Ich erzähle im Buch von einer Freundin von mir. Ich habe sie zu einem Abendessen eingeladen, und sie hat gesagt, kann ich einen Freund mitbringen, einen Fremden. Ich kannte die Person nicht und habe nein gesagt, und dann ist meine Freundin auch nicht gekommen. Dadurch ist es mir klargeworden, dass ein Teil der Gastfreundschaft bedeutet, nicht im Voraus zu entscheiden, was das Ergebnis sein sollte. Man muss immer offenbleiben, und das kann ganz unangenehm sein.

Weyh: Sie schildern tatsächlich in diesem Essay von 130 Seiten beide Seiten der Gastfreundschaft, auch die Seiten, die einem nicht so angenehm sind. Sie schreiben da zum Beispiel, dass man hinterher das Geschirr abräumt und dann da ja die Spuren der Menschen dran sind, der Speichel und so weiter, das gehört zu den unangenehmen Geschichten. Dann werden Sie an einer Stelle ganz intim, das rührt einen fast, als es um die Geflüchteten 2015 aus Syrien geht. "Bei all diesen attraktiven, intelligenten Menschen, die jetzt hier sind, fuhr ich fort, werde ich nichts Besonderes mehr sein, niemand wird sich mehr für mich interessieren." Das ist ja ein bisschen seltsam. Warum sollte sich keiner mehr für Sie interessieren?

Zweifel muss man äußern

Basil: Es zeigt, wie komisch wir sind als Mensch, wie wir verunsichert sein können. Für mich war es auch sehr komisch, dass ich solche Gedanken überhaupt gehabt habe, aber ich möchte nur zeigen, dass es vielleicht nicht so schlimm ist, dass wir erkennen und auch akzeptieren, dass wenn andere Leute zu uns kommen, es eine Versicherung ist. Wir müssen auch anders sein, wir müssen einen Weg finden. Manchmal hilft es, unsere Zweifel auszudrücken, um mit diesen Zweifeln klarzukommen.

Ich glaube, wenn wir einen Zeitraum oder einen Platz haben, miteinander darüber zu sprechen, können wir das besser lösen, als wenn wir nur sagen, das gefällt mir nicht, die müssen ausbleiben. Das ist die Position, die ein Teil der Gesellschaft jetzt einnimmt, wir sehen das im Erfolg der Parteien wie AfD, dass die Antwort ist: Nein, wir wollen diese Leute nicht haben. Und eigentlich ist das keine Antwort.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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