Beautytrend "Looksmaxxing"
Looksmaxxing bedeutet für Männer viel sozialen Druck - der Frauen schon lange bekannt ist © picture alliance / Photology2000
Schönheitswahn bei Männern ist keine Gleichberechtigung

Sie heißen „Looksmaxxer“: Männer, die viel Geld und Zeit in ihr Aussehen stecken. Ist es ausgleichende Gerechtigkeit, wenn nicht nur Frauen sondern auch Männer den Druck zum Schönsein spüren?
Feministinnen behaupten schon lange, dass das Patriarchat nicht nur schlecht für Frauen, sondern schlecht für alle ist. Wer das nicht glauben will, kann ja mal im Netz nach sogenannten Looksmaxxern suchen. Das sind junge Männer, die so fest davon überzeugt sind, dass gutes Aussehen das einzige ist, was im Leben zählt, dass sie dafür im Prinzip alles in Kauf nehmen:
Von stundenlangen Trainingssessions im Fitnessstudio über radikale Diäten, Vitamin- und Botoxspritzen bis hin zu teilweise lebensgefährlichen Schönheitsoperationen - nichts ist diesen Männern zu riskant oder zu teuer, um ihrem Männlichkeitsideal zu entsprechen. Ist doch egal, wenn der Kiefer dafür mehrfach gebrochen werden muss - Hauptsache, am Ende hat man ein markantes Kinn.
Manchmal geschieht dieses Streben nach Perfektion halbwegs kooperativ, etwa wenn die Jungs Tipps dazu austauschen, wie man möglichst schnell möglichst fit wird; öfter aber geschieht es im Modus des Wettbewerbs, wenn Looksmaxxer untereinander bewerten, wie sie auf angeblich objektiven Schönheitsskalen abschneiden und wo sie also genau stehen im Aufstiegsprozess vom Loser-Lauch zum echten Mann. Looksmaxxing bedeutet also nicht nur klarer definierte Muskeln, sondern auch jede Menge sozialen Druck. Aber so ist das halt: Wer schön sein will, muss leiden.
Geschlechterrollen 2026: Schönheitswahn für alle
Ist das jetzt schlicht traurig: noch mehr Menschen, denen überzogene Schönheitsnormen das Leben schwer machen? Oder liegt darin doch ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit?
Frauen müssen schließlich seit Menschengedenken Zeit, Geld und Gesundheit investieren, um schön zu sein. Und besteht die Ungerechtigkeit der patriarchalen Ordnung nicht gerade in der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen und insbesondere darin, dass Frauen alle möglichen anstrengenden Dinge tun müssen (Kinder großziehen, den Haushalt managen und eben auch: bei all dem auch noch hot sein), die von Männern nicht erwartet werden? Looksmaxxing macht die Welt zwar sicher nicht insgesamt besser, aber doch zumindest gleichmäßiger schlecht. Könnte das nicht Geschlechtergerechtigkeit, Version 2026 sein: Alle leiden gleichermaßen?
Ist Gleichheit auch Gerechtigkeit?
Aber wenn wir diese zynische Haltung einnehmen, unterschreiben wir damit ein seltsames Gleichheitsverständnis. Intuitiv ist Gleichheit nämlich deswegen ein wichtiger Bestandteil von Gerechtigkeit, weil alle Menschen gleichermaßen wertvoll und wichtig sind und deswegen gleichermaßen ernst genommen und angemessen berücksichtigt werden müssen. Eine Ordnung, die alle ihre Bürger:innen und nicht nur einige unterdrückt, behandelt diese zwar gleich – ernst nehmen und angemessen berücksichtigen tut sie aber niemanden.
Die Philosophin Elizabeth Anderson plädiert in ihren Überlegungen zu sozialer Gerechtigkeit daher nicht für strikte Gleichbehandlung, sondern für relationale Gleichheit: Anderson zufolge sollten wir uns für eine Gesellschaft einsetzen, in der alle Bürger:innen gleichberechtigte Gesetzgeber:innen sind und also gleichermaßen mitbestimmen können. Manchmal impliziert dieses Ideal relationaler Gleichheit strikte Gleichbehandlung (und verbietet beispielsweise, dass einige wenige riesige Vermögen anhäufen); manchmal schreibt es dagegen Ungleichbehandlung vor (etwa wenn es Minderheiten besondere Schutzrechte zuspricht); aber niemals würde es sich dafür aussprechen, die Gleichheit unter den Bürger:innen dadurch zu erhöhen, dass alle in dieselbe Misere gestürzt werden.
Patriarchale Schönheitsideale endlich abschaffen
Looksmaxxing ist also in keinerlei Hinsicht begrüßenswert, sondern einfach nur traurig. Bleibt zu hoffen, dass zumindest in dieser Traurigkeit ein wenig revolutionäres Potenzial schlummert. Denn wenn jetzt auch Männer am eigenen Leib erfahren, wie knochenhart man dafür arbeiten muss, patriarchalen Schönheitsidealen zu entsprechen, steigt vielleicht das allgemeine Interesse daran, diese endlich für alle abzuschaffen.




















