Beauty, Fitness und Rechtsextremismus

Männlicher aussehen, darum geht es beim Looksmaxxing – bis hin zum Brechen eigener Knochen. Doch der Social-Media-Trend ist nicht nur gesundheitlich bedenklich, sondern auch politisch: wegen toxischer Männerbilder und rechtsradikalen Gedankenguts.
Der Trend des Looksmaxxing erreicht auf Social Media Millionen junger Männer. Es geht um Dinge wie Schönheit, Männlichkeit, Selbstoptimierung. Zum Teil auf harmlose Art und Weise, zum Teil aber auch sehr extrem. Ein Beispiel ist, sich den Kiefer zu brechen, um eine maskulinere Kinnlinie zu erreichen.
Inhalt
Beim Looksmaxxing geht es jedoch nicht nur um das Aussehen. Viele Influencer verbreiten äußerst problematische gesellschaftliche und politische Botschaften, die von fragwürdigen Männlichkeitsidealen bis hin zu rechtsextremem Gedankengut reichen.
Looksmaxxing: Männer-Beauty-Trend aus Incel-Foren
Looksmaxxing ist ein aktueller Trend, bei dem es auf den ersten Blick um die Angleichung an ein bestimmtes Schönheitsideal und die Selbstoptimierung von Männern geht. Außerdem stehen Themen wie Disziplin, harte Arbeit und Leiden im Mittelpunkt, um als „echter Mann“ zu gelten. Laut der Journalistin und Autorin Caren Miesenberger handelt es sich dabei um eine lose Bewegung vor allem US-amerikanischer Männer.
Looksmaxxing wird vor allem auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok präsentiert. Die physische Attraktivität wird dabei oft mithilfe von Apps und künstlicher Intelligenz auf Skalen gemessen. Dabei wird zum Teil mit Begriffen wie „Untermensch“ für das untere Ende der Skala operiert.
Looksmaxxing stammt ursprünglich aus Onlineforen sogenannter Incels. Der Begriff steht für „involuntary celibate men“, also meist junge Männer, die sich als unfreiwillig sexuell erfolglos sehen.
In dieser Online-Subkultur heterosexueller Männer wird unter anderem Frauenhass propagiert. Oft geht es darum, sich ein Gefühl der Überlegenheit zu verschaffen und die Überzeugung zu gewinnen, dass man auf dieser Basis beispielsweise Frauen dominieren könne.
Viele hätten die Überzeugung, sie müssten an ihren Körper ran, da sie anderweitig ihre Unzufriedenheit nicht verändern könnten, erklärt Miesenberger.
Vom Eincremen bis hin zum Knochenbrechen
Der Prozess des Looksmaxxing durchläuft mehrere Stufen. Er beginnt mit dem sogenannten Softmaxxing. Dazu gehört die Körperhygiene, beispielsweise das Zähneputzen oder Eincremen, und es geht weiter mit dem Mewing. Dabei drückt man die Zunge an den Gaumen, in der Hoffnung, dass sich dadurch der Unterkiefer nach vorne schiebt.
Am oberen Ende der Treppe befindet sich das Hardmaxxing. Dazu zählen etwa die Tipps des Influencers Clavicular. Er heißt eigentlich Braden Eric Peters und ist einer der bekanntesten Akteure in diesem Bereich.
Peters propagiert Steroide für den Muskelaufbau, die Droge Crystal Meth als Appetitzügler im Rahmen von Diäten und das sogenannte Bone Smashing. Letzteres meint, dem Kieferknochen mit einem Hämmerchen Minifrakturen zuzufügen, damit die Kinnlinie – Jawline – ausgeprägter wird.
Gesundheitlich bedenklich – und politisch
Der Arzt und Psychotherapeut Dirk Stemper sagt, viele Methoden des Looksmaxxing seien „medizinisch höchst bedenklich“. Schlimmer sei jedoch, was emotional dahinterstecke. Es handele sich um „dysfunktionale Abwehrmechanismen“. Es werde versucht, Körperscham mit Äußerlichkeiten zu bekämpfen.
Die zugrunde liegenden Themen würden dann nicht angegangen, obwohl diese nachweislich mit erhöhter Angst, erhöhter Depressivität und sogar Suizidgefahr einhergingen.
Die Journalistin Caren Miesenberger beobachtet eine „sehr pessimistische Weltanschauung“. Es gebe durchaus Bezüge zum Nihilismus.
Dass Looksmaxxing weit mehr ist als ein Fitnesstrend und das Streben nach einem Schönheitsideal, wird auf Tiktok deutlich, sagt Jakob Ganslmeier. Er hat sich künstlerisch mit dieser Szene beschäftigt. Dort vergleichen sehr viele junge Männer ihre Gesichtszüge mit denen der faschistischen Statue „Bereitschaft“ von Arno Breker. Breker, einer der Lieblingskünstler Adolf Hitlers, schuf diese Statue im Jahr 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Der Psychotherapeut Stemper sieht ein weiteres bedenkliches Element des Looksmaxxing: die „biologistische Frauenfeindlichkeit, die hinter dem Körper versteckt ist“. Dieser Anti-Feminismus stammt aus der sogenannten Manosphere. Unter diesem Begriff sammeln sich Anhänger der Alt-Right-Bewegung sowie sogenannte Pick-up-Artists, also vermeintliche Profi-Aufreißer und Frauenhasser. Ihre Überzeugung: Wer körperlich überlegen ist, kann Frauen besser unterdrücken.
Looksmaxxing hat aber auch eine weitere politische Dimension. Die durchtrainierten Körper stünden für „einen starken Mann“ und damit auch für „eine starke Nation“, erklärt die Journalistin Miesenberger. Das habe „etwas sehr Militärisches“.
Außerdem gebe es einen Schulterschluss von Influencern der Looksmaxxing-Szene mit klar rechtsextremen Personen. So verwendet etwa Clavicular rassistische Sprache.
In einem viralen Video aus dem Januar 2026 feiert der Influencer zu dem Song „Heil Hitler“ von Ye, ehemals Kanye West. Mit dabei waren der britische, rechtsextreme Influencer Andrew Tate und der US-Influencer Sneako. Letzterer komme „ganz klar aus der Manosphere“, so Miesenberger. Auch mit dem rechtsextremen US-Aktivisten Nick Fuentes unternimmt Clavicular gemeinsame Aktionen.
Influencer normalisieren Begriffe und Denkweisen, die ursprünglich aus extremistischen oder misogynen Foren stammen. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen harmloser Selbstoptimierung und ideologischer Radikalisierung. Die Zielgruppe sind etwa unsichere junge Männer, die nach Orientierung, Zugehörigkeit oder Selbstwert suchen.
Ursachen: ignorierte Propaganda und Gewinninteressen
Laut Psychotherapeut Dirk Stemper sind Influencer wie Andrew Tate und Phänomene wie Looksmaxxing Symptome der neoliberalen Gesellschaft, der es an sozialer Fürsorge fehlt. Sie lasse den Einzelnen mit seinen Ängsten allein. Jugendliche springen laut Stemper auch auf das Looksmaxxing auf, weil ihnen andere Narrative fehlen, mit denen sie sich identifizieren können.
Rechte Propaganda sei zudem lange Zeit von der Gesellschaft ignoriert worden, kritisiert der Künstler Jakob Ganslmeier. Erst seit den Europawahlen 2024, bei denen deutlich wurde, dass immer mehr junge Menschen rechts wählen, werde sie ernst genommen.
Die Radikalisierung über Körperbilder sei kaum aufzuhalten, unterstreicht die Journalistin Miesenberger – solange soziale Netzwerke schockierende Inhalte belohnen, daraus Kapital schlagen und sie damit verstärken. Die Aktivität dieser Streamer, Aktivisten und Influencer sei „eng verknüpft mit dem Verdienen von sehr viel Geld“.
Strategien gegen toxische Männlichkeitsbilder
Um gegen frauenfeindliche und teils auch gewaltverherrlichende Männlichkeitsbilder vorzugehen, gibt es unterschiedliche Ansätze. Caspar Weimann, Professor für Schauspiel, hat beispielsweise mit seinem Theaterkollektiv onlinetheater.live eigene Männlichkeitsvideos gedreht und auf TikTok gepostet. Die Videos folgen dem Stil und der Optik der Männlichkeits-Influencer, haben aber Inhalte, die für eine „moderne, empathische und sensible Männlichkeit“ werben.
Mit dem dreimonatigen Projekt sollte getestet werden, ob man junge Männer mit den ästhetischen Codes der Szene erreichen kann. Laut Weimann ist das gelungen. Auf Social Media brauche es Gegenentwürfe zu Vorstellungen toxischer Männlichkeit.
Auf diese setzt auch der Ansatz „Peer-to-Peer“. Er funktioniere gut, erklärt Michael Tunç, Professor für Sozialarbeit. Gerade bei Jugendlichen und jungen Männern mit Migrations- oder Fluchthintergrund, die in Debatten um toxische Männlichkeit oft im Fokus stehen, funktioniere er gut.
Bei „Peer-to-Peer“ arbeiten nur wenig ältere Männer mit jungen Männern. „Es geht darum, dass die männlichen Jugendlichen eine gleichberechtigte Männlichkeit kennenlernen, als Gegenentwurf zu gewaltlegitimierenden und gewaltnahen Männlichkeiten, die manchmal auch mit dem Stichwort Ehre verbunden sind.“ Wichtig sei, die Jugendlichen zu empowern und zu kritisieren.
Das Projekt „Brücken, die uns näher rücken“ in Sachsen dreht sich um Begegnungen von Männern mit und ohne Rassismuserfahrung. Das Angebot für junge Männer zwischen 13 und 27 Jahren, die auf dem Land leben, soll Raum für die Reflexion von Geschlechterrollen schaffen.
Onlinetext: Annette Bräunlein






















