Soziale Medien verändern Blick auf den Körper

Alle glatt, strahlend, perfekt

30:25 Minuten
Eine Illustration zeigt eine Frau von hinten.Auf Ihrem Rücken ist eine Angel mit einem Smartphone angebracht.
Junge Menschen sehen ständig Bilder und werfen kritische Blicke auf die Körper anderer und auf den eigenen. © imago / fStop Images / Malte Müller
Von Julia Riedhammer · 02.12.2021
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Junge Menschen sind umgeben von Bildern. Und das lässt sie nicht unbeeindruckt. Besonders Pubertierende neigen dazu, sich zu vergleichen. Die Schönheitsideale in den sozialen Medien verändern ihr Körperbild - mit teils drastischen Folgen.
Noemi: „Sollen wir mal in mein TikTok gehen?“
Ella: „Ich folg dem auch.“
Noemi: „Ah wir müssen wieder Schlittschuh fahren.“
Ella: „Ja.“
Noemi: „Ihre Hose ist richtig cool, sie ist eh voll cool. Folgt ihr der nicht?“
Ella: „Nein.“
Clara: „Du folgst ihr auch nicht.“
Ella „Ja, ja, ja, weiß. ‚If I get pretty one day it`s over for you bitches.‘”
Ella, Noemi und Clara scrawlen durch die Posts auf TikTok. Die drei Mädchen sind zwölf Jahre alt und gehen in dieselbe Klasse. Jede hat ihr eigenes Smartphone. Sie sind auf Instagram, TikTok und Snapchat unterwegs, sehen sich Videos auf YouTube an.
Besonders seit Corona, sagt Noemi: „Also bei mir war es schon mehr als vor der Corona-Zeit, weil du wusstest nicht, was du den Tag über machen sollst. Dann hast du Schule fertig gehabt und konntest dich mit niemandem treffen und so. Deswegen war es bei mir auf jeden Fall mehr.“

95 Prozent der 10- bis 18-Jährigen auf Social Media

Wie Noemi geht es den meisten Jugendlichen. 95 Prozent der 10- bis 18-Jährigen nutzen Social-Media-Kanäle. Und während der Corona-Pandemie ist das mehr geworden. 2019 lag die durchschnittliche Nutzung noch bei ungefähr einer viertel Stunde am Tag. Im Jahr darauf bei einer knappen halben Stunde im Durchschnitt - also fast doppelt so lang.
“Viele Leute posten Stories. Das sind Sachen, die deine Follower für 24 Stunden sehen können. Das guckt man sich finde ich auch oft von seinen Freunden vor allem an“, sagt Clara.
Und Ella meint: „Also ich glaube es ist unterhaltend und es kommt natürlich auch darauf an, was für Videos das sind, aber es kann auch lustig sein.“
“Ja genau, weil man ist ja auch meistens sehr neugierig so und dann so Einschnitte im Leben von anderen Leuten zu haben, auch von berühmten Personen zum Beispiel oder so, ist natürlich auch dann sehr interessant“, meint auch Noemi.

Jugendliche sehen rund 5000 Bilder pro Woche

Schätzungsweise um die 5000 Bilder in der Woche bekommen Jugendliche so zu sehen. Sie teilen, kommentieren, fotografieren. Sie werfen kritische Blicke auf die Körper anderer und auf den eigenen. Sie produzieren und reproduzieren Bilder - im Sekundentakt.

Bücher zum Thema:
- Susie Orbach: “Bodies. Im Kampf mit dem Körper”, Arche Verlag 2021
- Jörg Scheller: “Body-Bilder”, Digitale Bildkulturen, Wagenbach 2021
- Laurie Penny: “Fleischmarkt”, Edition Nautilus 2012
- IZI und Anad e.V.: “Warum seh` ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext von Essstörungen”

Im September 2021 liefert die 37-jährige Francis Haugen Schlüsselinformationen über Facebook, die das Wall Street Journal veröffentlicht. Die Whistleblowerin und ehemalige Facebook-Mitarbeiterin berichtet auch von den psychischen Folgen, die die Nutzung der Plattformen auf Teenager hat.
„Da gibt es auch ein paar eindrucksvolle statistische Kennzahlen zu“, sagt Katharina Pilgrim. Sie ist Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Witten Herdecke. Für sie waren die Aussagen der Whistleblowerin keine Überraschung.
„Zum Beispiel sind 30 Prozent der Jugendlichen über ihr Äußeres besorgt. Jeder fünfte 11- bis 17-Jährige zeigt einzelne Symptome einer Essstörung, wie eben die Unzufriedenheit mit der Figur, dem Gewicht oder aber auch Heißhungeranfälle. 18 Prozent fühlen sich durch dieses Schönheitsideal unter Druck gesetzt. Das steigt auch jährlich an.“

Facebook weiß um negative Auswirkungen

Francis Haugen machte auch öffentlich: Der Konzern weiß bereits seit Jahren von diesen Folgen, hat sogar selbst eine Studie in Auftrag gegeben. Darin findet sich der Satz: „Wir verschlechtern das Körperbild bei einem von drei Mädchen im Teenager-Alter.“
„Das ist so ein bisschen das Henne-Ei Prinzip. Das ist abschließend noch nicht geklärt. Ob sich die Jugendlichen oder Kinder mit einer Prädisposition auf diese Plattform gezogen fühlen und gezielt diese Inhalte konsumieren und das diesen Zustand dann verschlechtert oder ob das tatsächlich der Auslöser ist“, sagt Katharina Pilgrim.
In ihrer Promotion hat sich Katharina Pilgrim mit sogenannten „Fit-spiration“ Beiträgen auf Social Media beschäftigt. In denen es also um Fitness, Körper und gesunde Ernährung geht.
„Wir wollten herausfinden, wie Fitness-Influencer zu Ernährung und Bewegung kommunizieren, da es ja in beiden Bereichen bei Kindern und Jugendlichen die Hauptzielgruppe sind und auch die Hauptnutzergruppe in Deutschland mit aktuell neun Millionen Nutzerinnen beschreibt, wie diese Fitness-Influencer zu Ernährung und Bewegung kommunizieren und welches Körperbild sie auf welche Art und Weise vermitteln.“

Fitness-Influencer mit einheitlichem Körperbild

Für ihre Studie untersuchte die Gesundheitswissenschaftlerin je 20 Beiträge der Top 50 Fitness-Influencer aus Deutschland.
„Dort haben wir dann geschaut, was wird auf den Bildern gezeigt? Sowohl Ernährungsrelevante Items, aber auch der Körper. Wie wird er abgebildet? Das heißt, wie sind die Personen gekleidet. Was tun sie? Wie viel Haut wird gezeigt, wie viel Muskeln werden auch gezeigt?“
Das Ergebnis: Fitness-Influencer vermitteln ein sehr einheitliches Körperbild.
„Es geht um sichtbare Muskulatur. Es geht aber auch um Femininität, also um sichtbare weibliche Rundungen, gleichzeitig also um einen sehr disziplinierten Lifestyle, der dahintersteckt, aber trotzdem noch die Sexualisierung des Körpers gleichzeitig in den Mittelpunkt rückt. Weil Sex sells.“

Perfekt durchtrainiert

Sportleggings, bauchfreies Top, lange blonde Haare - eine perfekt durchtrainierte Frau lacht einem entgegen, wenn man das Instagram-Profil von Adrienne Koleszár öffnet. Die „Bild“-Zeitung hatte sie vor ein paar Jahren als „Deutschlands heißeste Kommissarin” auf dem Cover. Mit einem Strandfoto, das sie von hinten im Bikini, mit Blick über die Schulter zeigt. Das machte die heute 37-Jährige berühmt, brachte ihr über eine halbe Million Follower.
„Im Prinzip bin ich eine Influencerin. Genau das kann man so sagen“, sagt Adrienne Koleszár.
Heute lebt sie von ihrer Arbeit als Influencerin, den Job bei der Polizei hat sie gekündigt: Sie reist viel, macht Werbung, erzählt aus ihrem Leben – und verbindet das eine mit dem anderen.
„Wir haben da richtig Bock, auch coole Sachen umzusetzen und man verbindet halt so touristische Sachen, also Dinge, die man in Mexiko sich sowieso angucken will, mit ein paar Fotos, macht noch ein paar schöne Videoaufnahmen. Am Ende des Tages freut man sich halt über so ein richtig geiles Moody Video, was man dann eben zum Beispiel in die Story postet oder eben als Reel. Ja, es macht mir Spaß, macht doch schon Spaß.“

Hashtags wie „Fitness“, „Travel“, „Workoutplan“

Und davon erzählt ihr Account: Adrienne Koleszár auf dem Korbstuhl, beim Bilderaufhängen, im blauen Meer stehend. Immer perfekt inszeniert, immer mit perfektem Body. Versehen sind die Bilder mit Hashtags wie „Fitness“, „Travel“, „Workoutplan“, „Gymmotivation“.
„Also ich bin für viele, ich sage jetzt mal bewusst Frauen so ein Vorbild, dass man quasi auch noch über 30 und damals noch im Schichtdienst einfach krass motiviert sein kann, dass man einfach ehrgeizig sein kann, dass man in jeder Lebenslage irgendwie eine Kämpferin sein kann. Ich glaube, dafür stehe ich.“
Das kommt an. Ihre Follower wollen wissen, woher das tolle Kleid ist, ob ihr Freund Rick das Video gedreht hat, oder wünschen sich, „einfach nur in den nächsten Flieger2 zu steigen, um wie ihr Idol Adrienne reisen zu können. Dieser persönliche Austausch gehört zum Job. Vertrauen herstellen ist wichtig, nur so ist man glaubhaft. Und so spricht die 37-Jährige auch offen über ihre Schönheitsoperationen. 
“Ich möchte ehrlich sein. Ich möchte authentisch sein. Ich will den Leuten nichts vorspielen. Das ist… ich kann es einfach nicht.“

Summen der Werbeeinnahmen sind enorm

Welche Folgen die Operationen auf ihre Fangemeinschaft haben, scheint dabei für sie keine Rolle zu spielen. Denn es geht um etwas anderes: Als Influencer verdient man Geld mit Werbung. Doch nur wer glaubhaft ist, wer ankommt, wem man vertraut und viele Follower hat, bekommt auch Werbeverträge. Ein Fitnessriegel hier, ein Kleidungsstück da. Adrienne Koleszár bewirbt so allerhand.  
„Die Summen, die dort von Kooperationspartnern gezahlt werden, sind schon enorm. Das heißt, übergeordnet steht natürlich das Ziel, das Generieren von Einnahmen“, sagt Katharina Pilgrim. Und der Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V gibt ihr Recht: Allein im deutschsprachigen Raum erwirtschaften Influencer heute gut eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. Denn jeder fünfte hat schon Mal ein Produkt auf Empfehlung eines Influencer gekauft.
„Und das kann man auf zwei Wegen quasi erreichen. Und zwar indem man Werbung positioniert in seinen Beiträgen oder indem man eben seine eigene Attraktivität und Vertrauenswürdigkeit stärkt, sodass dann die Empfehlung, die abgegeben werden ohne Produktplatzierung, eventuell im Nachgang sogar auch von Eigenmarken. Das sieht man ja auch immer stärker, dass sehr große Accounts eigene Produkte auf den Markt bringen, dass die dann konsumiert werden.“
Dass diese Werbung so effizient ist, hat vor allem damit zu tun, dass die Menschen sich mit ihren Idolen identifizieren. Sich in ihren Bildern wiederfinden. 
Ella: „Charlie de Amilio, ich finde…“
Clara: „… das Kleid ist richtig schön.“
Noemi: „Sie ist immer hübsch.“

Bilder prägen unsere Vorstellung vom Ich

Bilder tragen ganz wesentlich zu der Vorstellung von dem bei, wer wir sind. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan beschrieb in seiner berühmten Abhandlung „Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion”, was es schon für das Kleinkind bedeutet, sich im Spiegel zu sehen und zu erkennen: Das bin ich.
„Das ist das ursprüngliche Abenteuer, in dem der Mensch zum ersten Mal die Erfahrung macht, dass er sich sieht, sich reflektiert und sich als anders begreift, als er ist. Die wesentliche Dimension des Menschlichen, die sein ganzes Fantasieleben strukturiert.”
– Nachzulesen in Jacques Lacan: „DasSeminar von Jacques Lacan, Buch 1 (1953-54)“.
Sich selbst als Bild wahrzunehmen ist also eine einschneidende Erfahrung.

Mädchen sehen eher Defizite

„Fotografien als auch Spiegelbilder von mir, sind natürlich das Bild, das man als mentale Repräsentation von sich aufbaut. Wenn sich jemand auf dem Spiegel anschaut und dann auf bestimmte Bereiche schaut, ist das natürlich das, was eben dann auch im Gedächtnis bleibt und das Bild, das die Personen von sich selbst haben, formiert.“
Silja Vocks leitet das Fachgebiet Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Osnabrück. Ihr Forschungsschwerpunkt sind Essstörungen und hier insbesondere der Aspekt der Körperbildstörung. Sie hat die Augenbewegungen von Essgestörten und gesunden Mädchen miteinander verglichen, während sie ihren Körper betrachten.
Eine Illustration zeigt Jugendliche, die gemeinsam einen Vlogger auf einem riesigen Bildschirm eines Smartphones ansehen.
Durch Social Media haben sich die Möglichkeiten des Vergleichens vervielfacht.© imago / fStop Images / Malte Müller
„Und was sich da gezeigt hat, ist das Mädchen mit Anorexia nervosa, das heißt, diejenigen, die ihr niedriges Gewicht durch Diät halten, erreichen, dass die eben ein sehr defizitorientiertes Betrachtungsmuster des eigenen Körpers zeigen. Das heißt, sie gucken vor allen Dingen auf die negativen Bereiche im Vergleich zu einem gesunden Mädchen, die ein etwas ausgewogeneres Blick-Bewegungsverhalten gezeigt haben.“

Blickverhalten bei Jungen ist eher ausgeglichen

Auffällig sei dabei auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern, betont Silja Vocks. Während Mädchen generell eher auf die Bereiche schauen, mit denen sie unzufrieden sind, ist das Blickverhalten bei Jungs eher ausgeglichen. Sie haben sowohl negative wie auch positive Bereiche im Blick.
„Wobei sich auch hier eine Entwicklung abzeichnet. Das heißt, dass bei Jungen auch die Körperunzufriedenheit durchaus steigt. Hier geht es gar nicht so sehr um Schlankheit wie bei den Mädchen, sondern auch eher um das Thema Muskularität. Das heißt, dass man eben auch einen definierten Körper haben möchte. Aber nichtsdestotrotz ist der Körper oder das Aussehen bei den Frauen und Mädchen auch häufiger relevanter als es beim männlichen Geschlecht ist. Und man kann auch spekulieren, dass Mädchen auch mehr Anerkennung aufgrund ihres Aussehens bekommen.“
Anerkennung durch Klicks und Likes auf dem eigenen Account – auch das gehört dazu. Das ständige Feedback hinterlasse besonders bei Jugendlichen einen starken Eindruck.

Pubertierende vergleichen sich besonders häufig

„Es ist natürlich ein sehr fragiles Selbstwertgefühl, was die Personen in der Zeit haben, der Körper entwickelt sich in der Pubertät. Man muss sich erst mit dem eigenen Körper anfreunden. Die Personen sind maximal unsicher, was den eigenen Körper angeht.“
Darum vergleichen sich gerade Jugendliche besonders häufig mit anderen – im realen Leben oder eben mit Bildern auf Social Media.
„Diese Vergleichsprozesse sind meistens aufwärtsgerichtet. Das heißt, man guckt meistens auch auf das, was positiver ist als man selbst oder vermeintlich positiver als das, was negativer ist. Das führt natürlich dazu, dass die Person dann zwangsläufig schlechter abschneiden.“
Durch Social Media haben sich die Möglichkeiten des Vergleichens vervielfacht. Jugendliche vergleichen sich jetzt mit Models wie Kylie Jenner, dem US-amerikanischen TikTok-Star, mit Charly de Amilio, der Fitness-Bloggerin Sophia Thiel oder eben deren männlichen Äquivalenten. Also oft mit Menschen, die Schönheitsideale bedienen, denen nur eine oder einer von 40.000 entspricht.

Studentin auf Instagram über ihre Essstörung

Sich ständig mit anderen zu vergleichen, das spielt auch für Isabelle eine große Rolle.
„Bilder bieten ja einen direkten Raum für Vergleiche. Es kommt auf die Art und Weise des Bildes an. Aber wenn jetzt bewusst essgestörte Menschen Bilder posten, dann ist glaube ich der erste Gedanke, wenn man selbst mit dieser Thematik Berührung hat, der Vergleich.“
Isabelle, die nur mit ihrem Vornamen genannt werden möchte, leidet an einer Essstörung. Auf Instagram hat die Psychologiestudentin einen Account, auf dem sie unter dem Namen „lifeof.isi“ postet, wie es ihr geht, was sie isst, auch wenn sie im Krankenhaus ist. Es sind ästhetische Bilder begleitet von Texten, in denen die junge Frau auch von ihren Tiefpunkten erzählt. 
„Um da einfach nicht alleine zu sein, um irgendeine Art von Unterstützung zu haben. Dass ich nicht mit dieser ganzen Thematik alleine unterwegs war.“

Instagram als gefährlicher Ort für Erkrankte

Über 6000 Abonnent*innen hat Isabelle im Dezember 2021 auf Instagram. Sie schreiben Sätze wie: „Ich wünsche dir Kraft, das gerade auszuhalten”, „Ich fühle so mit dir! Geht mir ähnlich” oder: „Danke dir, dass du diese Gedanken teilst.“ Und dennoch spielt Isabelle immer wieder mit dem Gedanken, sich komplett von Instagram abzumelden.
Sie findet, „dass es prinzipiell für gerade erst Erkrankte ein sehr gefährlicher Ort ist, also ein sehr, sehr gefährlicher Raum, in dem die sich dort bewegen können.“, sagt sie.
„Naja, es ist die Frage, wofür man sich interessiert oder in welche Richtung man gehen möchte. Gerade natürlich in Bezug auf Essstörungen. Ob man das nutzen möchte, um sich irgendwie triggern zu lassen oder ob man das als Unterstützung nutzen möchte.“

Bilder, die triggern

Triggern, also negative Reize geben, können zum Beispiel solche Bilder wie sie unter dem Hashtag Bikinibridge gepostet werden. Da findet man Fotos von Frauen, deren Hüftknochen so weit herausstehen, dass sie wie eine Brücke den Bund der Bikinihose vom Bauch weghalten. Unter dem Hashtag „Collarbonechallenge” zeigen extrem schlanke Menschen, was sie alles auf ihren Schlüsselbeinen stapeln können. Einen Lippenstift zum Beispiel oder eine ganze Reihe von Münzen.
Triggern könne grundsätzlich alles, sagt Isabelle: „Spätestens wenn man ein Bild sieht, wo eine stark untergewichtige Person ist und man irgendwie merkt wie Gedanken aufkommen, ‚ach Mensch, so dünn wäre ich gerne‘. Oder wenn jemand teilt, er macht jeden Tag drei Stunden Sport. Dass man sich das irgendwie als falsches Vorbild nimmt oder als falsche Realität und sich sagt: ‚Okay, so muss es sein, so macht das anscheinend jeder auf Instagram.‘“

Menschen "entwickeln" eine Essstörung

Fachleute wie die Psychologin Silja Vocks sprechen davon, dass Menschen eine Essstörung „entwickeln”. Dass es ein Prozess ist, bei dem bestimmte Verhaltensmuster erlernt werden. 
„Was wir auch wissen ist, dass der Einfluss der Botschaften aus den sozialen Medien größer ist, wenn die Person eher ein fragiles Selbstwertgefühl hat oder eine Körperbildstörung. Das heißt gerade die Personen, die sowieso schon Schwierigkeiten mit diesen Themen haben, die zeigen oft deutlich negativere emotionale Reaktionen auf die Bilder. Und das macht es natürlich auch so schwierig, weil gerade diese vulnerable Personengruppen dann natürlich noch einen deutlicheren Effekt zeigen auf diese Konfrontation mit den Botschaften aus den sozialen Medien.“
Früher, erzählt Isabelle, hätten sie auch Fitness-Influencer interessiert, die Ernährungstipps geben und Tipps, den eigenen Körper zu formen und zu gestalten, die verheißungsvoll versprechen: ‚Auch Du kannst so aussehen wie ich.‘
„Denen bin ich schon bewusst ent-folgt und ich folge, glaube ich, gar keinem Account mehr, der dieses ‚Ich gehe jeden Tag ins Fitnessstudio und so weiter‘ thematisiert, weil ich einfach gemerkt habe, dass mich das negativ beeinflusst und mich unter Druck setzt. Irgendwie auch jetzt irgendwie Sport machen zu müssen und mich gesünder zu ernähren, weil dann natürlich auch die gesunde Ernährung neben der Fitness im Vordergrund steht und ich das einfach nicht möchte.“

Hilfe im Versorgungszentrum für Mädchen

„Jetzt sind wir auf dem Weg in den sensibelsten Bereich, wir sprechen hier von der Pocci 1, weil wir in der Pocci-Straße sind und hier haben wir die Jugendlichen, das heißt, sie sind von jetzt sage ich mal 12 bis 18 Jahren. Und hier gibt es auch 24-Stunden-Betreuung und das an 365 Tagen im Jahr.“
Sabine Dohme führt durch die Räume von Anad e.V. einem Versorgungszentrum für essgestörte Mädchen und Frauen in München. Wer akut Hilfe braucht und einen Platz bekommt, kann hier für einige Wochen oder Monate betreut wohnen.
„Hier ist so ein kleiner Aufenthaltsraum, da dürfen wir jetzt mal reinschauen. Hier können sich die Jugendlichen aufhalten, Freizeit gestalten, Musik hören, Klavier spielen etc…“

Was stimmt da eigentlich nicht mit Social Media?

Gerade startet Anad e.V. ein medienpädagogisches Projekt. Der Verein bekommt Unterstützung vom Netzwerk „Interaktiv“ und dem Jugendamt München.
„Total schön, dass wir jetzt hier zusammensitzen.“

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Die Bewohnerinnen wollen gemeinsam mit zwei Medienpädagoginnen und einer Psychologin einen Instagram-Kanal ins Leben rufen.
„In dem Projekt soll es so grob darum gehen, dass wir sozusagen mit unserer Unterstützung euch ein bisschen über Medien und Medienpädagogik aufklären. Wie ist der Umgang in den ganzen Social-Media-Kanälen? Und genau da so einen Blick mal draufhaben: Was stimmt denn da eigentlich mit Social Media und was stimmt nicht? Und auch so ein bisschen in der Hinsicht gerade wie beschäftigt euch vielleicht das ganze Thema Social Media und gerade auch verschiedene Bilder, die dort gepostet werden?“

Den Hunger stillen auf Instagram

Fünf junge Frauen sind gekommen. Sie sitzen in einem Kreis und hören aufmerksam zu. Auch als Sophie erzählt, wie sie Social Media nutzt.
„Also gerade in der Hochzeit, wo es wirklich schlimm war, habe ich auch vor allem Instagram genutzt, gerade auch, um mich zum Beispiel zu inspirieren. Was das Essen angeht. Es gibt auch verschiedene Influencer, die wirklich von der Figur her das sind, was eben eine Essstörung anstrebt.“
Ihr Handy hat Sophie während des Workshops zwischen ihre Knie geschoben. Immer wieder brummt es, weil neue Nachrichten ankommen.
„Es war dann gerade auch eben zum Beispiel, ich sage mal hilfreich für den Hunger, weil ich eben das Essen online einfach nur angeschaut habe und dann war das immer so, wenn er drankam. Dann bin ich lieber auf Instagram gegangen.“

Was ist fake und was ist real?

Apps, Filter und Photoshop - was ist fake und was ist real? Immer wieder kommt dieses Thema im Laufe des Workshops zur Sprache. Wenn Pickel und Falten einfach verschwinden, Haare voluminös und Lippen voll aussehen, dann verändert das auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers.
Rebecca Eschenbacher, Medienpädagogin, fasst es so zusammen: „Also irgendwie schraubt es die Erwartungen so hoch, dass man da irgendwie von der Realität nur noch enttäuscht sein kann.“
In Frankreich ist die Kennzeichnung von bearbeiteten Fotos schon seit einigen Jahren Pflicht. Im August 2021 hat auch Norwegen ein solches Gesetz eingeführt. Dort gilt: Retuschierte Bilder auf Social-Media-Plattformen müssen gekennzeichnet werden - vor allem, um Kinder und Jugendliche vor unrealistischen Schönheitsidealen zu schützen.

Hashtags wie "no fat" als Falle

Die Macht der Bilder, bei der 34-jährigen Steffi hat sie auch gewirkt - schon vor Instagram und Co.
„Da langt auch das altmodische TV oder sonst was. Es ist tatsächlich so, je nachdem was man guckt oder auch ob man nur bei Google jede Menge Nährwert-Tabellen findet. Da fängt es einfach an. Oder diese Rezepte mit Low-Carb und das ist einfach schwierig.“
Hashtag low carb diet, hashtag no fat, hashtag no sugar - egal ob auf Snapchat, TikTok, Twitter oder Instagram, diese Suchbegriffe seien überall - und könnten zu Fallen werden, glaubt auch die 19-jährige Tally.
„Ich war 14 und dann kam Hashtag Avocado-Diät und das habe ich auch mitgemacht. Und seitdem habe ich die Anämie. Also, es ist einfach auch gefährlich, überhaupt Essen zu posten, der Hashtag Fitness heißt. Ich würde sagen, auch das sollte man vermeiden, aber das kann man nicht vermeiden, weil das einfach Business ist. Und das ist ein großes, großes Geld.“

Aufgepumpte Körperteile aus Keramik

Selbstoptimierung und der immer strengere Umgang mit unserem Körper. Das interessiert auch die Künstlerin Jantje Almstedt. „Become the best version of yourself” -  so hat sie ihre Ausstellung in Halle an der Saale genannt, in der sie sich mit den Körperbildern von Bodybuilder*innen beschäftigt. Passend dazu erfüllt der Klang eines Fitnessstudios den Ausstellungsraum.
„Die Installation besteht quasi aus Skulpturen, aus Körperfragmenten von extrem aufgepumpten Muskelmassen, die sozusagen in sich schon einen sehr starken Innendruck haben und gleichzeitig aber eben durch diese Fitness-Bänder eingeschnürt werden.“
Aus Keramik hat Jantje Almstedt aufgepumpte Körperteile geformt. Sie sind an Turnstangen befestigt, die schief im Raum stehen. Therabänder, die beim Fitnesstraining verwendet werden, fixieren die Skulpturen.
„Der Körper ist oder wird sozusagen zu seinem ersten Aushängeschild. Das, was wir von uns zeigen. Mit dem wir diesem Körperideal nachstreben, einen möglichst schlanken, durchtrainierten, fitten, geradezu super gesunden Körper haben, der ausdrückt, ich bin quasi immer bereit, ich bin stark, ich bin leistungsfähig, ich bin total diszipliniert, ich habe mich voll unter Kontrolle. Das sind alles Werte, die momentan für eine sehr kapitalistische, strukturierte Gesellschaft sehr wichtig sind, weil es ja auch bedeutet, ich bin quasi jederzeit für den Arbeitsmarkt frei verfügbar.“

Den Bildern entsprechen wollen

Auf Social-Media-Plattformen hat die Künstlerin recherchiert, wie Bodybuilder*innen ihre Körper präsentieren, wie sie ihre Trainingseffekte auf Instagram zeigen und wie sie täglich an einer noch besseren Version ihrer selbst arbeiten. Alle glatt, strahlend, perfekt.
„Also ich denke, es entsteht ein Druck zum einen durch Idealbilder, die wir gesellschaftlich haben. Und dieser Druck wirkt sozusagen von außen auf uns. Und wir haben diese Bilder so in uns aufgenommen, dass es halt zu einem inneren Druck führt. Also dass wir sozusagen den Druck verspüren, eben diesen Bildern entsprechen zu wollen, weil wir das dann koppeln mit okay, wir werden sozusagen nur als leistungsstark, als positiv, als liebenswert wahrgenommen, wenn wir halt diesen Bildern entsprechen.“
Dazu passt eine Studie der WHO, der Weltgesundheitsorganisation: Nach der schon 25 Prozent aller 15-jährigen Mädchen eine Diät machen oder versuchen, anderweitig abzunehmen. Und die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach gibt zu bedenken: „Wir werden 2000 bis 5000 Mal pro Woche mit Bildern digital manipulierter Körper konfrontiert.“ Bilder, die sich auch die jungen Frauen der Wohngruppe noch mal genauer anschauen.

Den eigenen Körper schön finden

„Das ist ganz schön, weil man sieht den Kontrast, das ist ein super bearbeitetes, super geposedes Foto und später kommen dann halt solche, wie sie zeigt: ‚Okay, wie sehe ich aus, wenn ich vorm Fernseher lieg. Und so kann ich aussehen, wenn ich mich drum kümmere‘, man glaubt nicht, dass es ein und dieselbe Person ist. Und das finde ich ganz gut, dass sie das wirklich so machen.“
„Bodypositivity“, also den eigenen Körper schön finden, so wie er ist, davon sprechen auch die jungen Frauen immer wieder. Dazu gehört auch, dass sich Werbung langsam verändert und unterschiedliche Körperbilder zeigt.
Trotzdem gibt die Psychologin Silja Vocks zu bedenken: „Wenn natürlich dieses Ideal vielfältiger ist, dann ist die Diskrepanz vielleicht gar nicht so groß zwischen einem selbst und dem Ideal, das man aufbaut. Aber das ist alles immer noch sehr körperzentriert und sieht den Körper immer noch als Objekt an, das man bewerten muss, auch wenn die Maßstäbe dann vielleicht einfach andere sind. Aber es ist trotzdem ein Objekt, das bewertet werden muss.“

Wegkommen vom Idealbild

Genau das ist es, was die Mitarbeiterinnen von Anad e.V. thematisieren möchten. Zusammen mit den jungen Frauen überlegen sie, wie ihr Account aussehen könnte.
„Ich finde es zum Beispiel bei dem Account jetzt wichtig, nicht wieder irgendein Bild zu hinterlassen, was dann wieder gesund wäre. Ja, allein das ist sehr viel wert, dass man offen ist von diesem ‚man muss so durchhusseln durchs Leben‘. Es darf nicht irgendwie mal rechts und links oder mal einen Irrweg geben, dass man da wegkommt davon. Denn das ist relativ ungesund, wenn man nur dieses Idealbild sieht vom Leben.“
Jantje Almstedt hat noch eine zweite Ausstellung in Leipzig, die wie ein Gegenstück zu den aufgepumpten Hochleistungskörpern wirkt. Der Ausstellungsraum ist hell erleuchtet. Von der Decke hängen zwei Meter lange Stoffbahnen, auf denen riesig vergrößert Nahaufnahmen von Körpern zu sehen sind.
„Und zwar Körper, Nahaufnahmen, die ganz natürliche Körper sozusagen darstellen, also mit allem Drum und Dran, mit Härchen und Fältchen und auch Fett und Muskeln und Knochen und allem, was Körper an sich haben.“

Gewöhnung an gefilterte Schönheitsideale

Dabei sind die Körperbilder so nah, so real, dass man sie kaum noch als solche erkennen kann. Denn so sehr haben wir uns an gefilterte Schönheitsideale gewöhnt.
„Diese Körper, die wir da sehen, sind halt meistens eben völlig glatt bearbeitet und eben ganz anders als die Körper, die ich jetzt hier zeige, obwohl ja eigentlich unsere alltägliche Erfahrung viel näher an diesen Körperbildern sind, die hier jetzt hängen. Also wir alle erleben ja in unserem eigenen Körper einfach Falten und Haare und Fett und irgendwelche Dellen und Volumen und Linien und Punkte und alles Mögliche und eben nicht so eine ganz glatte Künstlichkeit.“
Jantje Almstedt stellt immer wieder das Konstrukt von Schönheit in Frage. Sie zoomt so nah ran und schaut so genau hin, dass plötzlich schön ist, was sonst kritische Blicke erntet. Was zeigt: Bilder können auch heilen.

Sich selber akzeptieren lernen

Genau hinzuschauen und Details wahrnehmen, darum geht es auch in der Körperbildtherapie, erklärt Liane Hammer: „Da geht es natürlich darum, sich auch mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen und ihn so anzunehmen und lieben zu lernen, wie er ist. Wir machen teilweise Videos und schauen uns die zusammen an. Es gibt Spiegel-Übungen, die man machen kann. Es ist ein ganz, ganz essenzieller Teil der Therapie und das ist, glaube ich, mit das Schwierigste für eine Patientin mit einer Essstörung, sich selber so zu akzeptieren, wie sie ist. Letztendlich geht es darum, tatsächlich sich so anzunehmen, wie man ist.“
Den eigenen Körper annehmen. Jugendliche stärken. Aufklären, über Filter, Vergleiche und Vorbilder. Eine Studie des Robert Koch-Instituts, herausgegeben im September 2020, hat gezeigt, wie wichtig ein gutes Verhältnis zu den Eltern ist: dass sie miteinander im Gespräch bleiben.
„Wichtiger wäre es mir, dass in den Familien, in den Institutionen, in der Schule, im Kindergarten dahingehend gearbeitet wird: ‚Brauche ich Instagram? Muss ich mich da vergleichen oder wie kann ich mich auch abgrenzen?‘ Und das ist denke ich etwas, was halt auch zu wenig passiert. Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die müssen halt an die Hand genommen werden“, sagt Liane Hammer.

Wer das Gefühl hat, an einer Essstörung zu leiden oder sich zum Thema beraten lassen möchte, sollte nicht zögern, Hilfe anzunehmen. Eine Übersicht über Hilfsangebote bietet der Bundesfachverband Essstörungen e.V., der sich auch mit dem Einfluss von sozialen Medien auf das Essverhalten und die Selbstwahrnehmung beschäftigt.

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