Schönheits-OPs
Spritzen mit Botox oder Hyaluron sind oft der Einstieg in invasive Schönheitsbehandlungen. © picture alliance / Chromorange / Michael Bihlmayer
Zweifelhafte Selbstermächtigung
04:14 Minuten

Jede vierte Schönheits-OP bei unter 30-Jährigen im vergangenen Jahr wurde offenbar durch Social Media motiviert. Die Eingriffe werden als weibliche Selbstermächtigung geframt, gesundheitliche Risiken oft verschwiegen. Wie feministisch ist das?
Hieß es nicht bis vor Kurzem noch, es lebe die „Body Positivity“ – also eine Haltung, die die Akzeptanz aller Körper unabhängig von Größe, Form oder Geschlecht vertritt? Wenn man sich durch die Sozialen Medien swipt und scrollt, könnte man leicht auf die Idee kommen, damit sei es vorbei: Überall makellose Körperbilder, auch dank KI und unzähliger Schönheitsfilter.
Influencerinnen werben für chirurgische Eingriffe
Ein wahnsinniger Druck zur Selbstoptimierung geht von diesen Bildern aus: So ertappe ich mich dabei, wie ich vor dem Spiegel stehe und über Faltencreme, Lymphdrainage-Roller und eingefallene Wangen nachdenke. Plattformen wie Instagram oder Tiktok servieren praktischerweise die vermeintliche Lösung gleich mit: Influencerinnen bewerben Kliniken, Rabattcodes und sogenannte „Glow-ups“ durch ästhetisch-plastische Eingriffe, also positive Veränderungen, mit denen ein „Aufblühen“ des Selbstwerts und der Attraktivität erreicht werden soll.
Auch Beauty-Kliniken selbst haben inzwischen reichweitenstarke Accounts und werben dafür, „nicht anders, sondern wie die beste Version von sich selbst auszusehen“. Daneben klären Fachärztinnen wie eine gewisse Frau Dr. Buschmann in kurzen Videos über angebliche Hyaluron-Mythen auf und postulieren: „Deine Frau will keine Blumen zum Frauentag, sondern Botox!“
Schönheits-OP als Lifestyle-Entscheidung
Die Clips sprechen bewusst eine junge Zielgruppe an und präsentieren Operationen als Lifestyle-Entscheidung und Akt der Selbstermächtigung: Unzufriedenheiten mit dem eigenen Körper würden endlich „aus der Tabuzone“ herausgeholt werden. Diese Strategie zieht: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie wurde im vergangenen Jahr jeder vierte Eingriff bei unter 30-Jährigen durch Social Media motiviert.
Und warum auch nicht, meinen viele – darf nicht jede Frau mit ihrem Körper machen, was sie will? Schon, aber man sollte dabei nicht ausblenden, dass die plastische Chirurgie ein milliardenschwerer Markt ist, der auch davon lebt, dass systematisch Frauen über ihr Äußeres verunsichert werden. Hinzu kommt, dass Beiträge, die Schönheits-OPs propagieren, häufig nicht als Werbung gekennzeichnet sind. Und dann werden auch die Risiken oft verschwiegen – dabei sind die Eingriffe keineswegs harmlos: Der stetig wachsende Zweig der Intimchirurgie etwa, der mit der Verkleinerung von Vulvalippen wirbt, kann schwerwiegende Funktions- und Empfindungseinschränkungen zur Folge haben.
85 Prozent aller Eingriffe bei Frauen durchgeführt
Dass die Branche solche OPs als Empowerment verkauft, ist nicht weiter verwunderlich – wohl aber, dass sie damit durchaus Anschluss in progressiven Kreisen findet. So argumentierte beispielsweise die Moderatorin Sophie Passmann jüngst: Frauen hätten ohnehin nicht die Wahl, ob sie auf ihr Äußeres reduziert werden – sie könnten lediglich entscheiden, wie sie damit ressourcenschonend umgehen – zu ihren eigenen Bedingungen. Das ist völlig richtig – aber dennoch nicht zwingend feministisch.
Denn all die Eingriffe folgen einem Schönheitsideal, das Männer formuliert haben, die sich selbst viel seltener Schönheitsidealen unterwerfen: So werden 85 Prozent aller Eingriffe immer noch bei Frauen durchgeführt.
Wo bleibt die Regulierung von KI-Bildern?
Umso dringlicher ist die Frage nach Regulierung und Transparenz. Eine Petition zur Kennzeichnung von KI-generierten und bearbeiteten Bildern in den Sozialen Medien liegt seit Monaten bei den Ministerien vor, doch getan hat sich bisher nichts.
Doch die eigentliche Auseinandersetzung beginnt davor – denn die Entscheidungen für ästhetische Eingriffe entstehen nicht im luftleeren Raum. Wir sollten uns fragen: Woher stammt dieser verdammte Perfektionsdruck, der sich als eigener Wille tarnt? Und was müsste passieren, damit sich endlich etwas ändert?
Vielleicht liegt genau darin die Zumutung: anzuerkennen, dass man nicht nur ein Opfer des gesellschaftlichen Drucks ist – sondern dass man, indem man die Maßstäbe übernimmt, auch an ihrer Stabilisierung mitwirkt.

























