Kommentar

Die Diagnose toxische Männlichkeit greift zu kurz

05:02 Minuten
Bodybuilder Chris Baumann zeigt seine Rückenmuskeln auf der Internationalen Leitmesse für Fitness, Wellness und Gesundheit sowie Bodybuilding, Kraftsport und Kampfsport in Köln.
Männlichkeitsbilder sind noch immer von alten Rollenmustern geprägt: Muskeln gleich Stärke und Dominanz. © picture alliance / Panama Pictures / Christoph Hardt
Überlegungen von Alexander Yendell |
Audio herunterladen
Wenn wir von „toxischer Männlichkeit“ sprechen, benennen wir ein sichtbares Phänomen – und verfehlen die Ursache. Das Problem ist nicht Männlichkeit, sondern eine narzisstische Dynamik aus Dominanz, Abwertung und Angst – an der auch Frauen mitwirken.
Ein Mann inszeniert sich als unerschütterlich, zeigt keine Schwäche und macht Gegner verächtlich. Stärke wird zur Härte, Kontrolle zur Tugend. Oft gehört auch eine demonstrative Sexualität dazu – viele Frauen, viel Inszenierung von Potenz und Überlegenheit, wie bei Donald Trump. Oder als aggressive Form von Männlichkeit, die Härte und die Abwertung von Schwäche betont, wie bei Wladimir Putin.

Auch Frauen zeigen toxische Verhaltensmuster

Aber das ist nur ein Teil des Bildes. Denn diese Dynamik beschränkt sich nicht auf Männer. Fälle wie Ghislaine Maxwell oder Beate Zschäpe zeigen, dass auch Frauen solche Muster tragen und weitergeben. Auch politisch zeigt sich das, etwa bei Giorgia Meloni oder Alice Weidel.
Und trotzdem läuft diese Debatte meist unter einem Begriff: „toxische Männlichkeit“. Der Begriff trifft etwas, aber er greift zu kurz. Er beschreibt ein Muster, das häufig männlich auftritt, aber nicht nur Männer betrifft.
Gemeint ist vielmehr: Dominanzstreben, Abwertung, Wut – und die Abwehr von allem, was als „schwach“ gilt. Klaus Theweleit beschreibt Härte als Schutzpanzer gegen die Angst vor Kontrollverlust. In der Psychologie fasst man solche Muster häufig unter Narzissmus. Ein instabiler Selbstwert wird stabilisiert – durch Überlegenheit, Kontrolle und Abwertung.
Für viele Männer wird dieses Verständnis einer „harten“ Männlichkeit dabei zum zentralen Ausdruck. Sie nutzen Stärke und sexuelle Potenz als Zeichen von Überlegenheit und werten Verletzlichkeit ab. Das prägt Beziehungen.

Angst vor Kontrollverlust

Narzisstisch strukturierte Männer vermeiden Nähe, weil sie Kontrollverlust fürchten. Sie trennen Sexualität von Bindung und nutzen Beziehungen zur Selbstbestätigung. Die Psychoanalyse spricht hier von der Madonna-Hure-Spaltung: Frauen erscheinen entweder idealisiert oder entwertet – aber nicht als beides zugleich.
Auch kulturell taucht diese Spaltung wieder auf. Otto Kernberg beschreibt, dass Kitsch und Pornografie dieselbe Struktur teilen: idealisierte Liebe hier, entkoppelte Sexualität dort. Was wie Stärke wirkt, ist oft Abwehr.
Diese Dynamik entsteht nicht nur im Individuum, sondern zwischen Menschen. Einer dominiert, ein anderer stabilisiert das Verhalten. Auch Frauen wirken hier mit: Sie belohnen Härte, tolerieren Grenzüberschreitungen und geben solche Muster weiter.

Eine Ordnung, die Dominanz belohnt

Diese Logik setzt sich in gesellschaftlichen Maßstäben fort. Erfolg wird über Wettbewerb und Durchsetzung definiert, Fürsorge gilt als weniger wertvoll. Genau darin zeigt sich das, was oft als „patriarchal“ beschrieben wird: eine Ordnung, die Dominanz belohnt.
Auch das verstärkt narzisstische Dynamiken. Und auch Frauen reproduzieren solche Muster – oft in komplementären Rollen, die Dominanz stabilisieren, etwa durch Anpassung, Bestätigung oder das Aushalten und Deuten von Grenzüberschreitungen.
Besonders deutlich wird all das in autoritären politischen Dynamiken und in Konflikten bis hin zum Krieg. Dort wird die Welt vereinfacht: in stark und schwach, in Freund und Feind. Feindbilder stabilisieren das Selbst und treiben Konflikte an.
Dass Männer häufiger schwere Gewalt ausüben, ist gut belegt. Auch biologische Unterschiede spielen eine Rolle. Diese sind nicht per se problematisch. Gefährlich werden sie, wenn sie auf narzisstische Dynamiken treffen. Dann verbindet sich Stärke mit Kränkbarkeit – und Gewalt wird wahrscheinlicher. Besonders eskalierend wirkt es, wenn paranoide Deutungsmuster hinzukommen.

Dynamik aus Abwertung und Angst

Wenn wir von „toxischer Männlichkeit“ sprechen, benennen wir ein sichtbares Phänomen. Aber wir verfehlen die Ursache. Das Problem ist nicht Männlichkeit. Das Problem ist eine narzisstische Dynamik aus Dominanz, Abwertung und Angst.
Und daraus ergibt sich auch eine andere Antwort auf die Frage: Wo bleiben die Frauen? Sie stehen nicht daneben. Sie wirken mit.
Wer das Problem nur bei Männern sucht, greift zu kurz. Was es braucht, ist etwas anderes: ein gemeinsames Aufbegehren gegen Narzissmus, Autoritarismus und Dominanz – unabhängig vom Geschlecht.

Alexander Yendell ist Soziologe am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt am Standort Leipzig.

Mehr zu toxischer Männlichkeit