Matthias Kurt: „Rechts – Deutsch / Deutsch – Rechts“

Noch eine Polemik im Wörterbuchformat

07:33 Minuten
Cover des Buches "Rechts – Deutsch / Deutsch – Rechts"
© Yes Verlag

Matthias Kurt

Rechts – Deutsch / Deutsch – RechtsYes Verlag, München 2026

192 Seiten

16,00 Euro

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Zwei neue polemische Wörterbücher streiten um die politische Sprache. Der Auftakt richtete sich gegen linke Sprache, ein anonymer Autor kontert gegen rechte Sprache. Doch die Replik ist ebenso schlecht recherchiert und teils wohl mit KI verfasst.
Inzwischen gibt es auf den Band „Links – Deutsch / Deutsch – Links“, herausgegeben von Pauline Voss und Julian Reichelt eine Replik aus dem linken Lager, sie heißt „Rechts – Deutsch / Deutsch – Rechts“ und kommt in fast identischer Aufmachung mit etwas schlechterer Papierqualität daher. Aber während das NIUS-Buch zum Bestseller wurde, ist diese Replik kaum mehr als ein Kuriosum geblieben.
Schon der Autorenname ist erfunden: „Matthias Kurt“ ist ein Pseudonym. Die Texte selbst legen nahe, dass eine Künstliche Intelligenz mitgeschrieben haben könnte. Die Stoßrichtung ist aber die Gleiche, nur unter umgedrehten Vorzeichen: Alles, was die politische Rechte behauptet, sei falsch.

Stichwörter wie Meinungsfreiheit oder Migration

Es gebe keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, Migration sei gut, man solle Experten und Wissenschaft vertrauen. Wenn der Staat jemanden verfolge oder einsperre, dann habe das seine Richtigkeit. Jeder Eintrag folgt dabei demselben Aufbau: Was die Rechten „meinen“, was sie „sagen“ und „was sie verschweigen“. Anschließend gibt es eine „Übersetzungshilfe“, die noch einmal zusammenfasst, warum die Rechten sich angeblich lächerlich machen.
So heißt es etwa unter dem Stichwort „Meinungsfreiheit“, die Klage „Man darf ja nichts mehr sagen“ bedeute eigentlich: „Ich möchte meine Ressentiments verbreiten, ohne dass mir jemand widerspricht.“ Was die Rechten verschwiegen, sei, dass das Grundgesetz die Meinungsfreiheit tatsächlich schütze. Als Übersetzungshilfe wird angeboten: „Wer ‚Man darf ja nichts mehr sagen!‘ ruft, beweist im selben Moment, dass er es sehr wohl darf. Das Problem ist nicht fehlende Freiheit, sondern vorhandener Widerspruch.“

Reale Einschränkungen der Meinungsfreiheit werden unterschlagen

Das ist richtig beobachtet, einerseits. Andererseits verschweigt der Band geflissentlich, dass es in den letzten Jahren auch reale Einschränkungen der Meinungsfreiheit durch den Staat gegeben hat – etwa dass seit 2021 Äußerungsdelikte gegen Politiker besonders scharf geahndet werden oder dass manche Äußerungen auf propalästinensischen Protesten nicht mehr erlaubt sind.
Dadurch, dass solche Einwände, die nicht nur von rechts formuliert werden, keinen Raum bekommen, entsteht ein unschönes Spiegelbild des NIUS-Bands. Denn das Ganze ist in seiner Selbstzufriedenheit so vorhersehbar, dass kaum vorstellbar ist, jemand mache sich tatsächlich die Mühe, die Einträge zu lesen.

Beiden Büchern geht es nicht darum, den politischen Gegner zu verstehen

Darum, den politischen Gegner besser zu verstehen, geht es jedenfalls in beiden Büchern nicht. Während die Rechte momentan allerdings ziemlich gut darin ist, ihn mithilfe scharfer Polemik bloßzustellen, wirkt die linke Replik seltsam blutleer. Denn wer ständig Demokratie und Rechtsstaat hochhält, dem stünde es eigentlich gut zu Gesicht, mit einer gewissen Gelassenheit auf die Bücher des politischen Gegners zu reagieren.
Wer dagegen polemisch zur Sache gehen will, der muss vielleicht den Anspruch, der bessere Demokrat zu sein, aufgeben. So fragt man sich jedenfalls, ob es nicht klüger gewesen wäre, das Wörterbuch unbeantwortet ein paar Wochen auf der Bestsellerliste stehen zu lassen.
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