Pauline Voss, Julian Reichelt (Hg.): „Links – Deutsch / Deutsch – Links“
© Westend Verlag
Polemik im Wörterbuchformat
07:33 Minuten

Pauline Voss, Julian Reichelt (Hg.)
„Links – Deutsch / Deutsch – Links“ Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026192 Seiten
20,00 Euro
Zwei neue polemische Wörterbücher streiten um die politische Sprache. Das eine davon ist schon ein Bestseller: Die NIUS-Chefs Pauline Voss und Julian Reichelt verspotten darin das linke Vokabular.
Man könnte meinen, der deutsche Leser sehne sich nach Jahren der Polarisierung danach, den politischen Gegner besser zu verstehen. Auf den ersten Blick scheint der Spiegel-Bestseller „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ genau das anzubieten. Schließlich tritt er als Wörterbuch auf. Doch erläutert oder übersetzt wird hier nichts. Wer die Einträge zu Begriffen wie „Brandmauer“, „Geschlechtsidentität“ oder „LGBTQIA+“ aufschlägt, findet kurze Polemiken aus der NIUS-Redaktion. Sie greifen einen linksliberalen Topos heraus und geben ihn der Lächerlichkeit preis.
Stichwörter wie Gemeinwohl oder Femizid
Über den Begriff „Femizid“ etwa erfährt man, er sei „das Steckenpferd radikaler Aktivist[en ist], die behaupten, Frauen würden täglich von der toxisch[en] Männlichkeit systematisch ausgelöscht, während sie Statistiken im Kontext von Zuwanderung ignorieren und stattdessen den Zeitgeist mit Opfer-Narrativen fluten.“ Tatsächlich ist „Femizid“ ein in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen gebräuchlicher Begriff für die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind.
Beim Stichwort „Gemeinwohl“ lernt der Leser dann, dass der Begriff von linksradikalen Aktivisten gekapert worden sei. In Wahrheit schaffe das Profitstreben privater Akteure das meiste Gemeinwohl. Die kurzen Texte, die sich vor allem um Gender, Meinungsfreiheit und Israel drehen, gelingen mal mehr und mal weniger.
Einige Autorinnen und Autoren, darunter Mitherausgeberin Pauline Voss, schaffen es tatsächlich, mit klugen Beobachtungen auf Leerstellen des linksliberalen Diskurses hinzuweisen. Etwa beim Stichwort „Prüfen“. Voss kritisiert, dass das viel diskutierte Verfahren zur Prüfung eines AfD-Verbots den politischen Prozess an ein Expertengremium auslagere: „Denn eigentlich wird in einer Demokratie ohnehin alle vier Jahre geprüft, und zwar durch das Volk. […] Die Prüf-Bewegung zielt also nicht vornehmlich darauf ab, zu prüfen, sie will bloß den Richter auswechseln: Statt des Volkes soll das oberste Gericht entscheiden, wer die Wahl gewinnen und wer gar nicht erst antreten darf.“
Manche Texte scheitern schon an den Fakten
Andere Autoren scheitern dagegen schon an einfachen Fakten. Im Eintrag zu „Genozid“ etwa heißt es, der Begriff sei nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Juristen Raphael Lemkin geprägt worden. Tatsächlich tat Lemkin das schon 1944, also noch während des Kriegs. Solche Schlampigkeiten ziehen sich durchs Buch: Meldungen der Deutschen Welle werden mehrfach dem Deutschlandfunk zugeschrieben, Zahlen sind ungenau, Behauptungen werden nicht belegt.
Dass die Autoren mit dem Buch eine größere Agenda verfolgen, macht Mitherausgeber Julian Reichelt im Vorwort deutlich. Schon im ersten Satz heißt es, nichts sei mächtiger als Sprache. Aller gesellschaftliche Wandel beginne mit ihr. Deshalb sei das Buch ein leidenschaftlicher Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis linker Sprache. Was zu diesem Ausbruch dazugehört, sind also keine Angriffe auf die verrücktesten Auswüchse der radikalen Linken, sondern schlicht auf alles, was nicht in die verquere Sicht der Autoren von Rechtsaußen passt.
Großer Fokus auf Israel
Etwas verwunderlich ist der Fokus, den der Band auf die Verteidigung Israels legt. Sie wird mit einer propagandistischen Härte betrieben, bei der sich selbst das Weiße Haus oder die israelische Botschaft noch etwas abgucken könnten. Der Krieg gegen den Iran ist eine „US-Initiative zur Befriedung der Region“, Israel habe das Atomprogramm des Iran im Jahr 2025 „pulverisiert“, die Gefahr eines Flächenbrands sei schon immer reine Panikmache.
Der Eintrag zum Stichwort „Palästina“ beginnt mit der Behauptung, Palästinenser habe es historisch „nie gegeben“. Wenn es darum geht, ihre rechten Positionen vertreten zu dürfen, verteidigt die NIUS-Fraktion die Meinungsfreiheit. Wer aber Israel kritisiert oder gar das Existenzrecht des Staates leugnet, gegen den soll der Staat gerne mit aller Härte vorgehen.











