Wissen ist Macht / Wie schief gedacht! / Wissen ist wenig. / Können ist König!
Johann Frank, Johannes Berchtold: "Ethos der Macht"
© Duncker & Humblot
Über die Konnotationen der Macht
07:54 Minuten

Herausgegeben von Johann Frank und Johannes Berchtold
Ethos der MachtDuncker & Humblot, Berlin 2025740 Seiten
60,00 Euro
Ein Sammelband mit schwergewichtigen, aber ausschließlich männlichen Denkern von Peter Sloterdijk bis Herfried Münkler beschäftigt sich mit dem "Ethos der Macht". Indes sind nicht alle Beiträge profund und zielführend, einige sogar ärgerlich.
Reflexionen über Macht kranken oft an zweierlei: Entweder an einem Überschuss an rhetorischem Moralismus. Oder an jener affirmativen Haltung, die jegliches für notwendig oder gar für gut erklärt, nur weil es sich durchgesetzt hat. Letztere Position ließe sich mit Donald Trump und dessen Schönrednern assoziieren, während hingegen der auf „europäische Werte“ rekurrierende Appell an das Hohe und Hehre oft fatal folgenlos bleibt.
Der wissenschaftliche Sammelband „Ethos der Macht“ verspricht deshalb eine Lücke zu schließen. Seine Herausgeber Johannes Berchtold und Johann Frank sind österreichische Akademiker mit langjährigen Erfahrungen in Bundesministerien, Frank ist darüber hinaus Generalmajor.
Europa, was nun?
Was deutschen Kollegen mit vergleichbarer Berufserfahrung wohl nie in den Sinn gekommen wäre, haben die beiden ihren über ein Dutzend Mitautoren freundlich abgefordert: Am Ende der jeweiligen Aufsätze zu unter anderem den rechtsstaatlichen, sprachlichen oder religiösen Prägungen (west-)europäischer Machtgeschichte, Militär- und Institutionenhistorie finden sich „Kunstempfehlungen“ zu Malerei und Musik, die das jeweilige Thema erweitern sollen. Hinzu kommt, und das sogleich im Vorwort, ein kluger Vierzeiler von Peter Rosegger:
Wer das mitunter geradezu Schroff-Amusische deutscher Politologen peinvoll erlebt hat, ist mit diesem Band also auch ästhetisch bestens bedient. Geschrieben wurden die Texte zwar noch in der späten Biden-Zeit, beschäftigen sich jedoch mit jenen kulturellen (west-)europäischen Malaisen, die inzwischen noch offenbarer geworden sind – und der mehr als nur partiellen Unfähigkeit Europas zu rationaler Machtpolitik.
Freilich bleibt's nicht beim Barmen. Weder in Peter Sloterdijks ermutigender Eloge auf Europas „langfristige Lerndynamik“ noch in Herfried Münklers Mahnungen zu einer europäischen Machtpolitik, die Humanität und Pragmatismus nicht als Gegensätze sieht und denkt.
Wenn jedoch selbst Münkler, der Realist und renommierte Politikwissenschaftler, die diversen Staaten Südosteuropas als „postimperialen Raum“ bezeichnet (die er freilich nicht dem expansiven Russland überlassen möchte), zeigt sich eine bedenkliche Schieflage. Denn vor allem über die Ukraine wird hier geschrieben, während sich genuin osteuropäische Positionen nirgendwo in diesem immerhin über 700 Seiten dicken Band finden.
Ein ärgerlicher Ukraine-Beitrag
Besonders ärgerlich wird es, wenn ein in Jena lehrender Professor für Medizinethik (!) den Angriffskrieg Russlands, dessen innere Beschaffenheit ihm keine Reflexion wert ist, in geradezu absurdem Bildungsdünkel mit dem Krieg des antiken Athen gegen Melos in Beziehung setzt.
Zudem übernimmt er die Moskauer Propagandalüge vom ukrainischen „Bürgerkrieg“, unterbreitet in dozierender Hybris der Ukraine „zwei konträre Lösungsangebote“ und bezieht sich ansonsten fleißig auf Sahra Wagenknecht, Alice Schwarzer und jenen einstigen Merkel-Berater Erich Vad, der seit dem 24. Februar 2022 die Ukraine quasi zur Kapitulation auffordert. Kein Zufall, dass in dieser Perspektive eine wertebasierte Verteidigungspolitik, verkörpert von der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock, lediglich als Zerrbild emotionalen Überschwangs erscheint, zu dem man sich „hinreißen“ lässt.
Klaus Honraths Beitrag „Der gerechte Krieg bei Thomas Mann“ spürt hingegen den antiwestlichen Ressentiments des einstigen Verfassers der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ derart subtil-verständnisvoll nach, dass der spätere fulminant formulierende Nazigegner geradezu abgewertet wird: „Im Grunde genommen wiederholt Mann in Bezug auf den Faschismus das Freund-Feind-Denken Carl Schmitts. […] Thomas Mann hat doch eine bemerkenswerte Kälte gegen die in ihren Trümmern liegenden Deutschen gezeigt.“
Europa als unterschätzter Kontinent
Wenn bei Johannes Berchtold das Christentum mit seiner segensreichen Zwei-Reiche-Lehre als Basis für den Gedanken des Liberalismus und die Praxis der Gewaltenteilung gewürdigt wird, ist das in Zeiten von rechtspopulistischem Tribalismus und linkem Kulturrelativismus überaus verdienstvoll.
Wenn allerdings der Philosoph Egon Flaig seine Thesen zur Opferbereitschaft in Demokratien zu abstraktem Gerede über „gutmenschliche Ideologien“, „Hypermoral“ und "NGO-Kultur" verflacht, entwertet er nichts weniger als Europa selbst. Im Kampf gegen den Nationalsozialismus, in der Abwehr des Kommunismus, im einst dissidentischen Widerstehen gegen den Kreml und im heutigen Freiheitskampf der Ukraine bietet der Kontinent nun wahrlich genügend beeindruckende Beweise für authentische Opferbereitschaft.
So verdienstvoll dieser Sammelband in vielen Beiträgen auch sein mag – seine reduzierte Perspektive zeigt ihn dann doch eher als Symptom denn als Antidot zu europäischer Machtvergessenheit.


















