Philosophie
Ein Denkmal des dänischen Philosophen Kierkegaard in Kopenhagen - für ihn beginnt Unzufriedenheit mit dem Vergleich mit anderen © picture alliance / akg-images / akg-images / Jürgen Raible
Unzufriedenheit als Antrieb für Veränderung

Unzufriedenheit ist selten angenehm. Für viele Philosophen ist sie aber der Grund, wieso Menschen ihr Leben in die Hand nehmen und aktiv gestalten. Ist Unzufriedenheit der notwendige Motor für Veränderungen?
Die heutige Zeit wirkt wie ein Verstärker allgemeiner Unzufriedenheit: ein riesiges Angebot an Optionen und möglichen Lebenswegen, das am Ende eher überfordert als begeistert. Was will ich arbeiten? Wo will ich leben? Wen auf meiner Dating-App möchte ich nach all den Swipes und Matches tatsächlich kennenlernen?
Anderswo ist das Gras immer grüner
Bei einem überwältigenden Angebot wird es immer schwieriger, sich zu entscheiden. Mit immer unzufriedenerem Ausgang: Wer im Supermarkt zwischen drei Sorten Marmelade wählen kann, wird später zufriedener mit seiner Wahl sein als derjenige, der vor 30 Sorten stand. Es gibt zu viele verpasste Möglichkeiten - zu viele Gründe, die getroffene Wahl zu hinterfragen.
Hinzu kommt die ständige Angst, etwas zu verpassen – bekannt als FOMO, Fear of Missing Out. Und: Der ständige Vergleich mit anderen in Sozialen Medien stellt die eigenen Entscheidungen und Leistungen schnell in den Schatten. „Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, schrieb der dänische Philosoph Søren Kierkegaard.
Der unstillbare Durst nach mehr
Ein Forschungsteam der Universität Princeton hat herausgefunden, dass das Vergleichen mit anderen trotzdem einen Nutzen haben könnte - einen evolutionären. Das menschliche Gehirn sei im Laufe der Evolution darauf trainiert worden, die eigene Situation mit anderen zu vergleichen - und habe dadurch schneller gelernt, eine gute Gelegenheit zu nutzen, wenn sie sich ergab.
Wenn sich für die frühen Menschen die Option auftat, ein Mammut zu erlegen, war das für das Überleben der Gruppe zentral. Heute bringt ein vollgepacktes Supermarktregal mehr Frust als Vorteil. Und den Gedanken: Was mich eben noch befriedigt hat, reicht mir schon gleich nicht mehr, wenn ich sehe, dass ich es noch besser hätte treffen können.
„Wir sind in diesem Kreislauf von nie endenden Wünschen und Bedürfnissen gefangen“, sagt Rachit Dubey aus dem Princeton-Team. Deshalb müssten wir uns als Gesellschaft überlegen, wie wir uns davon befreien können, einem ständigen Mehr hinterherzujagen. Denn egal, wie viel wir konsumieren: Unser Gehirn habe nie genug, sagt Dubey.
Das nutzt vor allem dem Kapitalismus. "'I can’t get no satisfaction' ist das Grundprinzip des Kapitalismus“, sagt der Philosoph Arnd Pollmann. „Ich konsumiere, also bin ich. Aber ich bin immer nur ganz kurz zufrieden. Dann muss ich wieder konsumieren.“
Stoische Gelassenheit als Weg aus der Unzufriedenheit?
Was Unzufriedenheit mit unserem Leben macht, beschäftigte bereits die Antike. Sich freizumachen von einem unstillbaren Bedürfnis, das zwangsläufig unzufrieden macht - den Ratschlag von Princeton-Forscher Dubey - gaben bereits die Stoiker. Die Devise der Anhänger der griechischen Philosophie des Stoizismus lautet: Gelassenheit. Um dieses zu erreichen, wollen Stoiker sich emotional von all dem lösen, das sie stören könnte. Unzufriedenheit ist für sie ein Hindernis für ihr Glück.
Anders als die Stoiker hält Philosoph Pollmann Unzufriedenheit nicht für etwas, das überwunden werden muss. „Bestimmte Unzufriedenheiten über die Unzulänglichkeit dieser Welt sind vollkommen berechtigt", sagt Pollmann. Oft sei sie ein wichtiger Indikator, der zeigt, dass Menschen etwas an ihrem Leben ändern sollten.
Wie Unzufriedenheit glücklich machen kann
Der englische Philosoph John Locke hat Begehren als „uneasiness“ definiert - eine Art von Unzufriedenheit. Sie sei wie ein Stachel, der dafür sorge, dass wir uns im Leben bewegen. Die Unzufriedenheit steht für viele Denker am Anfang des Handelns. Ähnliche Konzepte finden sich auch bei den Philosophen Immanuel Kant und Friedrich Nietzsche.
Unzufriedenheit kann also produktiv sein - und Menschen dazu bringen, ihr Leben zu ändern, um ihr Glück zu finden. Dazu können sie sich fragen, warum sie unzufrieden sind. Zum Beispiel wegen sih selbst, wegen ihres Berufs, ihrer Partnerschaft oder dem Ort, an dem sie ihr Leben verbringen. Wer den Grund für seine Unzufriedenheit kennt, weiß, was er ändern muss - und was nicht.
Pollmann zieht noch mehr Positives aus der Unzufriedenheit. Sie lehre uns, Glück als selten zu begreifen und zu schätzen. Zu akzeptieren, dass das Leben aus beidem besteht - und gleichzeitig zu erkennen, dass es im Leben auf uns selbst ankommt. „Zufriedenheit ist erarbeitet und verdient“, sagt Pollmann.
Mehr Tugend für mehr Zufriedenheit
Das Ziel des Stoizismus - mehr Gelassenheit - ist in vielen Situationen durchaus klug. Gleichzeitig kann Unzufriedenheit unsere Prinzipien stärken. Wer enttäuscht und wütend vom Fehlverhalten anderer oder von Missständen in der Welt ist, kann bewusst einen Gegenentwurf leben - und so bei allem, was schiefläuft, abends guten Gewissens in den Spiegel blicken.
Der antike griechische Philosoph Aristoteles lehrt: Menschen kommen nicht mit Tugenden auf die Welt. Sie müssen sie einüben. Und dafür brauchen sie Vorbilder. „Seien Sie selbst ein Vorbild“, sagt Philosoph Pollmann. „Das wird Sie zufriedener machen.“
Pollmanns letzter Tipp: Genügsamkeit. Mit weniger zufrieden sein, langsamer konsumieren, Dinge bewusster wahrnehmen. Die Logik des „höher, schneller, weiter“ durchbrechen.
Interviews und Audio-Beiträge: Catherine Newmark, Christine Westerhaus
Online-Text: Annika Säuberlich
Online-Text: Annika Säuberlich

