Meinung: Gut genug?
Sänger Rayan Djima von der Band Blumengarten - zusammen mit KitschKrieg und Shirin David gelang ihnen mit dem dem Song "Gut genug" ein internationaler Erfolg © IMAGO / Jan Huebner / IMAGO / Madeleine Fantini
Die Kunst, Maßstäbe richtig zu setzen
04:18 Minuten

Wie wäre es, wenn „gut genug“ ausreicht? Die Frage stellt sich diesen Sommer mit dem viralen Hit „Gut genug“ mit besonderem Nachdruck. Es kann heilsam sein, sich mit Erreichtem zufriedenzugeben, doch es ist nicht in jeder Situation angebracht.
Gut genug?
Immer nach Exzellenz, Perfektion, dem Nonplusultra zu streben, gilt als Anleitung zum Unglücklichsein, das wissen wir. Trotzdem tun viele es ständig. Und wundern sich dann, warum sie so selten zufrieden sind.
Na, fühlen Sie sich ertappt?
Wie wäre es, wenn „gut genug“ es auch mal tun würde? Die Frage stellt sich diesen Sommer mit besonderem Nachdruck. „Gut genug“ von KitschKrieg, Blumengarten und Shirin David ist als viraler Hit international unterwegs; die Zeile „Du bist gut genug“ steht zudem in den Top Zehn der Jugendwort-Wahl.
Selbsthilfe und Achtsamkeit: Wie die innere Einstellung entscheidet
Natürlich kommt „Du bist gut genug“ ursprünglich aus der Welt der Selbsthilfe-Mantras. Anzuwenden gleich morgens nach dem Aufstehen, zwischen Augenringen und Zahnpastafleck, beim zweifelnden Blick in den Spiegel. Und immer dann, wenn man sich – die innere Achtsamkeit vorausgesetzt – gewahr wird, dass man beginnt, sich selbst fertigzumachen, sich kleinzureden.
Buddhisten wissen schon lange, dass es heilsam sein kann, nicht immer alles verändern und optimieren zu wollen, vor allem, wenn klar ist, dass der persönliche Einfluss auf vieles – je nach Ressourcenlage und individuellen Fähigkeiten – doch begrenzt ist. Besser die Erwartungen etwas runterschrauben, die innere Einstellung ändern. So kann Zufriedenheit gedeihen.
Exzellenz vs. Kunst: Wann Unzufriedenheit notwendig ist
Das ist ein hoher Anspruch - und in manchen Bereichen geht er nicht auf. In der Literatur zum Beispiel. „Every book is the wreck of a perfect idea“, heißt es in einem Iris Murdoch zugeschriebenen Zitat: „Jedes Buch ist das Wrack einer perfekten Idee“. Wer schreibt, kennt das. Zwischen dem Roman im Kopf und dem Roman auf dem Papier liegt ein Friedhof guter Absichten.
Kunst darf unzufrieden sein. Forschung erst recht. Der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft sollten also ihre Exzellenzstrategie für die deutschen Unis bestimmt nicht in eine Gut-genug-Strategie umtaufen. Spitzenforschung brauchen wir, Spitzenleistungen auch. Aber wann reicht es?
Die Kunst besteht also nicht darin, den Maßstab abzuschaffen, sondern ihn an den richtigen Ort zu stellen. Ein ICE mit 25 Minuten Verspätung ist nicht pünktlich genug, weder für den Anschluss noch für das Vertrauen in die öffentliche Infrastruktur. Die Bahn soll besser werden, nicht wir bloß gelassener.
Psychische Flexibilität: Warum Zielanpassung kein Aufgeben ist
Beim idealen Job ist die Sache anders. Viele Menschen bleiben in einem Job, der sie nicht begeistert – aus Vernunft, aus Vorsicht, manchmal auch aus Erschöpfung. Sie kündigen nicht, aus Sorge, in der aktuellen Lage keinen neuen zu finden. Diese Menschen stehen vor der Challenge, entweder unglücklich zu sein, oder anzuerkennen oder sich einzureden, dass ihr aktueller Job gut genug ist – für den Moment zumindest.
Zielanpassung bedeutet nicht immer aufzugeben, sondern psychische Flexibilität. Wenn ich es schaffe, zu erkennen, dass die vorher nur einmal von einem anderen Menschen getragene, neuwertige Jacke mir genauso das Gefühl gibt, mir etwas Schönes geleistet zu haben, und zwar für den halben Preis der nagelneuen Jacke, dann bin ich nicht allein.
Der Online-Handel auf Secondhand-Plattformen wächst spürbar. Vielleicht, weil Nachhaltigkeit manchmal einfach bedeutet, den eigenen Narzissmus nicht für ein Naturgesetz zu halten.
„Gut genug“ als Absage an die tägliche Selbstoptimierung
„Gut genug“ ist kein Motto für die ganze Welt. Es taugt nicht für Notaufnahmen, Mietwohnungen oder Bahnpolitik. Doch als Antwort auf die tägliche Selbstoptimierung ist der Satz erstaunlich radikal: Ich muss nicht aus jedem Dienstag ein Projekt machen.
Und wenn uns jemand fragt: „Hi, wie geht’s?“, dann muss es weder das gelogene „Super!“ sein noch das deutsche „Muss ja“. Vielleicht reicht, sofern Miete, Gesundheit und ein paar freundliche Menschen nicht gerade wegbrechen: „Danke. Gut genug.“
Und wenn dieser Beitrag nicht perfekt geworden ist: Sie wissen schon.












