Yogi-Tee, Affirmationskarten, Buddhastatuen – ein ganz normaler Anblick in einem typischen Yogastudio. Neben einem Spiegel in der Toilette eines solchen Studios findet Kathrin Fischer auch eine Postkarte.
„Auf ihr stand in fließender Handschrift: All you need is inside.“
Genau diese Haltung kritisiert die Journalistin und Podcasterin in ihrem Buch scharf. Denn der Trend zur Achtsamkeit, zu Yoga, Meditation, Coaching und clean living, führe laut der Autorin dazu, dass wir uns vorrangig um das „Inside“ kümmern, also unser Inneres – aber eben viel zu wenig um das „Outside“, also unsere gemeinsame Welt. Ihre These lautet:
„Die boomenden Praktiken der Achtsamkeit stellen eine neoliberale Praxis dar, weil sie Stress und Erschöpfung entpolitisieren und damit individualisieren.“
Eine Strategie, um immer mehr Belastungen auszuhalten
Achtsamkeit sei im Privaten durchaus sinnvoll und auch eine nachvollziehbare Reaktion auf die latent gestiegenen Anforderungen und die multiplen Krisenerfahrungen in der Welt – und damit ein, Zitat, „Versuch der Stabilisierung“, wie die Autorin schreibt. Allerdings sei dies eine rein individuelle Strategie, die letzten Endes dazu diene, immer mehr Belastungen auszuhalten, die der Neoliberalismus uns aufbürde:
„Immerzu soll die Einzelne ihr Selbst durch bessere Gefühle an die eskalierenden Katastrophen anpassen. Eine kollektive, politische Steuerung scheint hingegen keine Möglichkeit. Stattdessen singen wir am Ende der Yogastunde Shanti für den Frieden in der Welt, lassen good vibes only in die Welt strahlen oder tragen T-Shirts mit dem Aufdruck Trust the Universe.“
Milliardenschwere Bewirtschaftung der Erschöpfung
Achtsamkeitspraktiken und das dazu gehörige Equipment sind demnach lukrativer Bestandteil der, Zitat, „milliardenschwere[n] Bewirtschaftung der Erschöpfung und des Stresses“, schreibt die Autorin. Dieser Leidensdruck sei durchaus real und treffe vor allem Frauen.
Allerdings suchten wir mit den falschen Mitteln und am falschen Ort – nämlich im Privaten, statt im Politischen – nach einem Heilmittel gegen die immer größer werdenden ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen: Gerade die Mittelschicht, Zitat, „verachtsame“ ihren Alltag und rede sich damit ein, dass sich dadurch die Welt auf magische Weise zum Besseren ändere. Achtsamkeit könne aber eben nicht konkret dazu beitragen, in München eine bezahlbare Wohnung zu finden oder Steuerbetrug und Steuervermeidung zu bekämpfen:
„Die Überzeugung, dass Achtsamkeit die Welt rettet, hält der Realität nicht stand. Seit den 1990er-Jahren, als Achtsamkeit zur Antwort auf alle Lebensfragen wurde, schmelzen Gletscher, verschwinden Tiere, zerfallen Ordnungen. […] Die politische Bilanz von Achtsamkeit ist verheerend.“
Polemische Pauschalkritik an der Psychologie
Fischer greift dabei die Psychologie, insbesondere die Positive Psychologie, frontal an und attestiert ihr eine, Zitat, „Komplizenschaft“ mit dem Neoliberalismus: Sie befördere die Haltung, nach der man die bestehenden Verhältnisse wie Ungleichheit, Kriege und Sozialabbau nicht ändern könne, sondern nur unsere Reaktion darauf optimieren.
Auch wenn Fischer damit einen wichtigen Punkt anspricht, überzeugt ihre polemische Pauschalkritik an der Psychologie nicht in Gänze. Denn seriöse Praktiken zielen durchaus darauf ab, Verantwortung nicht nur für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen, sondern auch für die Welt, die wir mit anderen teilen.
Hannah Arendt: Engagement in und für die Welt
Bei der Frage nach möglichen Lösungsansätzen verweist Kathrin Fischer kursorisch auf eine Maxime Hannah Arendts – demnach sei die kritische Reflexion bereits ein Schritt hin zu Veränderung. Hier hätte sich ein tieferer Blick in die politische Theorie Arendts gelohnt, denn gerade sie kann als flammendes Plädoyer für das Engagement in und für die Welt gelesen werden.
Für Fischer besteht ein solches Engagement darin, sich, Zitat, „politisch den harten Interessenskonflikten“ zu stellen, also die herrschenden Eigentumsmaximen herauszufordern, die uns zunehmend vereinzeln und das Gemeinwohl zerstören – und die Spaltung in unserer Gesellschaft zu verhindern.
Abgrenzung von anderen Milieus
An dieser Stelle kritisiert sie diejenigen, die sich achtsam geben und in moralischen Überlegenheitsgefühlen suhlen, gleichzeitig aber jegliches Verständnis gegenüber Andersdenkenden verweigern. Diese, Zitat, „kultivierte Inszenierung der Achtsamkeit“ fungiert demnach auch als Abgrenzung gegenüber Menschen aus anderen Milieus und heize damit Klassenkonflikte an.
Der Trend zu obsessiven Achtsamkeitspraktiken beeinträchtigt laut Fischer aber auch grundsätzlich das Miteinander:
„Andere Menschen haben in dieser Routine kaum Platz, denn Beziehungen – zu Kindern, Partnerinnen, Freunden – stören Frieden erfahrungsgemäß ziemlich oft. So wird der Schutz der eigenen Grenzen immer häufiger als Vorwand genutzt, um Verabredungen, auch kurzfristig, abzusagen. Verpflichtet fühlt sich jede vor allem der eigenen Selbstfürsorge.“
Fischer hält der Mittelschicht den Spiegel vor
Relevant, pointiert und durchaus unangenehm – so kann man die Lektüre von „Achtsam geht die Welt zugrunde“ zusammenfassen. Mit ihrem Buch hält Kathrin Fischer insbesondere der Mittelschicht einen Spiegel vor, der kein vorteilhaftes Bild von unserer gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit zeigt.
In diesem Porträt sind wir Mitttäterinnen, Mitttäter und Opfer zugleich. Denn unser zuweilen obsessives Streben nach Achtsamkeit basiert, so Fischer, auf realem Leidensdruck und einer tief empfundenen Sehnsucht nach einem Leben jenseits neoliberaler Maximen. Einen Anfang hin zu einem solchen Leben können wir laut der Autorin jeden Tag machen. Nämlich so:
„[R]ausgehen. Zusammen sein. Feiern. Streiten. Im Chor singen. Tanzen. Die Nachbarn treffen. Fußball spielen. Smalltalk halten.“